Anarchistischer, als der Anarchismus erlaubt
Wenn der Anarchismus einen Stammbaum hätte, dürfte der französische Geograph Élisée Reclus darin nicht fehlen. Der 1830 in Sainte-Foy-la-Grande in der Gironde als Sohn eines calvinistischen Pastors geborene Anarchist hat eine imposante Biographie. Er war Zeitgenosse von Marx und Engels, vertrat mit Michail Bakunin die Antiautoritären in der Internationale und war mit Pjotr Kropotkin befreundet; zusammen mit seinem Bruder, dem Ethnologen Elie Reclus, kämpfte er 1848 für die republikanischen Ideen und gegen Louis Napoléon; unterrichtete nach seiner Flucht aus Frankreich als Privatlehrer in den US-amerikanischen Südstaaten noch vor Abschaffung der Sklaverei und verteidigte die Pariser Kommune 1871 als revolutionärer Nationalgardist.
Er formulierte eine ethisch fundierte Ablehnung des Fleischessens, lange bevor jemand den Begriff Speziesismus erfand, und war ein leidenschaftlicher Vertreter der Anti-Ehe-Bewegung. Last not least verfasste er mit Unterstützung von Kropotkins Frau Sophia die 19bändige »Nouvelle géographie universelle, la terre et les hommes«. Kurz vor seinem Tod, 1905 bei Brügge, schrieb er mit »L’homme et la terre« eine Abhandlung, die als Zusammenfassung und Höhepunkt seines Schaffens gilt.
Immer wieder stellt Reclus Bezüge zur Antike und ihren Philosophen her, wie man dies sonst eher von konservativen Denkern erwarten würde. Deren defätistischer Ton ist ihm allerdings fremd.
Der Verlag Matthes & Seitz hat für seine Reihe »Fröhliche Wissenschaft« nun drei Aufsätze des hierzulande wenig bekannten Anarchisten in einem Band versammelt. Schon der Titel »Staat, Fortschritt, Anarchie« zeugt von der Weite seines Denkens. In ihrem Vorwort heben die Herausgeber Andreas Gehrlach und Stephan Zandt die Beziehung des Menschen zur Umwelt als leitendes Motiv seines Schaffens hervor. Sie neigen aber insgesamt dazu, Reclus nicht nur mit heutigen Maßstäben zu messen, sondern ihm auch die Begriffe unserer Zeit abzufordern.
Manche Kritik wirkt daher kleinlich, etwa dass Reclus den heutzutage sicherlich paternalistisch klingenden Begriff l’homme benutzt, wenn er »die Menschheit« meint. Ob »Inuit« ein passendes Synonym für das von Reclus verwendete »Eskimo« ist, wie die Herausgeber meinen, ist ohnehin umstritten. Der bei Reclus gelegentlich aufscheinende, heutzutage unangenehm klingende Terminus der »Entartung« bleibt dagegen unkommentiert.
Man erfährt zwar, dass der Autor »wie andere Autoritätskritiker:innen« (ein für einen bekennenden Anarchisten seltsam zahmer Begriff) nach der Pariser Kommune ins Exil ging, die Bedeutung, die Reclus für die Kommune hatte, wird allerdings nicht ausreichend gewürdigt. Wer sich dafür näher interessiert, sei auf Kristin Ross’ Studie »Luxus für alle: Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune« (ebenfalls bei Matthes & Seitz erschienen) verwiesen. Das ändert freilich nichts daran, dass die ausgewählten Essays in der gewandten Übersetzung von Rainer G. Schmidt die Lektüre allemal lohnen.
Ablehnung aller autoritären Regierungsformen
Reclus knöpft sich in seinen Essays, die mit zahlreichen Verweisen auf zeitgenössische Ereignisse gespickt sind, die Vorstellung vor, dass »naturgewollt auf jedes ›Der König ist tot‹ ein ›Es lebe der König‹ folgen muss«. Als Anarchist lehnt er die Monarchie wie überhaupt alle autoritären Regierungsformen natürlich ab. Er entdeckt aber im Sozialismus oder im Christentum brauchbare Ideen.
Überhaupt mag zwar sein Intellekt radikal gewesen sein, sein Ton ist nüchtern. Spöttisch untersucht er die bis heute gültige Praxis, die Errungenschaften einer Zeit ihren autoritären Repräsentanten zuzuschlagen: »Jüngst, als die Königin Victoria von England nach einer sehr langen Herrschaft von einem dreiviertel Jahrhundert starb, schienen sich unzählige ihrer begeisterten Untertanen fast vorstellen zu können, sie wäre bei den gewaltigen Fortschritten in der Welt, während der viktorianischen Ära, the Victorian Age, zu etwas nutze gewesen.« Ein Gedanke, den Bertolt Brecht in seinem Gedicht »Fragen eines lesenden Arbeiters« ganz ähnlich ausführt: »Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?«
An anderer Stelle schreibt Reclus: »Der Mensch, der in einem Wagen daherfährt, wird nie der Freund des Menschen sein, der zu Fuß geht.« Das klingt wie ein zeitgemäßer Kommentar zu kommunaler Verkehrspolitik, will aber wohl eher auf die Klassenfrage hinaus. Reclus zeigt auf, dass der Begriff des Fortschritts im Widerspruch zu einem christlichen Weltbild steht. »Gott betrachtete sein Werk und sah, dass es ›gut‹ war, sogar ›sehr gut‹. Von diesem ersten, durch das Siegel der Göttlichkeit gezeichneten Zustand kann sich die Bewegung unter dem Tun unvollkommener Menschen nur in der Richtung des Niedergangs und des Falls fortsetzen: Der Rückfall ist fatal.« Das sind hintersinnige Betrachtungen, die man nicht unbedingt von einem Anarchisten erwarten würde, die aber zugleich Ausweis eines gebildeten und freien Geistes sind, der sich um weltanschauliche Konventionen nicht scherte.
Vordenker der Ökologie
Reclus wird nun als Vordenker der Ökologie reklamiert; schon zu Beginn der Moderne sieht er die Krisen heraufziehen, die neue Modelle des menschlichen Zusammenlebens erfordern. »Natürlich gibt es immer noch den Gegensatz zwischen Erde und Erde, Nation und Nation, doch er verdünnt sich und neigt allmählich dazu, in der Wahrnehmung unterrichteter Leute zu verschwinden.«
Die Zeit spielt für »uns« – dieser durch die Rückschläge der Realität nicht zu bremsende Geschichtsoptimismus, der bis heute linkes Denken auszeichnet, findet sich auch bei Reclus. Obwohl der Geograph sich neben der Erforschung der Erde auch der Erhaltung ihres Zustands verpflichtet fühlte, sah er eine Rückkehr zur Natur im Sinne von Rousseau skeptisch. Vom anarchischen Geist mancher sogenannter einfacher Gesellschaften, wie sie die damals noch als Entdecker verharmlosten Kolonisatoren vorfanden, spricht Reclus anerkennend.
Zugleich hat er Vorbehalte, an das Modell einer als ursprünglich wahrgenommenen Gemeinschaft anzuknüpfen. Das unterscheidet ihn von den Ideen des Anthropologen David Graeber in seinem posthum und gemeinsam mit David Wengrow veröffentlichten Buch »Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit«. Im Unterschied zu Graebers Betonung gleichsam natürlich kooperativen Verhaltens fiel Reclus schon im 19. Jahrhundert auf, dass es auch jenseits der Grenzen der Zivilisation autoritär und despotisch geführte Gemeinschaften gab.
Peter Thiel und Elon Musk
Reclus warnte eindrücklich davor, »die Paradoxien entmutigter Soziologen zu akzeptieren, die in den materiellen Fortschritten der Menschheit nur die Anzeichen ihres wirklichen Verfalls (…) sehen«. Verfall und Verlust sind dennoch präsent in seinen Texten. Immer wieder stellt er Bezüge zur Antike und ihren Philosophen her, wie man dies sonst eher von konservativen Denkern erwarten würde. Deren defätistischer Ton ist Reclus allerdings fremd. Auch dort, wo er die Kehrseiten der Zivilisation, insbesondere die enorme materielle Ungleichheit erwähnt, gibt er den positiven Bezug zum Fortschritt doch niemals auf.
Die »Freiheit des Denkens« habe, »ohne dass sie es wissen, aus allen Menschen Anarchisten gemacht«. Vieles, was einst als naturgegeben galt, ist längst verändert worden. Doch Freiheit von Herrschaft scheint im progressiven Denken heutzutage keine große Rolle mehr zu spielen. Als Ideal wird sie zusehends von Rechtslibertären gepriesen. IT-Milliardäre träumen wie Peter Thiel von eigenen Inseln, die jedem staatlichen Zugriff entzogen sind, oder wie Elon Musk von der Eroberung ferner Planeten.
Die Bezeichnung von Argentiniens Präsidenten Javier Milei als Anarchokapitalisten ist irreführend.
Diese an materiellen Reichtum gekoppelte Freiheit hat freilich mit Anarchismus nichts zu tun, setzt sie doch voraus, dass Menschen Eigentum begründen – und dann unter Androhung von Gewalt behalten können. Auch die Bezeichnung von Argentiniens Präsidenten Javier Milei als Anarchokapitalisten ist insofern irreführend.
Die materielle Herrschaft von Menschen über Menschen lehnen diese Leute nicht ab. Den Staat hassen sie dafür, dass er sie Geld kostet und zu ihrem Verdruss Bedürftige unterstützt. So wenig man dem Anarchismus im Geiste Élisée Reclus’ also mit der bewährten Phrase beikommen kann, »heute aktueller denn je« zu sein, seine Texte zu lesen bedeutet, einen freien Menschen beim Denken zu begleiten.
Élisée Reclus: Staat, Fortschritt, Anarchie. Politische Schriften. Aus dem Französischen von Rainer G. Schmidt, herausgegeben von Andreas Gehrlach und Stephan Zandt. Matthes & Seitz, Berlin 2024, 173 Seiten, 15 Euro
