Transnistrien zwischen Sowjetnostalgie und Freihandel

Zwischen Sowjetnostalgie und Freihandel

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine steht der eingefrorene Konflikt zwischen Moldau und Transnistrien wieder im Blickpunkt der westlichen Öffentlichkeit. Die Geschichte und die jeweiligen Interessen sind allerdings komplexer, als viele Berichte glauben machen.

Es muss in Transnistrien viele Fenster geben. Die Straße, die die Städte Bender und Tiraspol mit der Republik Moldau verbindet, ist gesäumt mit Reklame für lokale Fensterbauer. Vor zehn Jahren wurde man an der Grenze noch von misstrauischen Grenzposten in Sowjetuniform nach Bestechungsgeld gefragt. Heutzutage gestaltet sich die Einreise in die international nicht anerkannte Pridnestrowische Moldauische Republik (PMR), wie Transnistrien offiziell heißt, völlig unkompliziert. Aus der knapp 50 Kilometer entfernten moldauischen Hauptstadt Chișinău fahren Busse im 20-Minuten-Takt. Mit der Migrationskarte, die am Checkpoint ausgeteilt wird, können Touristen bis zu 45 Tage in der PMR bleiben. Von Militärpatrouillen oder lückenloser Überwachung, die in manchen Berichten erwähnt werden, keine Spur. Lediglich zwei 18jährige Rekruten kontrollieren an einer Brücke in Tiraspol lustlos den Transitverkehr.

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Die Fahrt nach Transnistrien wird in exotisierenden Reiseberichten, die ­keine Klischees auslassen, häufig als »Zeitreise in die Sowjetunion« beschrieben. Tatsächliche Reminiszenzen an die Sowjetzeit finden sich noch im Staatswappen und auf den Münzen, den transnistrischen Kopeken. Ansonsten wird sowjetische Ästhetik vor allem für westliche Touristen mit Hang zu skurrilen Reisezielen am Leben gehalten, die in Transnistrien mittlerweile sehr willkommen sind. »Welcome to the country that doesn’t exist«, spricht uns ein Stadtführer im Zentrum von Tiraspol an und zeigt mit dem Finger auf jeden vorbeifahrenden Lada.

Vor der transnistrischen Universität in Tiraspol, die den Namen des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko trägt, wurde im vergangenen Herbst eine Bronze­statue von Harry Potter enthüllt.

In Bender und Tiraspol gibt es Kantinen und Restaurants, die bis unter die Decke mit Sowjetdevotionalien vollgestellt sind. Ein lokales Hostel bietet ­Tagestouren zu inszenierten sogenannten Lost Places, vergessenen Orten, ­sowie eine »Soviet Tour« an. Dabei ist Transnistrien keineswegs in der Vergangenheit hängengeblieben. Zwar stehen vor dem Parlamentsgebäude und dem Stadtsowjet von Tiraspol selbstverständlich Lenin-Statuen. Vor der transnistrischen Universität, die den Namen des ukrainischen Nationaldichters ­Taras Schewtschenko trägt, wurde im vergangenen Herbst allerdings auch eine Bronzestatue von Harry Potter enthüllt.

Zwischen den charakteristischen Chruschtschowkas, wie die meist in den sechziger oder siebziger Jahren errichteten fünfstöckigen Plattenbauten hier umgangssprachlich heißen, sind in Tiraspol mittlerweile viele Neubauten in jenem neoklassizistischen Stil entstanden, der in den meisten ehemaligen Sowjetrepubliken zu finden ist. In den Erdgeschosszeilen wurden in den vergangenen Jahren viele neue Läden und Cafés eröffnet. Die etwa 30jährige Inhaberin mehrerer Cafés fragt uns, was wir über Transnistrien denken. Von der Antwort, dass die aktuelle Situation bestimmt schwierig sei, ist sie sichtlich überrascht: »Wieso sollte es hier schwierig sein?« Das Geschäft laufe gut, gerade habe sie die dritte Filiale in Tiraspol eröffnet. »Wir können leicht in die EU und nach Russland reisen«, ergänzt sie. Von den 465 000 Einwohnern der PMR stellen Moldauer, Ukrainer und Russen je etwa ein Drittel. Der transnistrische Pass ist international nicht anerkannt, deshalb besitzen viele mehrere Pässe.

Neubauten in Tiraspol

Glas und Neoklassizismus: Neubauten in Tiraspol

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Felix Schilk

Russische und ukrainische Akzente
An öffentlichen Gebäuden weht neben der rot-grün-roten transnistrischen Flagge auch die der russischen Föderation. Die Brücke über den Dnister, der das östlich gelegene Transnistrien vom westlich gelegenen Bessarabien trennt, wurde vor einigen Jahren in den Farben Russlands und der PMR angestrichen. Mittlerweile ist der rote Streifen vergilbt, was die russische Trikolore ironischerweise wie eine Variation der ukra­inischen Nationalfarben aussehen und sich durchaus als Metapher für die Veränderungen lesen lässt, die der russische Angriffskrieg auf das Nachbarland nach Transnistrien gebracht hat.

Obwohl Transnistrien als prorussisch gilt und die russische Armee mit etwa 2 000 Soldaten auf dem Territorium präsent ist, fallen im Stadtbild von ­Tiraspol auch die ukrainischen Nationalfarben auf. Ein Kruzifix auf der Straße zum Kloster Noul Neamț ist mit gelber und blauer Farbe bemalt. An der zen­tralen Kreuzung von Lenin- und Karl-Liebknecht-Straße hat ein Fensterbauer die Fassade seines Geschäfts entsprechend eingefärbt. In der Sowjet-Kantine läuft eine Sendung des ukrainischen Rundfunkanbieters Studio Kvartal 95, der dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und seiner Frau Olena gehört. Ukrainischer Einfluss zeigt sich auch in der Herkunft der Produkte in den Supermarktregalen des Konzerns Sheriff, der die korrupte Wirtschaft und Politik Transnistriens de facto zu großen Teilen kontrolliert.

In Gesprächen mit Einheimischen wird deutlich, dass die russische Pro­paganda nur zum Teil funktioniert. Zwar sind Verschwörungstheorien über die Nato weitverbreitet, der russische Krieg gegen die Ukraine findet ­jedoch kaum Unterstützung. Dennoch wurde Transnistrien in der Anfangszeit des Kriegs als trojanisches Pferd Moskaus tituliert. Eine zweifelhaft ­recherchierte Arte-Dokumentation vom März machte die PMR kurzerhand zu einer russischen Enklave und behauptete, im März 1992 hätten prorussische Separatisten Moldau den Krieg erklärt und die Unabhängigkeit gefordert.

Die Russische Föderation hat circa 2 000 Soldaten in der PMR stationiert

Die Russische Föderation hat circa 2 000 Soldaten in der PMR stationiert

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Felix Schilk

Bessarabien und Transnistrien
Die offiziellen Grenzen der Republik Moldau, die heutzutage den Großteil Bessarabiens sowie Transnistrien umfassen, sind ein Resultat des Hitler-Stalin-Pakts. Mit der Gründung der Sowjetunion gehörten die Gebiete östlich des Dnister zunächst zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (USSR). Bessarabien, das westlich des Dnister liegt, wurde 1918 von Rumänien annektiert. 1924 wurde innerhalb der Ukrainischen SSR die Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (MASSR) gegründet, um den sowjetischen Anspruch auf Bessarabien zu untermauern.

Um die Bindung an Rumänien zu kappen, betonten sowjetische Historiker die Eigenständigkeit einer von Rumänien unabhängigen moldauischen Nation. Unter anderem wurde das in der Region gesprochene Rumänisch in Moldauisch umbenannt und das russisch-kyrillische Alphabet eingeführt. Infolge des Hitler-Stalin-Pakts erzwang die Sowjetunion den Abzug rumänischer Truppen aus Bessarabien und erklärte das Gebiet 1940 zusammen mit der Moldauischen ASSR zur Moldauischen SSR. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion gelangte es kurzzeitig wieder unter rumänische Herrschaft; nach dem Zweiten Weltkrieg war es bis 1991 Teil der Sowjetunion.

Durch sowjetische Russifizierungsmaßnahmen sank der Bevölkerungsanteil der Moldauer in der MSSR bis 1989 auf knapp 40 Prozent. Russen und Ukrainer stellten je etwa ein Viertel der Bevölkerung. Der Staatsapparat und die Kommunistische Partei wurden bis in die achtziger Jahre von russisch- und ukrainischsprachigen Vertretern aus Transnistrien dominiert, wo noch immer der Schwerpunkt der moldauischen Industrie liegt. Im Zuge von Glasnost und Perestroika wurden diese Funktionäre zum Teil abgesetzt und durch rumänischsprachige Nachfolger aus anderen Landesteilen ersetzt, wie den späteren Präsidenten Mircea Snegur, der zuvor schon ein ranghohes Mitglied der moldauischen KP war. Dieser legte 1989 ein Sprachengesetz vor, das die moldauische Sprache in lateinischer Schrift zur einzigen Amtssprache des Landes machte und andere Amtssprachen abschaffte.

Der bewaffnete Konflikt und die russische Intervention
Als Reaktion auf diese Entwicklungen ents­tanden in Transnistrien und dem im Süden Moldaus gelegenen Gagausien Unabhängigkeitsbewegungen, die die Wiedereinführung der russischen und gagausischen Amtssprache sowie eine Autonomieregelung forderten. Da die überwiegend russischsprachige transnistrische Führungsschicht einen Beitritt Moldaus zu Rumänien befürchteten, den nationalistische Kräfte in Moldau damals anstrebten, rief sie 1990 die Gründung einer Transnistrischen SSR innerhalb der Sowjetunion aus, was die Regierung in Chișinău nicht anerkannte. Kurz darauf kam es zu ersten Zusammenstößen zwischen moldauischen Ordnungskräften und Einwohnern der Kleinstadt Dubăsari, die die Brücke über den Dnister mit Straßensperren blockiert hatten. Unmittelbar nach dem gescheiterten Augustputsch in Moskau, der den Zerfall der Sowjetunion einleitete, erklärte die Republik Moldau am 27. August 1991 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Wenige Tage später erfolgte die Unabhängigkeitserklärung Transnistriens.

Ab März 1992 eskalierte der Konflikt um die Stadt Bender, die westlich des Dnister liegt, aber von der PMR kontrolliert wurde. Moldauische Einheiten versuchten, die Stadt militärisch zurückzuerobern, und wurden dabei von rumänischen Freiwilligen unterstützt. Auf transnistrischer Seite kämpften auch ukrainische und russische Freiwilligenverbände. Erst im Juni intervenierten einige russische Einheiten der noch in Moldau stationierten 14. Armee unter General Aleksandr Lebed in dem Konflikt und erzwangen einen Waffenstillstand, der Transnistriens faktische Unabhängigkeit konsolidierte. Seitdem überwacht eine Joint Control Commission aus moldauischen, russischen und transnistrischen Soldaten, die 1998 um zehn ukrainische Beobachter erweitert wurde, eine demilitarisierte Zone am Dnister.

1997 und 2003 präsentierte Russland Memoranden für eine politische Lösung des Konflikts. Demnach sollte die Republik Moldau in eine Konföderation umgewandelt werden, mit Transnistrien und Gagausien als autonomen Teilrepubliken und Moldauisch und Russisch als gleichrangigen Amtssprachen. Russland erklärte sich bereit, seine Truppen bis 2020 abzuziehen, wenn die Konföderation zu einem neutralen und demilitarisierten Staat werde – eine Forderung, die Russland im März auch mit Bezug auf die Ukraine erhoben hat. Das Memorandum von 2003 sollte bei einem Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Chișinău unterzeichnet werden, wurde aber in der Nacht zuvor von dessen moldauischem Amtskollegen Vladimir Voronin ab­gelehnt. 2006 sprachen sich bei einem Referendum in Transnistrien, das zuvor von einer ausgedehnten Medienkampagne vorbereitet worden war, nach offiziellen Angaben 97 Prozent der Bevölkerung für die Abspaltung der Region von der Republik Moldau und für einen späteren Anschluss an Russland aus.

Wappen der PMR

Im offiziellen Wappen der PMR ist die Sowjetunion noch lebendig

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Felix Schilk

Politische Koexistenz und wirtschaftliche Integration
Der Sieg über die moldauischen Truppen gehört in der PMR zum offiziellen Geschichtsbild. Noch immer sind an den Gebäuden von Bender Einschuss­löcher zu sehen. Denkmäler erinnern an die gefallenen Soldaten. Auf der Busfahrt von Bender nach Tiraspol zeigt eine Mitfahrerin auf einen Ort, an dem 1992 ein Massaker an Kindern stattgefunden haben soll.

Dennoch haben sich beide Seiten mit dem Status quo arrangiert. Zwischen beiden Landesteilen herrscht reger Transitverkehr. Neben manchen transnistrischen Kennzeichen klebt ein Sticker der Republik Moldau. In Tiraspol wird überall für Rabota w Jewrope, Arbeiten in Europa, geworben. Wie viele andere osteuropäische Länder auch hat Transnistrien eine große ­Diaspora. Der dem Konzern Sheriff gehörende Tiraspoler Fußballclub spielt in der moldauischen Liga und nimmt unter moldauischer Flagge an der Uefa Champions League teil. An der ukrainisch-transnistrischen Grenze stehen moldauische Grenzposten auf ukrainischem Territorium, um Einreisestempel in die Republik Moldau zu verteilen. Faktisch hat die Republik Moldau ihre Grenze in die Ukraine verlegt, um ihre territoriale Integrität zumindest formal zu bewahren.

Obwohl Transnistrien als pro­russisch gilt und die russische Armee mit etwa 2 000 Soldaten auf dem Territorium präsent ist, fallen im Stadtbild von Tiraspol auch die ukrainischen Nationalfarben auf.

Auch wirtschaftlich sind Moldau und Transnistrien eng miteinander verbunden. Bis zum russischen Angriff auf die Ukraine war die PMR eine wichtige Handelsroute für Waren, die im Hafen von Odessa gelöscht wurden. Der Aufstieg von Sheriff in den neunziger Jahren resultierte maßgeblich aus dem Handel und Schmuggel dieser Waren. Heutzutage profitiert die PMR sehr vom Freihandelsabkommen zwischen der Republik Moldau und der EU, das auch für transnistrische Produkte den zollfreien Export ermöglicht. Etwa 70 Prozent aller moldauischen Exporte in die EU stammen aus der PMR. Für diese wiederum ist die EU der wichtigste Absatzmarkt.

Zugleich zieht die PMR Vorteile aus der russischen Präsenz in der Region. Transnistrien wird von Russland mit kostenlosem Gas versorgt und finanziert sich mit dessen Weiterverkauf an die eigenen Bürger und die Republik Moldau. Russland zahlt zudem Renten und andere Sozialleistungen an die russische Bevölkerung der PMR und stockt kontinuierlich den klammen Staatshaushalt auf. Der prorussischen Haltung und antiwestlichen Rhetorik der Regierung zum Trotz ist Russland mit einem Anteil von 13 Prozent aber ein relativ kleiner Absatzmarkt für transnistrische Exporte. Bedeutsamer ist der Handel mit der Ukraine, weshalb der Krieg im Nachbarland für die PMR eine ökonomische Katastrophe darstellt.

Souveränität und Abhängigkeit
Das erklärt, weshalb die Regierung seit Kriegsbeginn ihre Neutralität betont und eine Beteiligung ausgeschlossen hat. Russische Kriegspropaganda ist in Transnistrien nirgendwo zu sehen. Der Sheriff-Konzern hat seinen Mitarbeitern das Zeigen des Z-Symbols be­ziehungsweise ukrainischer Kriegsinsignien untersagt. Auch die Bevölkerung steht dem Krieg, der hier anders als in Russland auch als solcher bezeichnet wird, ablehnend gegenüber. In Transnistrien erinnert man sich der ukrainischen Unterstützung während des bewaffneten Konflikts mit der Republik Moldau. Geflüchtete aus dem Nachbarland werden willkommen geheißen und finden Zuflucht bei Angehörigen und Fremden. Nach offiziellen Angaben kamen bisher mehr als 21 000 Ukrainer nach Transnistrien.

Offiziell forcierte die transnistrische Führung mit Unterstützung eines Großteils der Bevölkerung seit 1992 den Anschluss an Russland. Zuletzt stellte sie 2014 ein Gesuch an die Russische Föderation, die Gesetzesvorlage für die Krim-Annexion auch auf andere Gebiete auszudehnen. Als in den ersten Wochen des Ukraine-Kriegs die Eroberung der ukrainischen Hafenstadt Odessa durch russische Truppen als ein mögliches Szenario diskutiert wurde, schienen die Voraussetzungen für einen Anschluss an das in diesem Falle direkt benachbarte Russland plötzlich nicht mehr unrealistisch.

Tatsächlich gefährdet Putins Feldzug gegen die Ukraine aber die ökonomischen Strukturen, die für Transnistrien überlebensnotwendig sind. Die PMR hat sich gut eingerichtet in dem Jahrzehnte währenden, aber militärisch eingefrorenen Konflikt. Sie pro­fitiert von russischer Unterstützung und dem moldauischen Zugang zur EU und unterhält außerdem gute wirtschaftliche Beziehungen mit der Ukraine. Die internationale Isolation Russlands bringt neue Probleme mit sich: weniger Handel, weniger Reisen, weniger Arbeitsmigration, dafür aber mehr politische Kontrolle durch Moskau.

Am Ende könnte der russische Angriff auf die Ukraine daher auch Transnistrien und die Republik Moldau wieder enger zusammenführen. »Seit dem 24. Februar gibt es einen lebhaften Dialog mit Transnistrien«, sagte der moldauische stellvertretende Ministerpräsident Oleg Serebrian, der auch für die Reintegration Transnistriens zuständig ist, im Juni im Deutschlandfunk. »Die Grenze zur Ukraine wurde geschlossen und alle Transporte müssen jetzt über uns, über Moldau gehen. Warenlieferungen, Flüge – solche engen Verbindungen wie jetzt gab es noch nie.«