Ein rotes Tuch
Matthias Sammer, ehemaliger Auswahlspieler der DDR und der Bundesrepublik, sagte in seiner Rolle als Fernsehexperte nach der Champions-League-Niederlage Borussia Dortmunds gegen Real Madrid, dass er mit »Leib und Seele Deutscher« sei und schon allein aus diesem Grund in seinem Leben noch »nie eine Niederlage« akzeptiert habe.
Weder den Zuschauern noch dem völlig verdatterten interviewenden Journalisten wurde klar, ob Sammer über das vorangegangene Spiel, den letzten Weltkrieg, sein Leben im Allgemeinen sprach oder einfach nur seine ganz persönliche Meinung über die Einstellung von Thomas Tuchel als Nationaltrainer von England äußerte. Niemand weiß es. Dermaßen wirr daherredend war schon lange niemand mehr am Rande eines Rasenplatzes gezeigt worden.
Die Bekanntmachung, dass Tuchel, der ehemalige Trainer von Bayern München, FC Chelsea, Paris Saint-Germain, Borussia Dortmund und dem Fußball- und Sportverein aus Mainz, ab sofort die englische Nationalmannschaft der Männer coacht, sorgte im professionellen Rasenballmilieu ohnehin für außergewöhnliche Reaktionen.
»Wir brauchen keinen Thomas Tuchel, sondern einen Patrioten, für den das Land an erster, zweiter und dritter Stelle steht.« Die Boulevardzeitung »Daily Mail«
Angestachelt von Sammers patriotischem Eifer sah sich Karl-Heinz Rummenigge, Mitglied des Aufsichtsrats des FC Bayern München, genötigt, einen Lobgesang auf den gegenwärtigen Trainer des Clubs, Vincent Kompany, mit einer Attacke gegen dessen Vorgänger im Amt, Thomas Tuchel, zu verknüpfen. »Er lebt die Gemeinschaft«, beschrieb Rummenigge das Verhältnis Kompanys zur Mannschaft euphorisch und setzte hinzu: »Er steht nicht über der Gemeinschaft, wie das leider im letzten Jahr unter Thomas Tuchel der Fall war.«
Der Ehrenpräsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß, nannte Tuchel in einem internen Treffen eine »Katastrophe«. Der Unterhaltungswert sei unter Tuchel auf der Strecke geblieben. Dessen Art, die in der Öffentlichkeit oft als abgehoben interpretiert wird, mag distinguiert daherkommen.
Der häufig geäußerte Vorwurf, der lizenzierte Fußballlehrer habe am Ende seiner Amtszeit bei den Bayern, in der Saison 2023/2024, die Kabine verloren – also das Vertrauen der Spieler –, ist dagegen aus der Luft gegriffen. Wichtige Spieler wie der Torhüter Manuel Neuer sprachen sich öffentlich für einen Verbleib Tuchels aus. »Es stimmt zwischen Mannschaft und Trainer«, sagte der ehemalige Nationalspieler im Mai dem Fernsehsender Sky.
Trotz seiner Erfolge als Vereinstrainer – Meister mit Paris Saint-Germain und Bayern München sowie Champions-League-Sieger mit Chelsea – wurde auch in England heftige Kritik am Amtsantritt Tuchels als Nationaltrainer laut. »Wir brauchen keinen Thomas Tuchel, sondern einen Patrioten, für den das Land an erster, zweiter und dritter Stelle steht«, wetterte eine der schrillsten Stimmen der Nation, die Daily Mail.
Seit 32 Jahren wurde kein englischer Trainer Meister
Die Berufsbeschreibung ignorierend – das nichtkickende Personal am Spielfeldrande trägt üblicherweise keine Trikots – forderte die Daily Mail, dass die Nationalmannschaft »bis zum letzten Mann im Trikot englisch sein« müsse. Einmal so richtig in Fahrt, stellte das konservative Blatt klar: »Der Trainer sollte jemand sein, der in der Fußballkultur dieses Landes geboren und aufgewachsen ist.«
»Ich denke, wir schaden uns selbst, wenn wir akzeptieren, dass Thomas Tuchel besser ist, besser als alle anderen englischen Trainer«, sekundierte der 85malige englische Nationalspieler Gary Neville. Der frühere englische Nationalspieler Jamie Carragher pflichtete ihm bei: »Es geht nicht nur um England. Ich glaube nicht, dass Italien das tun sollte, ich glaube nicht, dass Deutschland das tun sollte, ich denke nicht, dass Frankreich das tun sollte«.
Neville, der wie Matthias Sammer als Fernsehfußballexperte tätig ist, sagte dem Sender Sky Sports, dass man doch »hervorragende englische Trainer« wie Eddie Howe oder Graham Potter hätte ernennen können. Beide Trainer verfügen zwar über eine spannende Vita, haben jedoch kaum Titel gewonnen. Potter holte 2017 den schwedischen Pokal mit dem Östersunds FK. Howe wurde 2015 mit dem AFC Bournemouth Meister in der zweithöchsten Spielklasse in England, der Football League Championship.
Die Realität ist bitter. Seit der Einführung der Premier League als höchster Spielklasse Englands in der Saison 1992/1993 gelang es bisher keinem einzigen englischen Trainer, die Meisterschaft zu gewinnen. Der bislang letzte Coach aus England, dem es vergönnt war, die Meisterschale in die Höhe zu stemmen, war Howard Wilkinson. Der heute 80jährige führte Leeds United in der Saison 1991/1992 auf den ersten Platz.
Heutzutage ist er als Vorsitzender der englischen Trainervereinigung League Managers Association mitverantwortlich für die Qual der Wahl. Der Verband hat es nämlich in den vergangenen Jahrzehnten verabsäumt, die Trainerausbildung zu intensivieren. Im Mutterland des Fußballs ist es mehr als doppelt so teuer als anderswo, jene Uefa-Pro-Lizenz zu erwerben, die notwendig ist, um in den höchsten Ligen als Trainer zu arbeiten.
Nur vier Engländer als Chefcoach in der Premier League
Ein zweiter Grund sind die knappen Ausbildungskapazitäten des Verbands. Das Ergebnis wird am Spielfeldrand ersichtlich. Derzeit arbeiten nur vier Engländer als Chefcoach in der Premier League. Dem englischen Fußballverband FA zufolge gab es »ungefähr zehn Kandidaten« für die Nachfolge des nach der Europameisterschaft zurückgetretenen Gareth Southgate zur Auswahl. Darunter waren auch Trainer aus England, aber sie konnten kein derart gutes Arbeitszeugnis wie Tuchel vorweisen.
Die Boulevardzeitung The Sun, die zu den auflagenstärksten Zeitungen des Landes zählt, sieht das ebenfalls so: Tuchel besitze »alle Voraussetzungen, um ein typischer englischer Trainer zu werden«. Dazu brauche es »taktisches Geschick, Tatkraft, Energie, Erfahrung – und ein verworrenes Liebesleben«. Die englischen Fans sollten doch bitte »den explosivsten, dynamischsten, charismatischsten und schlaksigsten Trainer, der je in der Premier League für Furore gesorgt hat«, willkommen heißen.
Es fehle die »absolute Sieger-Mentalität«, nicht nur auf dem Sportplatz, sondern auch »in weiten Teilen der Gesellschaft«; dagegen helfe nur, wenn sich der deutsche Fußball »auf seine historische Stärke besinnt: Kämpfen bis zum Umfallen«, so der »Bild«-Autor Robert Matiebel.
In Deutschland erklärte die Bild-Zeitung ihren Lesern unterdessen, was der Fernsehexperte Matthias Sammer mit seiner Wutrede wirklich gemeint hatte. Es fehle die »absolute Sieger-Mentalität«, nicht nur auf dem Sportplatz, sondern auch »in weiten Teilen der Gesellschaft«; dagegen helfe nur, wenn sich der deutsche Fußball »auf seine historische Stärke besinnt: Kämpfen bis zum Umfallen«, übersetzt der Autor Robert Matiebel die Schlachtrufe Sammers.
Es ist Christopher Meltzer von der FAZ, der in der derzeitigen Debatte daran erinnert, dass die Reaktionen in Deutschland nicht anders aussähen, »wenn der DFB einen ausländischen Nationaltrainer vorstellen würde«. Tuchel dagegen sei schon der dritte englische Nationaltrainer, der nicht im Mutterland des Fußballs das Licht der Welt erblickt hat – der Italiener Fabio Capello coachte die »Three Lions« von 2007 bis 2012, sein Vorgänger, der Schwede Sven-Göran Erikson, von 2001 bis 2006.