19.12.2024
Im Film »Freud – Jenseits des Glaubens« diskutiert Sigmund Freud mit C. S. Lewis über Gott

Schlechtes Storytelling

Existiert Gott? Diese Frage lässt der Regisseur Matthew Brown Sigmund Freud und C. S. Lewis in seinem zu glatt und oberflächlich ­geratenen Film »Freud – Jenseits des Glaubens« diskutieren.

Mit Filmen über Sigmund Freud ist es so eine Sache. Sein Denken durchdringt die Triebökonomie des Einzelnen wie auch die kulturgeschicht­liche Genese der Zivilisation so tief, dass es sich filmisch nur schwer vermitteln lässt. Filmemacher konzentrieren sich daher meist auf Biographisches und laufen dabei Gefahr, Freuds Denken hinter seinen Lebensdaten verschwinden zu lassen oder sich auf Historiendramen zu versteifen, die leblos, glatt und inszeniert geraten.

Auch David Cronenbergs hochkarätig besetztes Drama »Eine dunkle Begierde« von 2011 stellte hier keine Ausnahme dar – wüsste der Zuschauer nicht, dass Cronenberg für das Drama über eine Affäre des Psychiaters C. G. Jung und dessen Auseinandersetzung mit seinem großen Rivalen Freud verantwortlich zeichnete, er würde es gar nicht bemerken.

Hopkins gab zu, sich auf die Rolle Freuds nicht wirklich vorbereitet zu haben, er habe sich an einer intuitiven Darstellung versucht und auf eine Lektüre der Schriften des Vorbilds seiner Rolle verzichtet.

Matthew Brown wagte sich jetzt mit »Freud – Jenseits des Glaubens« an die filmische Adaption eines Theaterstücks (das wiederum auf einer Romanvorlage basiert), in dem eine mutmaßlich fiktive Begegnung zwischen Freud und dem christlichen Schriftsteller C. S. Lewis, dem späteren Autor der »Chroniken von Narnia«, durchgespielt wird.

Wie bereits der Filmtitel vermuten lässt, steht dabei die Frage des Glaubens im Mittelpunkt. Das Drama ist in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs angesiedelt, Freud befindet sich hochbetagt und schwer an Krebs erkrankt im Londoner Exil, wo er aufopferungsvoll von seiner Tochter, der Psychoana­lytikerin Anna Freud, gepflegt und betreut wird. Er erwartet den Autor Lewis zu einer ersten Verabredung, derweil wird mit etwas hölzern geratenen Rückblenden in Freuds Leben und Wirken in Wien vor der Zeit des Exils eingeführt.

Bisweilen allzu onkelhaft

Verkörpert wird Freud von Anthony Hopkins, der sich im grauen Dreiteiler mit der ikonischen Taschenuhr ganz gut macht und den Film ohne ersichtliche Mühen über weite Strecken schauspielerisch trägt – wenngleich seine Darstellung des präzisen Analytikers der menschlichen Psyche bisweilen allzu onkelhaft, kauzig und schrullig geraten ist. Immer wieder lacht er großväterlich über seine eigenen Gedanken und Einfälle.

In Matthew Goode, der C. S. Lewis verkörpert, findet Hopkins einen schauspielerisch ebenbürtigen und nebenbei bemerkt unverschämt ­attraktiven Gegenspieler. Er verleiht Lewis den Gestus eines wissbegierigen, streitlustigen jungen Denkers, der die britische Etikette in Fragen des Kleidungsstils ebenso makellos ­beherrscht wie die des Diskussionsstils. Viel mehr Gutes lässt sich über Browns Film jedoch leider nicht sagen.

Das Hauptproblem des Films ist die Schablonenhaftigkeit, mit der hier die altbekannte Gretchenfrage zum x-ten Mal gestellt wird. Freuds ambivalentes Verhältnis zur Religion wird zu vulgäratheistischen Ansichten eingedampft, wie man sie aus linken Diskussionszirkeln ebenso kennt wie von liberalen Modernisierern oder humanistischen Funktionären.

Zu vulgäratheistischen Ansichten eingedampft

Entweder trauten Brown und Mark St. Germain, aus dessen Feder die Theatervorlage stammt und der auch am Drehbuch von »Jenseits des Glaubens« mitwirkte, ihren Zuschauern nicht zu, ein tieferes Verständnis für Freuds Blick auf die Fragen des Glaubens zu entwickeln – oder aber sie waren selbst nicht fähig, ein solches zu vermitteln.

Hopkins gab zu, sich auf die Rolle Freuds nicht wirklich vorbereitet zu haben, er habe sich an einer intuitiven und impulsiven Darstellung versucht und auf eine ausführliche Lektüre der Schriften des Vorbilds seiner Rolle verzichtet – dem Darsteller mag man das nachsehen, den Drehbuchautoren jedoch nicht. 

Bisweilen sticht dann aber doch die eine oder andere geistreiche oder humorvolle Bemerkung hervor, wenn etwa Lewis seinen Glauben an Jesus damit begründet, das Neue Testament gebe dessen Lebensweg allzu lückenhaft und ungeformt wieder, um bloßer Mythos oder Fiktion zu sein – was Freud zu der Erwiderung veranlasst, Lewis’ Glaube beruhe offenbar auf schlechtem storytelling.

Vage Andeutungen, die sich im Nirgendwo verlieren

Folgte man dieser Argumentation, so brächte das auch »Jenseits des Glaubens« in den zweifelhaften Verdacht, letztlich göttlichen Ursprungs zu sein. Denn Brown bemüht sich zwar, mit der als bedrückend eng und schützend dargestellten Vater-Tochter-Beziehung zwischen Sigmund und Anna Freud einen weiteren erzählerischen Strang einzuflechten, und deutet hier etwa eine Diskrepanz zwischen Freuds analytischen Theorien über den Zusammenhang zwischen einer dyadischen Vater-Tochter-Verschmelzung und weiblicher Homosexualität einerseits und der vermeintlichen Unfähigkeit, sein eigenes Gebaren als Vater zu reflektieren, auf der anderen Seite an. Über vage Andeutungen, die sich im Nirgendwo verlieren und zum Kernthema des Films wenig beizutragen haben, kommt er dabei jedoch nicht hinaus.

Dabei hätte sich jedem, der mit der psychoanalytischen Kulturtheorie auch nur rudimentär vertraut ist, die Analogie zwischen dem konkreten und dem allgemeinen – göttlichen – Vater geradezu aufgedrängt. Doch das scheint Brown ebenso entgangen zu sein wie etwa Freuds wiewohl nicht fromme oder gläubige, so doch alles andere als vulgäratheistische Beschäftigung mit dem Mann Moses und der Entstehung der monotheistischen Religion.

Filmisch ist »Jenseits des Glaubens« sehr bemüht geraten, die glatten Bilder des für die Kameraarbeit verantwortlichen Ben Smithard wollen nicht so recht lebendig werden, zusätzlich gehindert werden sie daran von Coby Browns dudeligem Streicher-Score. Der Film erzeugt dadurch so etwas wie eine Wohlfühlatmosphäre für ein arriviertes Kulturbürgertum, das sich darin gefallen darf, keinen Actionfilm aus Hollywood zu sehen, sondern einen auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Intellektuellenfilm. Nur wird jeder Anflug tatsächlicher Intellektualität im Keim erstickt; übrig bleiben floskelhafte Kalendersprüche.

Die Traumsequenz wird von wiederholt eingeschobenen Aufnahmen von Sonnenstrahlen und Wäldern derart konterkariert, dass das Abgründige und das Erhellende gleichermaßen zum Kitsch geraten.

Daran ändert auch eine seltsam fehl am Platz wirkende Traumsequenz nichts, in der Freud sich mit seinen verdrängten Dämonen konfrontiert sieht – sie ist allzu spürbar der Sorge geschuldet, ein Film über Freud ohne wenigstens eine Andeutung der für sein Werk so entscheidenden Sphäre der Träume und der Phantasien könne sein Sujet zu offenkundig verfehlen. Zudem wird die Sequenz von wiederholt eingeschobenen Aufnahmen von Sonnenstrahlen und Wäldern derart konterkariert, dass das Abgründige und das Erhellende gleichermaßen zum Kitsch geraten.

»Jenseits des Glaubens« kommt so nicht über eine Ansammlung liegengelassener Anfänge hinaus. Leider gilt das auch und gerade für die Darstellung der Anna Freud, die der Film vor dem kontrollierenden Vater in Schutz zu nehmen vorgibt, sich dabei jedoch selbst kaum für ihr Denken und Wirken interessiert, sondern sie abermals auf die Tochter des Vaters reduziert.

Von diesen Anfängen ist immerhin der eine oder andere nicht ganz banal geraten. Wer sie selbst aufnehmen und weiterdenken möchte, dem sei der Gang ins Kino nahegelegt, zumal Hopkins und Goode dafür Sorge tragen, dass die Seherfahrung nicht ausnahmslos frustrierend ist. Doch auch sie können kein Licht ins Dunkel der großen Frage bringen, die den Zuschauer während großer Teile des Films mehr umtreibt als jene des Glaubens: Wozu das Ganze? Welches Mehr an Erkenntnis man sich von einem fiktiven Gespräch zwischen Freud und Lewis auch versprochen haben mag – Browns Spielfilm hat es akribisch in ein Weniger verkehrt.

Freud – Jenseits des Glaubens. (US/UK 2023). Buch: Mark St. Germain, Matthew Brown. ­Regie: Matthew Brown. Darsteller: Anthony Hopkins, Matthew Goode, Liv Lisa Fries