02.01.2025
Neujahr beim Hausarzt

Schrittzähler im Minusbereich

Die weihnachtliche Völlerei und das exzessive Silvester machen sich in der Arztpraxis bemerkbar. Der Körper rückt wieder in den Fokus der Patient:innen, und bei manchen führt die Sorge, sie hätten es ein wenig übertrieben, zu Angstzuständen. Eine gesundheitspolitische Kolumne.

So kann es nicht weitergehen. Nach all den Schlemmereien, nach Alkohol und Drogen, nach Tagen, in denen sich der Bewegungsradius auf wenige Meter beschränkte, und niedergedrückt vom Kater nach einem rauschhaften Silvester stellt sich der Hausarzt, wie wohl auch die Leser:innen dieser Kolumne, existentielle Fragen: Wie geht es eigentlich meinem Körper? Wo will ich mit ihm hin? Habe ich ihm nicht zu viel zugemutet und sind seine Kipppunkte schon erreicht oder gar überschritten? Und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr wächst die Angst.

Die vorzeitig verstorbenen Verwandten erscheinen im Traum: Ist nicht Großonkel Karl-Heinz mit noch nicht einmal 80 kurz nach Weihnachten tot umgefallen? Hat nicht Tante – wie hieß sie noch? – in ähnlichem Alter der Schlag getroffen? Beruhigung muss her, schnell!

Sorgenvoll werden Fitnessstudios und Sportvereine gestürmt, vegane Kochbücher gewälzt und Sportaccessoires erworben. Verzicht, Entschlackung, Detox sind das Gebot dieser Jahreszeit. 

Sorgenvoll werden Fitnessstudios und Sportvereine gestürmt, vegane Kochbücher gewälzt und Sportaccessoires erworben. Verzicht, Entschlackung, Detox sind das Gebot dieser Jahreszeit. Aber reicht das alles wirklich, um all die Gänsebraten und den Rotwein, die ungezählten Torten und Zigaretten auszugleichen? Der Schrittzähler im Minusbereich, das Sofa durchgesessen, das Netflix-Abonnement schon wieder verlängert. Es drückt hier und zieht dort … Krebs? Demenz? Long Covid? Irgendetwas Seltenes, was Ärzte immer übersehen? Der Zweifel wühlt, die Angst dreht frei und steigert sich zur Panik. Ist es nicht schon zu spät?

In der größten Not muss der Hausarzt helfen. Und so drängen sich die Ängstlichen vor seinem Sprechzimmer, begehren Einlass und fordern Untersuchungen, um endlich ihrem Schicksal gefasst ins Auge blicken zu können, zu wissen, woran sie sind, wie viele Monate, ja wahrscheinlich nur Tage ihnen noch bleiben. Blutentnahmen, Ultraschall und EKG sind die Beruhigungsmittel. Manche lassen sich nur mit einer Überweisung zu Fachärzt:innen zufriedenstellen.

Workout-Getue und übertriebener Sport

Der Hausarzt jedoch weiß: Zahlreiche Studien belegen, dass ängstliche Menschen dazu neigen, nach jeder Untersuchung noch mehr Angst zu entwickeln. Sie kommen auf immer neue Ideen, was alles nicht in Ordnung sein könnte, verlangen nach noch mehr Diagnostik und bringen sich dadurch in Gefahr. Unzählige Komplikationen treten bei unnötigen Untersuchungen auf. Deshalb wird inzwischen schon in Leitlinien empfohlen, bei manifesten Angsterkrankungen Untersuchungen eng zu begrenzen.

Insgesamt leiden 25 Prozent aller Menschen einmal im Leben an einer Angststörung. Der Anteil junger Erkrankter im Alter von 15 bis 29 Jahren hat sich in den vergangenen zehn Jahren einer Untersuchung der Kaufmännischen Krankenkasse zufolge mehr als verdoppelt. Es könnte mit der steigenden Zahl an Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen zusammenhängen. Aber auch die trostlosen kapitalistischen Verhältnisse wären eine Erklärung.

Letzteres halten die meisten Patient:innen für ausgeschlossen und machen sich stattdessen selbst für ihr Unglück verantwortlich. Nicht sinnentleerte Arbeit, sondern ein paar Tage ohne Bewegung halten sie für das Problem. Nicht Workout-Getue und übertriebener Sport, sondern einige Kilos werden als beschämend empfunden.

Angst vor den Angst­patient:innen

Als ob das alles nicht schon genug wäre, traktieren die Kolleg:innen sie vor allem nach Neujahr mit Reden über Sport und Wellness, über Diäten und Stressreduktion und über die Schönheit des Berufs und ihre Begeisterung, mit der sie ihn ausüben.

Der Hausarzt jedoch hat am meisten Angst vor den Angst­patient:innen. Denn ihre Angst ist die seine, und Panik ergreift auch ihn und verleitet ihn zu völlig übertriebener, ja exzessiver Diagnostik: Wie viele überflüssige Röntgenaufnahmen, Bauch-, Darm- und Magenspiegelungen hat er veranlasst? Wie viele unnötige Blutentnahmen und Ultraschalluntersuchungen vorgenommen? Und bräuchte der Hausarzt das nicht alles selbst? Seine letzten Untersuchungen sind doch schon ein Jahr her!

Aber eigentlich, wenn er sich besinnt und tief durchatmet, ist einfach wieder nur ein Jahr vergangen, in dem er sich durchlaviert, unzählige Kompromisse mit dem Gesundheitssystem gemacht und erfolglos versucht hat, seine Patient:innen zum Durchhalten, zu mehr Bewegung, zu Rauchstopp und zum Abnehmen zu motivieren.

So ist der Hausarzt schon zu Beginn des neuen Jahres so erschöpft wie seine Patient:innen zum Jahresende.