»Israel kann nicht mit einer iranischen Atombombe koexistieren«
War der israelische Angriff auf das Atomprogramm der Islamischen Republik Iran notwendig?
Der israelische Angriff verdeutlicht ein altes Prinzip der internationalen Politik. Sie ist, um einen Begriff des australischen politischen Theoretikers Hedley Bull zu verwenden, eine »anarchische Gesellschaft«, in der es zwar Allianzen, Verträge und Kooperation gibt, aber keinen übergeordneten Garanten für Frieden und Ordnung. Letztlich muss jedes Land sein Überleben selbst sicherstellen.
Die iranische Führung hat jahrzehntelang klargemacht, dass sie Israel zerstören will – nicht Deutschland oder Großbritannien, sondern Israel. Und sie rufen zwar auch »Tod für Amerika«, aber die USA sind Tausende Kilometer weit weg. Israel war das eine Land, dessen Existenz durch einen nuklear bewaffneten Iran absolut bedroht war. Israel ist ein »Ein-Bomben-Land«, wie mehrere iranische Führer gesagt haben.
Aber auch die europäischen Länder und US-Regierungen haben versucht, den Bau von Atombomben im Iran zu verhindern – mit diplomatischen Mitteln und Sanktionen.
Dieses Bestehen darauf, dass eine diplomatische Lösung möglich sei, setzte immer voraus, zu ignorieren, was die iranische Führung sagt und was ihre fundamentalen Überzeugungen sind. Nicht nur Benjamin Netanyahu, sondern die gesamte israelische politische Führung ist zu dem Schluss gekommen, dass die europäischen Länder, wenn sie vor der Wahl stünden, Krieg zu führen, um eine iranische Atombombe zu verhindern, oder mit einem nuklear bewaffneten Iran zu leben, sich für die zweite Option entscheiden würden. Weil sie nicht im selben Maße bedroht wären wie Israel.
Auf deren Bemühungen um eine Kontrolle der iranischen Urananreicherung war also kein Verlass?
Das Problem von Barack Obama, Joe Biden oder Angela Merkel war, dass sie glaubten, sie könnten die iranische Führung davon überzeugen, dass diese keine Atombombe brauche. Sie verfolgten eine Strategie des containment, der Eindämmung, wie gegenüber der Sowjetunion. Der Gedanke lautete: Die Sowjets sind rational, wir können sie eindämmen und irgendwann wird ihr System implodieren oder sich transformieren. Auch gegenüber dem Iran wollten die USA, Frankreich, Großbritannien und Deutschland auf Zeit spielen, im Glauben, dass man dort irgendwann des »Tod für Israel, Tod für Amerika« überdrüssig werden und eine neue Generation übernehmen würde.
»Dass die Ideologie der iranischen Führung oft nicht ernst genommen wird, hat auch damit zu tun, dass der Antisemitismus der Islamisten und der Linken nicht ernst genommen wird.«
Aber die iranischen Machthaber glauben diese Sachen ja wirklich. Sie glauben, dass Juden die USA und die EU lenken, dass der Holocaust nicht stattgefunden habe, dass Israel dazu da sei, den Islam zu zerstören, und dass sie es deshalb zerstören müssen. Wenn man das wirklich glaubt, dann ergibt es Sinn, Milliarden für den Bau von Zentrifugen in unterirdischen Anlagen auszugeben. In Israel hat man das verstanden, denn Israel hat nicht den Luxus, mit einer iranischen Atombombe koexistieren zu können.
Glauben Sie, dass ein Sturz des iranischen Regimes den weltweiten Antisemitismus schwächen würde?
Es war auffällig, dass gleich nach dem 7. Oktober 2023 der Antisemitismus weltweit zunahm, möglicherweise aus Enthusiasmus darüber, dass die »zionistische Entität« verwundbar war. Ihre Frage legt nahe, dass das Gegenteil passieren könnte, wenn dieser Krieg zeigt, wie schwach die iranische Regierung ist. Es ist allerdings auch denkbar, dass die Vorstellung, Israel habe einen schrecklichen, illegalen Krieg vom Zaun gebrochen, zu einem Anstieg des Antisemitismus führen wird. So werden es zumindest die Islamisten interpretieren.
Sie betonen den reaktionären Charakter des iranischen Regimes. Was meinen Sie damit?
Eines der Essays in »Die drei Gesichter des Antisemitismus« ist ein Auszug aus meinem 1984 veröffentlichten Buch »Reactionary Modernism« (Reaktionärer Modernismus). Das Buch beschäftigt sich mit der Ablehnung von politischer und kultureller Modernität bei gleichzeitiger Faszination für moderne Technologie in der Weimarer Republik und Nazi-Deutschland.
Geschrieben habe ich es in den Jahren nach der Islamischen Revolution im Iran 1978/79, in der ich eine ähnliche Form des »reaktionären Modernismus« erkannte. Ich entwickelte damals eine Skepsis gegenüber revolutionären und nationalistischen Bewegungen in der sogenannten Dritten Welt. Der Soziologe Ralf Dahrendorf nannte Deutschland einmal »die erste neue Nation«. Er meinte damit, dass Deutschland sich spät entwickelte und die schnelle Modernisierung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von einer kulturell fundamentalistischen Revolte gegen moderne Politik begleitet war. Dahrendorf zufolge gab es ähnliche Reaktionen auf eine schnelle Modernisierung später in vielen Ländern.
Der Iran war eines der wichtigsten. »Reaktionärer Modernismus« ist also ein Konzept, dass auch auf den Iran und den dortigen islamistischen Antisemitismus zutraf. Dass die Ideologie der iranischen Führung oft nicht ernst genommen wird, hat auch damit zu tun, dass der Antisemitismus der Islamisten und der Linken nicht ernst genommen wird.
Heutzutage solidarisieren sich linke Bewegungen mit dem Iran und der Hamas und bemühen dabei eine postkoloniale Rhetorik. Sehen Sie eine direkte Linie zwischen dem alten linken Antisemitismus und dieser neueren Form?
Es gibt neue Begriffe, eine neue postkoloniale Rhetorik. Aber wie der französisch-amerikanische Politikwissenschaftler Laurent Murawiec in seinem 2008 erschienenen Buch »The Mind of Jihad« gezeigt hat, gab es schon in den Anfangszeiten der Komintern in den zwanziger Jahren bei Lenin und anderen Überlegungen, eine Allianz mit islamischen Organisationen gegen den westlichen Imperialismus zu suchen. Ich denke, dass weniger Neues im »neuen Antisemitismus« steckt, als oft gedacht wird.
Juden mit Modernität, wie es auch Marx’ Essay über die Judenfrage tat, mit Kapitalismus, mit Imperialismus zu assoziieren, war ein wichtiger Bestandteil des kommunistischen Antiimperialismus im 20. Jahrhundert. Die Ausnahmen waren die Jahre der antifaschistischen Volksfrontpolitik 1933 bis 1939 und die Jahre 1941 bis 1949. Aber sonst wurden Juden immer mit dem Imperialismus in Verbindung gebrach, auch in Maos China, auch in der Neuen Linken in Westdeutschland oder den USA. Seit den Sechzigern handelt der Diskurs der radikalen Linken von den aggressiven und genozidalen Zionisten, worin ein Echo älterer Vorstellungen von der Übermacht und Bösartigkeit der Juden enthalten ist.
Was macht Islamismus für junge Linke heutzutage anziehend?
Islamismus selbst ist nicht attraktiv. Es ist vielmehr gelungen, die Hamas als eine Art linke Bewegung darzustellen, weil sie gegen Israel und die USA kämpft. Das Desinteresse dieser Campus-Bewegungen an der Hamas-Charta von 1988, einem zutiefst reaktionären Text, und an den religiösen Wurzeln der Hamas, während die Slogans von Widerstand und Antiimperialismus aufgegriffen werden, ist frappierend. Die Hamas ist ein Beispiel für eine Revolte gegen die Modernität wie in Deutschland im späten 19. und 20. Jahrhundert. Das heißt nicht, dass sie eine Kopie der Nazis wäre. Doch wie durch eine Art Sprachmagie werden tiefreaktionäre Bewegungen auf westlichen Campus als progressiv dargestellt.
»Die sozialistische Tradition ist sehr ambivalent, was Juden betrifft. Es gibt einige glorreiche Episoden, als Sozialisten gegen Rassismus und Antisemitismus kämpften. Aber die Assoziation der Juden mit Geld, Kapitalismus, der Bourgeoisie ist ein roter Faden.«
In einem älteren Aufsatz haben Sie argumentiert, dass die Linke es aufgegeben habe zu versuchen, die Gesellschaft zu verändern, und sich als Ersatz dem Antiimperialismus zugewendet habe. Ist dieser Zusammenhang in der heutigen postmodernen Linken noch offensichtlicher geworden?
Postmodernes Denken und Identitätspolitik entstanden nach dem Scheitern des Kommunismus und der Sowjetunion. Die Erwartungen einer kommunistischen Revolution waren enttäuscht worden. Aber es gibt derzeit auch ein Wiederaufleben eines gewissen Marxismus, der Israel als Repräsentanten des globalen kapitalistischen Feindes sieht. Die sozialistische Tradition ist, wie gesagt, sehr ambivalent, was Juden betrifft. Es gibt einige glorreiche Episoden, als Sozialisten gegen Rassismus und Antisemitismus kämpften. Aber die Assoziation der Juden mit Geld, Kapitalismus, der Bourgeoisie ist ein roter Faden.
Mein Freund Moishe Postone hat eine sehr interessante marxistische Interpretation der Entwicklung des Antisemitismus entwickelt. Aber das blieb eine Minderheitenposition im Marxismus. Ich habe mit ihm oft darüber diskutiert, denn ich war nicht überzeugt, dass Kapitalismus unweigerlich Antisemitismus hervorbringt. Viele argumentieren im Gegenteil, dass im Marxismus ältere christliche antisemitische Vorurteile in säkularisierter Form fortlebten, beispielsweise, Juden mit Geld in Verbindung zu bringen. Antikapitalismus ist ein explosives und gefährliches Phänomen. Sicher kann es Antikapitalismus geben, der nicht antisemitisch ist, aber wenn man Märkte, Handel, das Profitinteresse angreift, öffnet man dafür zumindest die Tür.
Warum sehen Linke heutzutage in islamistischen Bewegungen einen möglichen Verbündeten?
Ein Grund mag sein, dass sie die Religionskritik aufgegeben haben. Der moderne islamistische Antisemitismus hat viele Einflüsse gehabt, aber seine Wurzeln liegen in in einer bestimmten Interpretation des Korans und der Hadithen. Auch die Bibel kann man zwar auf nichtantisemitische Weise interpretieren, aber als Martin Luther und die katholische Kirche sie antisemitisch auslegten, stand das nicht im Widerspruch zu den religiösen Schriften. Und ebenso ist es beispielsweise mit dem Großmufti von Jerusalem, Mohammed al-Husseini, und seinem Text »Der Islam und die Juden« von 1937.
Ich teile die linke Skepsis gegen die Religion per se, in der Tradition der französischen Aufklärung. Dass es heutzutage eine Linke gibt, die den Islamismus als Teil der globalen Linken begreift, ist verblüffend. Mir fällt kein Beispiel seit der Französischen Revolution einer solchen Apologetik für tiefreaktionäre Kräfte wie die Hamas, die Hizbollah oder die Islamische Republik Iran ein.
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Jeffrey Herf ist Historiker und emeritierter Professor an der Universität Maryland. Er ist Autor zahlreicher Bücher über deutsche Geschichte, Antizionismus und Antisemitismus. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt »Die drei Gesichter des Antisemitismus – rechts, links und islamistisch« (»Jungle World« 12/2025).