Alles falsch
Es ist wieder kein Roman geworden. Wundern sollte das einen aber nicht, denn Rainald Goetz hat in seiner über 40 Jahre langen Tätigkeit als Schriftsteller streng genommen eh nur drei lange Prosastücke geschrieben, die Wahrscheinlichkeit eines vierten war also sowieso gering. Dennoch ist es ein Tick des deutschen Feuilletons, auf einen neuen Roman des Autors zu warten und zu hoffen – besonders dann, wenn seit der letzten Veröffentlichung, in diesem Fall tatsächlich ein Roman, nämlich »Johann Holtrop«, bereits zwölf Jahre vergangen sind.
Doch Goetz hat die vergangenen Jahre nicht manisch an einem neuen Buch gearbeitet, wie man sich das ohne Probleme lebhaft vorstellen könnte. Nein, er hat Preise entgegengenommen, Artikel verfasst, Rezensionen geschrieben (unter anderem über Michel Houellebecqs Roman »Die Möglichkeit einer Insel«), Reden gehalten, in Interviews Rede und Antwort gestanden und Tagebuch geschrieben. Eine Sammlung dieser dabei entstandenen Texte ist nun in Buchform erschienen: »Wrong« heißt es, das Wort wird auf dem Einband kleingeschrieben, es sind gar »Textaktionen«, die hier abgedruckt sind, so vollmundig lautet der Untertitel des Bandes.
Für Goetz ist das etwas Neues, nie vorher ist ein Band mit Texten von ihm erschienen, die nicht im engeren Sinne literarisch sind. Auch ist »Wrong« nicht der Auftakt zu einem neuen Zyklus: Seit Jahrzehnten veröffentlicht Goetz seine Bücher in Konvoluten, so etwa das dreiteilige »Festung« (1993) oder das fünfteilige »Heute Morgen« (1998–2000).
Goetz liebt »krasse Effekte«, »grobe Reize« und die »aggressive Feier von Brutalität und Ordinärheit«: »Der Schreiber, der davon nicht fasziniert ist, soll Uhrmacher oder Ökobauer werden. Da hat er es schön ruhig und ernst und ordentlich.«
Zu dem Zyklus »Schlucht«, der mit dem Tagebuch/Blog »Klage« 2008 eröffnet wurde, auf den dann das als »Bericht« bezeichnete »Loslabern« 2009, der Fotoband »Elfter September 2010« und zuletzt der Roman »Johann Holtrop« folgten, gesellen sich jetzt »Wrong« und auch der Band »Lapidarium«, der drei neue Theaterstücke enthält. Die Einbände sind in einem kräftigen dunklen Blau gehalten. »Schlucht« wurde immer wieder vom Verlag als der Zyklus beschrieben, der die nuller Jahre erkunde (mit der Emphase auf das politische Berlin, Goetz zeigte sich höchst fasziniert von Gerhard Schröder und Joschka Fischer) – die sind allerdings nun auch bereits seit 15 Jahren vorbei, umso verwirrender ist zumindest auf den ersten Blick, dass »Wrong« nun auch dazu gezählt wird.
Schaut man aber ins Buch, erschließt sich der Grund: Einige der hier abgedruckten Texte entstanden noch in den nuller Jahren (zum Beispiel der kleine Text für die Jubiläumsausgabe der Tempo von 2006 oder eine Kolumne für die deutsche Ausgabe der Vanity Fair von 2007), der große Rest aber erzählt, was nach, mit und durch »Schlucht« passierte: 2012 trat Goetz die »Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik« an und las an der FU in Berlin.
Seine Antrittsvorlesung liest sich stellenweise, selbstverständlich mit ironischen Untertönen, wie ein Schreibworkshop. Ein schöner Satz, so der Gastprofessor, beginne »mit einer Hassempfindung«. Er komme »aus dem Alltag«, sei »sofort verständlich« und enthalte »eine kleine eigene Milliidee«.
»Lässigkeit des Auftrumpfens« bei Facebook sei »abstoßend«
Hier kommt er bereits auf soziale Medien zu sprechen, und zwar in Hinblick auf das Schreiben, und besonders froh klingt das nicht: »Und heute lebt jeder so: schreibt, schreibt andauernd seinen Existenztext mit und vor sich hin.« Doch Vorbehalte gegen das Internet gibt es nicht per se, jahrelang hatte Goetz selbst mit dem Medium experimentiert und ausufernde Blogs geschrieben. Aber eines findet er dann doch »abstoßend«, nämlich die »Lässigkeit des Auftrumpfens«, die er bei Facebook zu finden meint. Sich aber davon abwenden kommt nicht in Frage, Goetz liebt »krasse Effekte«, »grobe Reize« und die »aggressive Feier von Brutalität und Ordinärheit« und schreibt seinen Studentinnen und Studenten ins Stammbuch: »Der Schreiber, der davon nicht fasziniert ist, soll Uhrmacher oder Ökobauer werden. Da hat er es schön ruhig und ernst und ordentlich.«
So klingt ein tatkräftiger Schriftsteller, doch Goetz, das zieht sich als roter Faden durch die Texte im Buch, dachte mehrere Male darüber nach, das Autorendasein an den Nagel zu hängen. »Mein Bruder, der auch Arzt ist, hat überlegt, eine Praxis aufzumachen. Da habe ich ihn gefragt, ob ich bei ihm vielleicht als Hilfsarzt mitmachen könnte«, erzählte Goetz, studierter Mediziner, 2010 der Zeit in einem im Band abgedruckten Interview. »Ja, die Vorstellung, daß ich Schriftsteller bin, war fiktiv geworden. Wenn man nichts mehr schreibt, was man veröffentlichen kann, ist man kein Schriftsteller mehr.«
Ob und wann und wie man ein Schriftsteller ist, das ist das heimliche Thema in »Wrong«. »Ist es denn möglich, ein poetischer Mensch zu bleiben?« fragt Goetz in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises 2015 an ihn, stellt fest, dass man im Zustand der Hysterie (das Wort wie auch andere schreibt er, wie üblich für ihn, in Großbuchstaben) sein müsse, um Texte schreiben zu können, verrät, was für ihn die schönste Textidee ist (»Loslabern«) und dass sein »Schreiben nicht aus dem Erzählen kommt, sondern aus der Sprache«. Es ist für Goetz eine ungewöhnlich offene und leidenschaftliche Meditation über seine Arbeit – und liest sich tatsächlich stellenweise wie ein Abschied, wie eine Selbsthistorisierung, die umso stärker als solche dadurch funktioniert, das es unterschiedliche Textsorten sind, die hier zusammengetragen wurden.
Die »hellen glücklichen 90er Jahre«
Jahrzehntelang musste Rainald Goetz den Erklärbär der Gegenwart mimen. »Gegenwartsanalyst« (Zeit), »Zeitgeist-Beobachter« (Berliner Zeitung), so klingen die Titel, die man Goetz verlieh, so lautete die Aufgabe, die er zu erledigen hatte. Doch beim Lesen von »Wrong« beschleicht einen das Gefühl, dass es mit Goetz und der Gegenwart nicht mehr so hinhaut. So gut wie alles, was Goetz mag, was ihn ausgezeichnet hat, was ihn getrieben hat, was sein Schreiben beflügelt hat, gibt es nicht mehr oder ist geächtet: die Wut, das Fernsehen, die Zeitung, der Streit, das Ich als Kunstfigur.
Die »hellen glücklichen 90er Jahre«, wie er sie nennt, sind vorbei. Was sich verändert hat, wird deutlich, wenn er in seiner abgedruckten Rede, gehalten 2013 anlässlich der Verleihung des Schiller-Preises an ihn, ausführt, was den von ihm hochgeschätzten Streit ausmacht. Als Beispiel nennt er das, was er während seiner Recherche Mitte der nuller Jahre im Bundestag erlebte, wo sich die Abgeordneten »sachlich polemisch, auch verletzend und beleidigend gegenseitig attackieren, ohne darauf aber unbedingt persönlich beleidigt zu reagieren«.
Er nennt es das »Verbindende des Streitens« und rät der Literatur, sich das zum Vorbild zu nehmen, »anstatt umgekehrt die Politik belehren zu wollen, aus der Rolle des Schriftstellers heraus, wie das so üblich ist, auf die Politik direkt einwirken zu wollen, durch banale Appelle, die das definitiv Unstreitige fordern«. Bissiger kann man den derzeitigen Kultur- und Literaturbetrieb kaum kritisieren, der seine Konfliktscheu verschleiert und lieber allem und jedem gegenüber »sensibel« anstatt radikal und kritisch sein will.
Wer seine Aversion gegen Emoticons betont, die »vergehende Welt« und damit das »Verschwinden von Papier und Druckerfarbe und Druckerschwärze« bedauert und verkündet, in die »Freude an der Rückkehr des politischen Schriftstellers« nicht einstimmen zu können, der hat im derzeitigen Literaturbetrieb nicht die besten Karten.
Wenn beispielsweise der Spiegel mit Blick auf die neue Veröffentlichung etwas spöttisch nachfragt, was Goetz »der digitalen Gegenwart« überhaupt noch zu sagen habe, muss man kontern, dass diese ominöse »digitale Gegenwart« offensichtlich Rainald Goetz nichts mehr zu sagen hat. Wer wie Goetz auf die Frage des Magazins De:Bug, ob er ein »Authentizitist« sei, mit »Ja, leider« antwortet, wer in seinem Arbeitsjournal seine Aversion gegen Emoticons betont, bei seinem Vortrag »Soziale Energie« vor dem Wissenschaftskolleg Berlin öffentlich die »vergehende Welt« und damit das »Verschwinden von Papier und Druckerfarbe und Druckerschwärze« bedauert und in seiner Büchner-Preisrede verkündet, in die »Freude an der Rückkehr des politischen Schriftstellers« nicht einstimmen zu können, der hat im derzeitigen Literaturbetrieb nicht die besten Karten – und wohl auch nicht mehr so viel Euphorisches über die Gegenwart zu sagen.
Diese scheint sich eh nur für den Schriftsteller zu interessieren, wenn er das manische Bedürfnis nach Aktualität und Engagement bedienen kann: Der gleichzeitig mit »Wrong« erschienene Theaterband »Lapidarium« umfasst das plump antiamerikanische Stück »Reich des Todes« über den »War on Terror«, das bereits 2020 in Hamburg uraufgeführt wurde, sein Stück »Baracke« mit NSU- und Ostdeutschlandbezug feierte seine Uraufführung 2023 in Berlin.
Nur das dem Band den Titel gebende Stück »Lapidarium« (eher Prosa als ein klassisches Theaterstück mit Figuren), das eine Erinnerung und eine Liebeserklärung an die bayerischen Schriftstellerkollegen Helmut Dietl, Franz Xaver Kroetz und andere ist, wartet immer noch darauf, auf deutschsprachigen Bühnen gespielt zu werden.

Rainald Goetz: Wrong. Textaktionen. Suhrkamp, Berlin 2024, 367 Seiten, 24 Euro

Rainald Goetz: Lapidarium. Stücke. Suhrkamp, Berlin 2024, 367 Seiten, 32 Euro