Jungle+ Artikel 20.02.2025
Wenn die Grundlagen der Demokratie erodieren, wird das Spektakel des Wahlkampfs zur Horrorshow

Die Wahl haben

Der Wahlkampf ist eine hochsymbolische Selbstdarstellung des Systems demokratischer Gesellschaften. Wurde in der modernen Demokratie die Politik im Wahlkampf zum Spektakel, dreht sich deren Verhältnis in der Postdemokratie um: Das Spektakel wird selbst zur Politik.

Früher war alles besser. Wahlen sowieso. Es hatte etwas Gemütliches, fast schon Beruhigendes. Ein Ritual, in dem man sich, vielleicht sogar ein bisschen besser angezogen als sonst, gegenseitig in einem streng ritualisierten öffentlichen Raum seiner Treue zum Staat, zum System, zum common sense versicherte, aber doch auch seinen individuellen Interessen oder seinem Geschmack Ausdruck verleihen durfte. Nach der Kirche und vor dem Wirtshaus zum Beispiel. Die Macht, die aus dem Volk kommen soll, zeigte sich auf äußerst disziplinierte Weise, da man sicher sein konnte, dass alles im Rahmen bleiben würde. Im Rahmen gewisser Grundüberzeugungen, sagen wir: Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Rede- und Versammlungsfreiheit, und eben immer bis zu den nächsten Wahlen. Und im Rahmen eines allgemein garantierten Konservatismus. Es ging bergauf, und es blieb doch alles beim Alten. Mehr oder weniger.

Der immer wieder gehörte misslaunige Spruch »Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten« stimmte irgendwie und stimmte auch wieder gar nicht. In einer gemütlichen Republik sollen Wahlen den Rahmen bestätigen, indem sie innerhalb dieses Rahmens die Kräfte etwas verrücken. Die Parteien, die außerhalb dieses Rahmens standen, waren als Spinner, Revoluzzer oder Ewiggestrige nicht wirklich relevant. In Deutschland standen Kommunisten außerhalb des Rahmens, während sie in anderen europäischen Ländern zum stabilen und sogar stabilisierenden Repertoire der Demokratie gehörten. Hierzulande ging es in aller Regel darum, die Gewichtungen der drei großen demokratischen Bewegungen zu akzentuieren, der »Konservativen«, der »Liberalen« und der »Sozialdemokraten«. Solange die drei in irgendeiner Form kooperationsfähig blieben, war alles in Ordnung.

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