26.06.2025
Deutsche Städte bewerben sich mal wieder für die Olympischen Spiele

Hauptsache Olympia

Unermüdlich bewerben sich deutsche Städte und Regionen darum, Olympische Sommerspiele ausrichten zu dürfen. Um der Bevölkerung das schmackhaft zu machen, werden allerlei zweifelhafte Behauptungen aufgestellt.

Deutsche Länder und Kommunen bewerben sich um nichts lieber als um internationale Sportereignisse – wenn auch meist aussichtslos. Besonders begehrt sind die Olympischen Sommerspiele. Unter dem Motto »Stop the Clock« wirbt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nun dafür, dass sich deutsche Austragungsorte um Olympische und Paralympische Sommerspiele bewerben. Es sei schließlich über 52 Jahre her, dass mit München zuletzt eine deutsche Stadt olympischer Gastgeber war.

In den vergangenen 20 Jahren sind sieben Bewerbungen fehlgeschlagen. Zuletzt hatte sich aus Deutschland die Rhein-Ruhr-Initiative für die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2032 beworben, schaffte es 2023 aber nicht einmal in die Endrunde des Auswahlverfahrens.

Ende Mai wurde bekannt, dass sich neben der Bundeshauptstadt Berlin auch die Hansestadt Hamburg, die bayerische Landeshauptstadt München und erneut die Rhein-Ruhr-Region für die Ausrichtung Olympischer Spiele bewerben. Eigentlich hatte der zuständige DOSB eine Bewerbung geplant, in der sich Regionen und Metropolen des ganzen Landes zusammenschließen sollten. Darüber hinaus hätte die Bewerbung möglichst wenige Neubauten erfordern sollen. Beides wurde komplett vermasselt.

Hamburg plant, das erst vor zwei Jahren für 30 Millionen Euro sanierte Volksparkstadion (57.000 Plätze) für Olympia abzureißen, um in dessen unmittelbarer Nähe eine neue Arena ähnlicher Größe zu errichten.

Nachdem jahrelang diskutiert worden war, dass Berlin und Hamburg sich gemeinsam bewerben könnten, brachte der DOSB das »One-Village-Prinzip« in Erinnerung. Demnach lege das Internationale Olympische Komitee (IOC) Wert auf ein zentral gelegenes olympisches Dorf mit kurzen Anreisezeiten zu den Wettkampfstätten, womit die gemeinsame Bewerbung von Berlin und Hamburg obsolet wurde. Ob das IOC wirklich auf einem zentralen olympischen Dorf besteht, ist schwerlich nachzuvollziehen. Schriftlich fixiert ist nichts dergleichen.

Ursprünglich sollten sich mehrere Standorte gemeinsam bewerben, um auf den Neubau von Sportstätten verzichten zu können. Während in Berlin und München jeweils Olympiastadien und zugehörige Sportanlagen vorhanden sind, die relativ neubauarme Spiele zumindest halbwegs realistisch machen, liegt die Sache im dem Rhein-Ruhr-Gebiet und in Hamburg ganz anders. So plant die Hansestadt, das erst vor zwei Jahren für 30 Millionen Euro sanierte Volksparkstadion (57.000 Plätze) für Olympia abzureißen, um in dessen unmittelbarer Nähe eine neue Arena ähnlicher Größe zu errichten.

Der Neubau einer Arena, die für Leichtathletikwettbewerbe ausgelegt ist, die dann nach einmaliger Nutzung in ein reines Fußballstadion – also eines ohne Laufbahnen, Sprunggruben et cetera – umgebaut werden muss, ist kaum als nachhaltig zu bezeichnen. »Die Erfahrungen aus vergangenen Olympischen Spielen zeigen, dass Umweltschutz und Nachhaltigkeit unter dem enormen Zeit- und Finanzdruck einer Olympia-Bewerbung immer wieder unter die Räder geraten«, kritisiert die Hamburger Landesvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Sabine Sommer.

Wettbewerb um die größtmögliche Verdrehung der Tatsachen

Der nun angefachte nationalen Viererkampf um die Olympia-Bewerbung wird in den nächsten Monaten mit einem Wettbewerb um die größtmögliche Verdrehung der Tatsachen einhergehen. Die wichtigste Falschbehauptung dürfte lauten: Die Sportstätten müssen nicht neu gebaut werden, und wenn, dann nur temporär.

Es geht darum, die Bevölkerung in den potentiellen Austragungsorten zu überzeugen, denn die soll in Referenden über die Bewerbung entscheiden. Einige der vergangenen Versuche, Olympische Spiele nach Deutschland zu holen, scheiterten am Votum der Bevölkerung. So zum Beispiel die Bewerbungen von München für die Winterspiele 2022 oder Hamburgs für die Sommerspiele 2024. Deshalb tun die politisch Verantwortlichen so, als ob sie etwas dar­aus gelernt hätten. »Die Bewerbungen früherer Jahrzehnte bestanden darin, dass eine Stadt umgebaut wurde, um Olympische Spiele zu ermöglichen. Dieses Prinzip haben wir umgedreht. Wir haben das Olympia-Konzept an unsere Stadt angepasst«, prahlte zum Beispiel Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD).

»Mehr als 90 Prozent der Sportstätten sind heute schon vorhanden und können temporär errichtet werden«, hält Berlins Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) dagegen – dabei gehört zu den größten Infrastrukturproblemen der Stadt das Fehlen benutzbarer Sportstätten. Auch sieht man in der Berliner Politik keinerlei geschichtspolitisches Problem dar­in, dass das einst für die Olympischen Spiele 1936 errichtete und von dem Nationalsozialisten Werner March entworfene Olympiastadion erneut als Austragungsort genutzt werden soll.

Dem Standort Deutschland dienen

In München verweist man darauf, dass man auf das Olympia-Gelände von 1972 zurückgreifen könne und einige weitere Anlagen von damals nur instandgesetzt werden müssten. Das neu zu errichtende Olympische Dorf soll in der Nachnutzung ein »klimaneutrales und barrierefreies Mehrgenerationenquartier für mehr als 10.000 Menschen« werden, behauptet die Stadt.

Auch in diesem Fall übergeht man die Geschichte des Austragungsortes München lieber. Am 5. September 1972 richtete die palästinensische Terrororganisation Schwarzer September ein Massaker an der israelischen Delegation zu den Olympischen Spielen an. Insgesamt kamen elf israelische Olympiateilnehmer ums Leben, darunter fünf Athleten. Die Spiele in der bayerischen Landeshauptstadt sollten damals – im Gegensatz zu jenen 1936 von den Nationalsozialisten ausgetragenen – »der Welt ein anderes Deutschland zeigen«, wie es der Historiker Kay Schiller formuliert.

Für welche Spiele man sich genau bewerben will, steht nicht fest; ob es nun die der Jahre 2036, 2040 oder 2044 sein sollen, scheint eher zweitrangig zu sein.

Volker Bouffier (CDU), Vorstandsmitglied des DOSB und ehemaliger hessischer Ministerpräsident, meinte, die derzeitigen Bewerbungskampagnen sollen dem Standort Deutschland insgesamt dienen: »Wir bewerben uns, um Deutschland fit zu machen für ein großes Ziel.« Was dieses Ziel ist, blieb zwar weitestgehend offen, aber Gutes lässt sich nicht erahnen.

Welchen Spielen die Bewerbungen gelten sollen, steht nicht fest, ob es nun die von 2036, 2040 oder 2044 sein sollen, scheint eher zweitrangig zu sein. Hauptsache Olympia. »Wir machen es so lange, bis es klappt«, kündigte zumindest schon der sächsische Staatsminister des Innern, Armin Schuster (CDU), an. Sachsen ist als Austragungsort für die Wettkämpfe Gewichtheben, Fechten, Turnen und Kanuslalom an der Bewerbung Berlins beteiligt.