In Tschechien wird das Gelände eines ehemaligen KZ für Roma und Sinti zur Gedenkstätte umgebaut

Gedenken ohne Schweine

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers für Roma und Sinti im tschechischen Lety stand lange Zeit eine Schweinemastanlage. Nun hat deren Abriss begonnen, um endlich einem würdigen Gedenkort Platz zu machen.

Für den großen Tag war ein Livestream eingerichtet worden. Auf dem Nachrichtenportal Romea.cz konnten Interessierte verfolgen, wie am 22.Juli symbolisch mit dem Abriss der Schweinemastanlage im tschechischen Lety begonnen wurde. Ausgerüstet mit Spitzhacken und Hämmern machten sich Aktivistinnen und Aktivisten daran, den ersten Stall zu demolieren. Auf dem Gelände des Betriebs, knapp 70 Kilometer südlich von Prag gelegen, hatte sich zwischen 1940 und 1943 ein Konzentrationslager für tschechische Roma und Sinti befunden.
»Auf diesen Tag haben wir über 25 Jahre gewartet«, sagt der Roma-Aktivist Jozef Miker im Gespräch mit der Jungle World. Zahlreiche Angehörige seiner Lebensgefährtin sind in Lety oder Auschwitz ermordet worden. »Der Moment, in dem wir endlich das Tor der Schweinemastanlage passieren konnten, war wirklich unbeschreiblich.«

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Der Betrieb war 1972 auf den Überresten des ehemaligen Lagers errichtet und erst im Frühjahr 2018 eingestellt worden. Nach dem Ende des Realsozialismus rückte die Geschichte des Orts allmählich in das öffentliche Bewusstsein. Ein angemessenes Gedenken war aber auch nach der Errichtung eines ersten Erinnerungsorts 1995 in der Nähe der Schweinefarm kaum möglich. Ins­besondere der penetrante Geruch sei unerträglich gewesen, sagt Miker: »Die Leute haben sich ständig übergeben müssen. Viele sind wegen des Gestanks gar nicht mehr gekommen.«

Die Forderung, den Mastbetrieb abzureißen, hatten staatliche Stellen stets mit dem Verweis abgelehnt, die damit einhergehenden Entschädigungszahlungen an den Eigentümer seien zu hoch. Mehrfach suggerierten Politiker in antiziganistischer Manier, für das Vorhaben fehle es an Geld, weil der Staat zu viele Roma finanziell unterstützen müsse. Der damalige Finanzminister Andrej Babiš äußerte sich im Jahr 2016 sogar offen geschichtsrevisionistisch: »Es gab eine Zeit, in der alle Roma gearbeitet haben. Es ist eine Lüge, dass das Lager in Lety ein Konzentrationslager war, es war ein Arbeitslager. Wenn man nicht arbeitete – schwupps war man dort.« Babiš, der von 2017 bis Ende vergangenen Jahres Ministerpräsident Tschechiens war, entschuldigte sich später für die Aussage und versprach, Geld für den Kauf der Schweinemastanlage aufzutreiben.

Von den gut 1 300 Insassen des KZ Lety überlebten über 300 das Lager nicht, vor allem Kleinkinder starben.

Aktivistinnen und Aktivisten kritisierten, dass auch der deutsche Staat nicht bereit gewesen sei, sich an den Kosten zu beteiligen. Jan Feldmann, der Pressesprecher der sächsischen »Gruppe gegen Antiromaismus«, forderte 2017 anlässlich einer Gedenkveranstaltung in Lety die Bundesregierung auf, endlich tätig zu werden: »Die deutsche Regierung hat sich ihrer Verantwortung für die Vernichtung der tschechischen Roma bisher entzogen. Diese Verantwortung anzunehmen, würde mindestens bedeuten, die Finanzierung dieses Anliegens zu übernehmen.« Ein Jahr später beschloss die von Babiš geführte tschechische Regierung, die Schweinefarm zu erwerben. Es dauerte jedoch weitere vier Jahre, bis der Abriss begann.

Der Ort Lety ist nicht nur zum Symbol antiziganistischer Erinnerungspolitik geworden, sondern wirft auch die Frage nach tschechischer Kollaboration und Mittäterschaft auf. Bei der Errichtung des Lagers in Lety und eines ähnlichen Lagers im mährischen Hodonín griffen die deutschen Besatzer auf ein Dekret zurück, das die Tschechoslowakei noch Anfang März 1939 erlassen hatte – wenige Tage vor ihrer endgültigen Zerschlagung. »Arbeitsscheue Männer« und »arbeitsfähige umherziehende ­Zigeuner« – so hieß es darin – sollten in Lagern zur Arbeit verpflichtet werden. Ab 1940 wurden Roma und Sinti bereits in solchen Zwangsarbeitslagern interniert. 1942 begannen die deutschen Besatzer mit der systematischen Verfolgung der Roma und Sinti im Protektorat Böhmen und Mähren. Aus dem Lager in Lety wurde nun endgültig ein Konzentrationslager, in dem auch Frauen, Kinder und Alte inhaftiert waren.

Die hygienischen Bedingungen im überfüllten Lager waren miserabel. Die unterernährten Insassen leisteten Zwangsarbeit, vor allem im Straßenbau. Die Aufseher wurden aus den Reihen der tschechischen Polizei rekrutiert, auch bei den Lagerkommandanten handelte es sich um Tschechen, die jedoch deutschen Befehlen unterstanden. Von den gut 1 300 Insassen Letys überlebten über 300 das Lager nicht, vor allem Kleinkinder starben. Nach dem sogenannten Auschwitz-Erlass Heinrich Himmlers vom Dezember 1942, der die Deportation aller Roma und Sinti aus dem Deutschen Reich anordnete, organisierte die deutsche Kriminalpolizei die Deportation der überlebenden Insassen Letys in das Vernichtungslager. Insgesamt wurden mehr als 5 000 tschechische Roma und Sinti während der nationalsozialistischen Verfolgung ermordet. Lediglich etwa 600 Personen kehrten aus den Lagern zurück – eine Todesrate von fast 90 Prozent.

Einzelnen Gefangenen gelang die Flucht aus Lety, etwa dem tschechischen Rom Josef Serinek. Die Geschichte des »schwarzen Partisanen« – wie er sich selbst nannte – steht beispielhaft für den Widerstand von Roma und Sinti gegen den Nationalsozialismus, der heutzutage weitestgehend vergessen ist. Im Herbst 1942 entkam er zusammen mit seinem Bruder Karel aus dem Lager. Nachdem dieser bei einem Gefecht erschossen worden war, baute Josef Serinek in der Vysočina, dem Böhmisch-Mährischen Hochland, eine Partisaneneinheit auf. Die Gruppe bestand hauptsächlich aus geflohenen sowjetischen Kriegsgefangenen und führte mehrere erfolgreiche militärische Aktionen durch.

Jozef Miker hofft, dass es bald möglich sein wird, würdevoll an die Opfer des Konzentrationslagers Lety zu erinnern. Die neue Gedenkstätte auf dem Gelände der ehemaligen Schweinefarm soll auch eine Ausstellung über die Geschichte des Ortes enthalten. Insbesondere Schülerinnen und Schüler sollten Lety besuchen, findet Miker: »Sie sollten erfahren, an welchen schrecklichen Verbrechen ihre Vorfahren während des Krieges beteiligt waren.«

Finanziert werden der Abriss der Schweinefarm und die Errichtung der Gedenkstätte vom tschechischen Kulturministerium und einem norwegischen Staatsfonds für Demokratieför­derung, der eine Million Euro bereitstellen will. Die tschechische Regierung zahlte bereits umgerechnet 18 Millionen Euro an den Agrarkonzern AGPI für den Kauf des Mastbetriebs, weitere Millionen Euro soll die Reinigung des Geländes kosten. Deutschland wird sich nach Auskunft der Deutschen Botschaft in Prag lediglich mit der Summe von 150 000 Euro für die inhaltliche Gestaltung der Gedenkstätte beteiligen.