Der Killer als Projektionsobjekt
Die üblichen Gerüchte und Verschwörungsgeschichten hatten bereits kurz nach dem Mord an Brian Thompson die Runde gemacht. Dieser war der Geschäftsführer von Unitedhealthcare, der größten privaten Krankenversicherung der USA. Der Täter sei zweifellos ein professioneller Auftragskiller, lautete eine der verbreitetsten Erklärungen. Das Ziel seiner Hintermänner sei, die Versklavung Amerikas durch Konzerne und Regierung zu beenden.
Anderswo hoffte man dagegen auf einen Revolutionär, dessen Tat zum Fanal weiterer Mordanschläge verantwortlicher Manager in der Gesundheitsversicherungsbranche werden könnte. Die allgemeine Begeisterung über den Mord war so groß, dass ein Kommentator schrieb, dieser sei das seit langer Zeit erste Thema, bei dem sich rechts und links einig seien.
Vielleicht ist die beschworene Solidaritätswelle mit Luigi Mangione bloß Getrolle – zu einer entsprechenden Demonstration in New York City am Wochenende kamen beispielsweise lediglich rund 20 Leute.
Dass sie auch nicht abnahm, nachdem der 26jährige Luigi Mangione als mutmaßlicher Täter verhaftet worden war, könnte daran liegen, dass alles, was über ihn mittlerweile bekannt wurde, so widersprüchlich ist, dass praktisch jeder sich herauspicken kann, was ihm gefällt, um daraus seine eigene Interpretation des »Helden Luigi« zusammenzubauen.
Die Fakten seines bisherigen Lebens sind schnell erzählt: Aufgewachsen in einer angesehenen Millionärsfamilie besuchte er renommierte Privatschulen und studierte schließlich Informatik und Mathematik an der University of Pennsylvania, die zur sogenannten Ivy League zählt. Danach arbeitete Mangione als Software-Entwickler auf Hawaii, bis ihn ein Surf-Unfall aus der Bahn warf. Mangione leidet an Wirbelgleiten, eine Operation half nicht gegen die Schmerzen.
Informatik, alternative Medizin und psychische Erkrankungen
Wurde aus dem rich kid deswegen ein Kommunist und Revolutionär, wie es auf X häufig zu lesen war? Wohl kaum, viele seiner mittlerweile kursierenden angeblichen Leseempfehlungen sind gefälscht. Auf der Literaturplattform Goodreads listete er mitnichten die Werke von Karl Marx und anderen linken Klassikern auf, ebenso wenig las er Bücher über angesagte Themen wie Dekolonialisierung, Rassismus oder den sogenannten Nahost-Konflikt.
Mangione beschäftigte sich vielmehr mit Fachbüchern über Informatik, alternative Medizin und psychische Erkrankungen und las das Manifest des technikfeindlichen Unabombers, Theodore Kaczynski, den er für einen »extremen politischen Revolutionär« hielt.
Insgesamt seien seine Interessen »ziemlich langweilig für einen Tech-Bro in seinen Mittzwanzigern« gewesen, heißt es in einem Artikel auf der Nachrichten-Website Axios. Zu diesen zählten auch die Theorien des Impfgegners und Verschwörungsgläubigen Robert F. Kennedy Jr. Auf X retweetete Mangione zudem mehrmals Mitteilungen von Elon Musk.
Spitzenmanager der US-Krankenkassen lassen ihre Fotos entfernen
Gleichwohl erfreut sich Mangione Zuspruchs nicht nur in den sozialen Medien. So arbeitet »Comrade Workwear«, ein eigenem Bekunden nach »sozialistischer Klamottenladen«, an einer eigenen Variante der 2003 im Irak verteilten Kartenspiele, auf deren Spielkarten die damals meistgesuchten Iraker zu sehen waren. Die Karten werden in der neuen Version die most wanted Spitzenmanager der US-Krankenkassen zeigen – die ihrerseits mittlerweile mehrheitlich die Namen und Bilder ihrer leitenden Angestellten von ihren Websites entfernt haben.
Vielleicht ist die beschworene Solidaritätswelle mit Mangione aber auch bloß Getrolle – zu einer entsprechenden Demonstration in New York City am Wochenende kamen beispielsweise lediglich rund 20 Leute mit Plakaten, auf denen »Eat the Rich« und, mit gemalten Herzchen versehen, »Free Luigi« stand.
Und vielleicht ist auch die Spendensammlung für die Verteidigung von Mangione nur Satire – oder ein Versuch, ihn von rechts zu vereinnahmen. Initiiert wurde sie von einer anonymen Gruppe, die sich »The December 4th Legal Committee« nennt (am 4. Dezember wurde Thompson ermordet). Weiter ist über das Komitee nichts bekannt.
Zwei Staranwälte verpflichtet
Interessant ist jedoch die Wahl der Crowdfunding-Plattform: Givesendgo war im Jahr 2014 von christlichen Fundamentalisten gegründet worden und erlangte größere Aufmerksamkeit, nachdem dort unter anderem die zuvor von Gofundme abgelehnte Spendenkampagne für den rechtsextremen Kyle Rittenhouse erlaubt worden war. Dieser hatte 2020 im Alter von 17 Jahren zwei Teilnehmer einer Demonstration gegen Polizeigewalt erschossen und einen weiteren schwer verletzt. Bei Givesendgo wurden mehr als 250.000 US-Dollar für die Verteidigung von Rittenhouse gesammelt.
Der Erfolg der Kampagne festigte den Ruf der Website als Alt-Right-Unternehmen. In den folgenden Jahren wurden dort unter anderem Spenden für wegen des Sturms auf das Kapitol angeklagte Mitglieder der Proud Boys, Teilnehmer des rechtspopulistischen Freedom Convoys, militante Impfgegner, Qanon-Anhänger sowie den Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer und seine Frau gesammelt. Letzteres Crowdfunding verlief mit insgesamt gespendeten 221 Euro allerdings bemerkenswert erfolglos.
Ob das für Mangione gesammelte Geld – derzeit sind es mehr als 135.000 Dollar – wirklich für seine Verteidigung verwendet werden wird, ist unklar. Mangione (oder seine Familie) hat bereits zwei Staranwälte verpflichtet, von denen einer CNN sagte, er persönlich werde dieses gespendete Geld nicht annehmen. Sein Klient sei aber dankbar für die zahlreichen Solidaritätsbekundungen.