Rassismus in Schwimmbädern und an Badestränden in den USA

Das Recht zu schwimmen

Bis in die sechziger Jahre galt in zahlreichen öffentlichen Schwimmbädern in den USA Rassentrennung. Die Folgen sind bis heute spürbar.

Im Jahr 2005 verwüstete der Hurrikan Katrina die Küste von Louisiana, fast 1.000 Menschen starben, die Hälfte von ihnen waren schwarz. Das lag nicht nur daran, dass vielen der vor allem älteren Menschen, die in den Fluten umkamen, die Ressourcen fehlten, um rechtzeitig zu fliehen – sie konnten auch oft nicht schwimmen. Viele von ihnen waren noch in einer Zeit auf­gewachsen, als in öffentlichen Bädern entweder gesetzliche oder durch sozialen Druck aufrechterhaltene Rassentrennung galt. Schwimmen galt als eine Aktivität vor allem weißer und wohl­habender Menschen. Die Folgen sind bis heute spürbar: Schwarze Kinder in den USA können Statistiken zufolge häufiger nicht schwimmen, als es im Landesdurchschnitt der Fall ist. Schwarze Menschen sterben um 50 Prozent häufiger als Weiße durch Ertrinken, bei Kindern liegt der Wert sogar noch deutlich höher.

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Kinder von Eltern, die selber das Schwimmen nicht gelernt haben, bleiben öfters ebenfalls Nichtschwimmer. Doch zusätzlich wirkt sich bis heute aus, dass ärmere Menschen weniger Zugang zu öffentlichen Bädern haben – auch das zum Teil eine Folge der Rassentrennung.
Die ersten Schwimmbäder Ende des 19. Jahrhunderts waren Orte für die Oberschicht, die ihre Pools nicht mit den sprichwörtlichen unwashed masses teilen wollte. Erst mit den großen ­öffentlichen Bauprogrammen des New Deal wurden Schwimmbäder in fast ­allen US-amerikanischen Städten errichtet und für die breite Masse zugänglich – wäre da nicht der Rassismus gewesen. Rassentrennung in Bädern und an Stränden gab es nicht nur in den Südstaaten, sondern auch in den nörd­lichen Metropolen, in die zu dieser Zeit zahlreiche schwarze Menschen migrierten, um der Armut im ländlichen Süden zu entfliehen. Nicht erwünscht in Pools für Weiße waren oft auch Latinos oder Angehörige anderer nichtweißer Bevölkerungsgruppen, aber besonders schwarze Menschen traf die Diskriminierung und die darin enthaltene Drohung, denn kaum etwas brachte die Rassisten so in Rage wie die Vorstellung, schwarze Männer könnten im selben Becken wie weiße Frauen schwimmen.

Als 1949 in St. Louis, Missouri, 30 schwarze Kinder erstmals ein zuvor nur Weißen vorbehaltenes Bad besuchen wollten, versammelte sich ein Mob aus Tausenden von Menschen.

Auch für Schwimmbäder galt die vom Obersten Gericht 1896 gebilligte Doktrin separate but equal: Es war so möglich, Schwarze aus Bädern auszuschließen, wenn diese über gleichwertige eigene Einrichtungen verfügten. Doch wie auch bei öffentlichen Schulen konnte in der Praxis von Gleichheit keine Rede sein: In von Schwarzen bewohnten Vierteln gab es statistisch weniger Schwimmbäder und diese waren auch zumeist kleiner.

1944 klagte Ignacio Lopez, der aufmüpfige Redakteur einer kalifornischen Lokalzeitung, gegen die Rassentrennung in den Schwimmbädern von San Ber­nardino, wo Latinos nur an Sonntagen schwimmen durften, weil dann nach ihnen die Pools gereinigt wurden. Es war eine der ersten er­folgreichen Klagen gegen Rassentrennung in öffentlichen Institutionen. Doch solche immer öfter auch von Bundesgerichten verhängten Urteile führten oft zu Gewaltausbrüchen. Als 1949 in St. Louis, Missouri, 30 schwarze Kinder erstmals ein zuvor nur Weißen vorbehaltenes Bad besuchen wollten, versammelte sich ein Mob aus Tausenden von Menschen.

Auch nach dem Civil Rights Act von 1964, der Rassendiskriminierung an öffentlichen Orten endgültig verbot, wurden in Bädern wie auch Schulen neue Wege zur Diskriminierung gesucht. In vielen Städten war es der YMCA, keine staatliche Organisation, sondern eine NGO, die nun häufig Schwimmbäder betrieb und den Zutritt nur den mehrheitlich weißen Mitglieder erlaubte. Andere Weiße zogen sich in noch exklusivere country clubs oder gleich in den Pool im eigenen Garten zurück. Schon bis 1962 war die Zahl der privaten Schwimmbäder landesweit auf 23.000 angestiegen, 1959 hatte es nur 10.550 gegeben.

Das war Ausdruck eines allgemeinen Trends seit den sechziger Jahren: Die weiße Mittelschicht zog sich in suburbane Exklaven zurück, wodurch sich die geographische Separierung von den oft nichtweißen ärmeren Bevölkerungsgruppen verschärfte. Hinzu kamen die verheerenden Folgen der ­Deindustrialisierung, der Wirtschaftskrise besonders in den Städten und der neoliberalen Sparprogramme für öffentliche und soziale Infrastruktur. Die Konsequenz waren Verfall und Schließung zahlreicher im New Deal entstandener öffentlicher Bäder, was bis heute fortwirkt. »Die Mittel- und Oberschicht in den Städten braucht keine öffentlichen Schwimmbäder – sie können sich private Bäder leisten«, zitiert Bloomberg den Historiker Jeff Wiltse, der eine Sozialgeschichte der Schwimmbäder in den USA geschrieben hat.