26.06.2025
Ein kurzer Auftritt – Grateful Cat auf der Fête de la Musique

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Fête de la Musique

Am Samstagnachmittag fahren Julia und ich nach Mitte in die Choriner Straße 12. Der dort ansässige Spätkauf und der Verein Projekt Elpida, der sich für Geflüchtete einsetzt, haben anlässlich der Fête de la Musique zum »Fest der Solidarität« eingeladen.

Es ist heiß. Am Stand von Elpida kaufe ich ein Stück Quiche und hole mir im Späti eine eiskalte Club-­Mate. Natürlich zeichnen Julia und ich. Ein paar Dutzend Leute sitzen und stehen vor dem Späti, als Grate­ful Cat anfangen zu spielen. Der Sound ist gut, Leute tanzen. Grateful Cat, das sind Gwendolyn und Frank, ein rockendes Folk-Duo. Sie singen eigene Songs auf Englisch in herrlichem Harmoniegesang. Ihre erste LP »Stray with Me« erschien vor zwei Jahren, eine weitere erscheint im Herbst.

Auf der Fête de la Musique ist es ja erlaubt, auf der Straße laut zu sein, denke ich noch. Aber da habe ich falsch gedacht.

Nach ein paar Songs sehe ich auf der linken Seite zwei Polizisten. Na, die kommen bestimmt nicht wegen der Lärmbelästigung. Auf der Fête de la Musique ist es ja erlaubt, auf der Straße laut zu sein, denke ich noch. Aber da habe ich falsch gedacht. Der Veranstalter flüstert Franky etwas ins Ohr, danach ist das Set von Grateful Cat beendet.

Der Veranstalter tritt ans Mikrophon. »Eigentlich bin ich kein Mensch der großen Worte, aber jetzt möchte ich doch mal etwas sagen«, beginnt er. Die freundlichen Polizeibeamten hätten ihn nach einer Genehmigung für das Spielen auf der Straße gefragt. Die er nicht hatte. Deshalb wäre es mit Live-Musik draußen leider vorbei.

Er sagt dann noch sehr viel über die Verdrängung von alternativer Kultur im Kiez und über steigende Mieten. Es ist ein rant, den wir kennen. Aber alle hören und stimmen zu. Am Schluss will der Applaus nicht enden. Ingrimmig wird weiter applaudiert, als könnte mehr Applaus etwas ändern.

Aus der Not ist ein Style geworden: Cornern und Wegbier

Aber es ist ja auch völlig unverständlich, warum dieser harmlose Gig enden musste. Wegen einer fehlenden Genehmigung während der Fête de la Musique, auf der überall in Europa  auf den Straßen musiziert wird. Ein paar Meter weiter, auf dem Bürgersteig, wäre es kein Problem gewesen. Wie kleinkariert! Als wäre es nicht möglich zu sagen, dass an diesem einen Tag im Jahr alle Menschen überall öffentlich laut sein dürfen.

Dabei nerven mich durch die Kieze marodierende Touristengruppen und bis spät in die Nacht vor den Spätis feiernde Teenager natürlich auch. Ich habe das Gefühl, dass diese Art von Lärm zugenommen hat, seit Clubs und Kneipen sterben. Ich habe mit 16 Jahren bereits in der Kneipe gesessen und Bier und Cola getrunken.

Harten Alkohol hätten wir vielleicht gar nicht bekommen, konnten wir uns aber auch gar nicht leisten. Heute sind Eintrittspreise und Getränke so teuer, dass jungen Leuten gar nichts anderes übrigbleibt, als draußen herumzulungern. Aus der Not ist ein Style geworden: Cornern und Wegbier. In geschlossene Räume treibt es junge Leute jedenfalls im Moment nicht. Viel zu heiß.