Jungle+ Artikel 21.11.2024
Friedrich Pollock und die Geschichte des kybernetischen Kapitalismus

Kritische Theorie und kybernetischer Kapitalismus

Bereits in den fünfziger Jahren legte Friedrich Pollock, Mitgründer des Instituts für Sozialforschung, den Band »Automation« vor, den die Philosophen Johan Frederik Hartle und Gerhard Schweppenhäuser in ihrem Buch »Universale Vermittlung« zum Ausgangspunkt nehmen, um über die Theorie und Geschichte des kybernetischen Kapitalismus zu schreiben.

1956 erscheint in den Frankfurter Beiträgen zur Soziologie ein Band über »Automation«. Autor des Bandes, der acht Jahre später in einer erweiterten »und auf den letzten Stand gebrachten« Ausgabe erscheint, ist Friedrich Pollock, eine der zentralen Figuren in der Gründungsgeschichte der Kritischen Theorie und des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Mit seinem Buch über Automation wird Pollock zu einem der ersten und prononciertesten Experten zum Thema im deutschsprachigen Diskurs.

Als Volkswirt im interdisziplinären Ensemble der Kritischen Theorie, dessen Expertise im Bereich der Marx’schen Geldtheorie liegt, ist Pollock in die Geschichtsschreibung der Frankfurter Schule als Theoretiker des »Staatskapitalismus« eingegangen. Jene begriffliche Prägung motivierte die umstrittene Rackettheorie im Umfeld der »Dialektik der Aufklärung« und Max Horkheimers Essay »Autoritärer Staat«: In einer autoritär gesteuerten Wirtschaftsweise sind die autopoietischen Dynamiken des Marktes zu großen Teilen außer Kraft gesetzt, was unbeherrschbare Krisen verhindern soll und der Dominanz von bandenartigen Akteuren Vorschub leistet, die sich große Teile des gesellschaftlich erwirtschafteten Mehrprodukts wie Schutzgelderpresser aneignen.

Pollocks Buch über Automation ist indessen ein Zeugnis der Urgeschichte der digitalen Kultur; es stellt eine Vielzahl von Fragen, die in den folgenden Jahrzehnten medientheoretischer Diskussion eine zentrale Rolle spielen werden, und legt Spuren einer Debatte über kritische Theorie und Kybernetik sowie deren mögliche Fortführung, in der auch Aspekte zum Tragen kommen müssen, die Pollock seinerzeit (vermutlich aus pub­likationsstrategischen Gründen) liegen ließ.

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