23.01.2025
Gianluca Buttolo schaut dem Komikerduo Laurel und Hardy beim Filmdreh über die Schulter

Ein Herz und eine Seele

Eine hollywoodeske Graphic Novel voller Retro-Charme rückt die Karriere von Laurel und Hardy ins rechte Licht.

Seltsame Typen in schlecht sitzenden Anzügen, die nirgendwo dazu ge­hören und sich ständig streiten – mit dieser Masche begannen Oliver Hardy und Stan Laurel in den zwanziger Jahren ihre sagenhafte Karriere, in deren Verlauf sie zusammen über 100 Filme drehten. Dass sie nicht einfach nur bekannt wie bunte Hunde, sondern echte Weltstars samt Medienrummel, glamourösen Empfängen und Oscar-Ehre waren, ist heute in Vergessenheit geraten, zumal in Deutschland, wo sie als »Dick und Doof« aus der weniger prestige­trächtigen Kinderunterhaltung vor allem der siebziger Jahre erinnert werden.

»Dick und Doof« ist ein Titel wie zwei Ohrfeigen. Er trifft den anarchischen Humor des britisch-amerikanischen Komikerduos, geht dem Witz aber auch zugleich auf den Leim und verkennt die Subversion des Sich-dumm-Stellens. Auch findet sich in der Namensgebung die vulgäre deutsche Häme gegen jede Form von Außenseitertum. Unangenehm sticht in diesem Zusammenhang hervor, dass auch Hitler die »Dick und Doof«-Filme mochte. Landstreicher, Bettler, Straßenmusikanten, wie Laurel und Hardy sie verkörperten, ließ Hitler bekanntlich als »Nichtsesshafte« verfolgen und ermorden.

Längst ist bekannt, dass der im Film stets unterlegene, kindlich-naive Laurel der eigentliche kreative Kopf des Duos war. Laurel fungierte auch als Co-Autor und -Regisseur und hatte sehr genaue Vorstellungen, wie die Filme am Ende auszusehen hatten.

Fallende Körper, geschrottete Autos, fliegende Hüte – die Zeichnungen kosten das Potential des Repertoires von »Laurel und Hardy« genüsslich aus und kommentieren damit auf elegante Weise das bewegte Leben Laurels voller Niederlagen und Neuanfänge.

Oliver Hardy, der als Filmvorführer, Kartenabreißer und Reinigungshilfe in der Frühzeit der Kinoindus­trie angefangen hatte, ging dagegen ganz in der Schauspielerei auf, in die er wohl auch dank seiner Pummeligkeit gelangt war. Für die (verschollene) Stummfilmkomödie »Outwitting Dad« (1914) soll ausdrücklich ein beleibter junger Mann gesucht worden sein. Mit der Rolle eines liebestollen Typen begann Hardys frühe, vergleichsweise noch bescheidene Solokarriere. Immerhin war er aber bald so populär, dass ihm ein eigener Comic gewidmet wurde: »The Artful Antics of Babe Hardy« ist ein augenzwinkernde Bildgeschichte aus den Jahren 1920 und 1921, die von den Streichen eines dicken Herrn mit Frack und Zylinder erzählt.

Rund ein Jahrhundert nach »Babe Hardy« ist nun mit der Graphic Novel »Laurel und Hardy« des italienischen Zeichners Gianluca Buttolo die jüngste Würdigung des Komikerduos erschienen. Buttolo stützt sich auf Biographien und Filmographien, insbesondere auf John Connollys Roman »Stan« (2018), aus dem einige Dialoge im Comic nachgebildet wurden. Atmosphärisch ist Buttolos im Noir-Stil gezeichnete Bildgeschichte von Paul Austers Kurztheaterstück »Laurel und Hardy Go to Heaven« (1996) und Samuel Becketts »Warten auf Godot« inspiriert, wie Buttolo in einer Fußnote bekennt. Dazu kommt ein hübscher Schuss Retro-Charme.

Bild:
Splitter-Verlag

Santa Monica, Anfang der sechziger Jahre, eine hollywoodreife Einstellung eröffnet die Erzählung. Stan Laurel, rauchend, schaut vom Balkon übers Meer in die untergehende Sonne. Ein fremder Junge ruft ihn an. Er will Laurel für seinen Schulaufsatz befragen, die Nummer hat er im Telefonbuch gefunden. Der Junge wird im Comic nicht gezeigt, aber die Perspektive für die Erzählung ist gefunden. Das ausführliche Gespräch mit dem Schüler aus New York hat es tatsächlich gegeben, der alternde Filmstar soll seinen jungen Fan sogar zurückgerufen haben, um die Telefonrechnung der Familie zu schonen. Hardy ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot, die letzte Etappe der gemeinsamen Karriere mit ausgedehnten Tourneen endete 1957 abrupt, als »Babe« einem Schlaganfall erlag.

Fairness und charakterliche No­blesse, so schildert es der Comic, zeichnen Laurel in der Zusammenarbeit mit Hardy aus. Seinen Einfluss auf die Regieentscheidungen hat er offenbar nie dazu benutzt, die eigene Rolle zuungunsten seines Filmpartners aufzuwerten, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Im Gegenteil achtete er darauf, dass das Duo immer als »Wesenheit«, nicht als der Protagonist und sein Sidekick gezeigt wurde.

Hal Roach ist der dritte Mann im Universum von Laurel und Hardy. Die Auseinandersetzungen mit dem Produzenten, die 1940 eskalieren und zur Trennung von Roach führen, sind der dramaturgische Konflikt, an dem entlang der Comic die Stationen der Karriere abbildet. Den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm hat das Team gemeistert, über den Langfilm kommt es zum Bruch. Der Produzent will ihn, nicht aber seine beiden Schauspieler. Es geht um Geld versus künstlerische Inte­gri­tät, aber auch um Macht versus Eigensinn. Auch das Private spielt eine Rolle. Die sogenannte Moralklausel im Vertrag setzt Laurel unter Druck, sein Alkoholismus und seine Ehestreitigkeiten werden ruchbar. An dieser Stelle wird der Comic unübersichtlich, kein Wunder: Laurel war insgesamt sieben Mal verheiratet, mit der ersten Frau ein Mal, mit der zweiten zwei Mal, mit der dritten drei Mal, mit der letzten ein Mal – mehr Slapstick passt in keine Biographie!

Eine Geschichte von Ruhm und Flops, Privilegien und Missverständnissen

Gegliedert durch Texttafeln wie aus einem Stummfilm erzählt die Graphic Novel eine Geschichte von Ruhm und Flops, Privilegien und Missverständnissen, mal in kleinformatigen Szenen mit dichten Dialogen, mal in seitenfüllenden Panels. Fallende Körper, geschrottete Autos, fliegende Hüte – die Zeichnungen kosten das Potential des Repertoires von Laurel und Hardy genüsslich aus und kommentieren damit auf elegante Weise das bewegte Leben des Erzählers voller Niederlagen und Neuanfänge.

In ihrem wohl besten und zu Recht oscarprämierten Film »The Music Box« (1932) schleppen die Möbelpacker Laurel und Hardy ein Klavier eine absurd steile Treppe hinauf, um oben beim Empfänger angekommen dessen Wohnung zu verwüsten. Der Comic fasst die raffinierte 29minütige Handlung der Slapstick-Komödie in ein großartiges Bild, in dem Stufen und Klaviertastatur zu einem Laufsteg ins Nirgendwo werden. Und er erzählt im Stil von François Truffauts »Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?«, dass das Drehbuch zu diesem Film, das Laurel gegen den Widerstand von Roach durchsetzen konnte, nur ein einziges Wort enthielt – »Klavier«.

Als die Produktionsfirma 20th Century Fox, die das Duo nach dem Bruch mit Roach betreute, dessen Filme 1945 unter dem Namen »Laurel-Hardy« vermarkten will, beenden die beiden das letzte Kapitel ihrer Filmkarriere. Das »und«, meint Laurel, habe sie zusammengeschweißt, sie seien »zwei Hemisphären desselben Gehirns«, plötzlich soll ein läppischer Bindestrich das »und« ersetzen? »Ich bin dagegen«, erklärt Hardy.

Was Stan Laurel und Oliver Hardy über ihre deutsche Vermarktungsbezeichnung gedacht haben, erzählt der Comic zwar nicht, aber man kann es sich denken.


Buchcover

Gianluca Buttolo: Laurel und Hardy. Aus dem Italienischen von Christoph Haas. Splitter, Bielefeld 2024, 176 Seiten, 29,80 Euro