»Proteste im Iran sind spontan und unorganisiert«
Der Schattenkrieg zwischen Iran und Israel ist zum offenen Konflikt eskaliert. Während die iranische Führung eher Schach spielt, bevorzugt die israelische Regierung Poker, hat es den Anschein. Hat Sie der israelische Präventivschlag am Freitag vorvergangener Woche überrascht?
Der Iran spielt nicht richtig Schach, da die Verantwortlichen über ihren nächsten Zug meistens nicht gründlich nachdenken. Sie hoffen eher, dass niemand ihre Fehler bemerkt. Aber auch Israel spielt nicht richtig Poker, da die Verantwortlichen sich oft Zeit lassen, um zu reagieren. Deshalb hat mich der Zeitpunkt des Angriffs überrascht, da am vorvergangenen Sonntag die sechste Verhandlungsperiode zwischen den USA und dem Iran hätte stattfinden sollen. Ich dachte eher, dass es danach passieren würde.
Wie nahe war der Iran vor dem israelischen Angriff dem Bau einer Atomwaffe?
Ich bin mir nicht sicher, wenn es um die einzelnen Faktoren geht, aber in letzter Zeit haben viele iranische Politiker erklärt, sie würden ihr Atomprogramm vorantreiben, und zwar nicht nur für zivile Zwecke.
Wie meinen Sie das?
Es waren keine technischen Angaben, aber es hatte etwas mit der im Iran herrschenden Mentalität zu tun. Wenn die Iraner etwas wollen, dann erreichen sie es. Sie reden viel über ihr Nuklearprogramm, was bedeutet, dass sie es damit ernst meinen. Genauso, wenn sie beispielsweise die Zerstörung Israels propagieren. Sie glauben wirklich daran.
»Das Mullah-Regime ist nicht mehr so organisiert wie früher, und die Iraner befinden sich im Überlebensmodus. Die Menschen suchen nach Treibstoff und Brot, das Regime hat seine Abschreckungskraft verloren.«
Beschränken sich die israelischen Angriffe auf die Zerstörung der iranischen Atomanlagen oder stellen sie auch eine Chance für einen Regimewechsel dar?
Die von Israel angegriffenen Orte und Personen stehen nicht nur im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm. Auch wenn Israel das Regime in Teheran nicht stürzen möchte, könnten seine Aktionen es quasi automatisch zu Fall bringen. Die Ausschaltung zahlreicher Generäle der Revolutionsgarden (IRGC) – die nicht nur am Verteidigungs- oder Raketenprogramm des Landes beteiligt sind, sondern auch die eigene Bevölkerung unterdrücken – ist ein großer Verlust für das iranische Regime. Denn die IRGC beherrschen das Land auch wirtschaftlich. Wenn dann auch noch viele Wissenschaftler getötet werden, dann wird das Mullah-Regime in seinen Grundfesten erschüttert.
Warum hat die sogenannte internationale Gemeinschaft – insbesondere der Westen – nicht mehr getan, um das iranische Regime aufzuhalten?
Der Westen will mit den Mullahs Geschäfte machen. Der niedrige Ölpreis ist ihm wichtiger als die Menschenrechte im Iran. Bei einigen ist es aber auch eine antiisraelische – vielleicht sogar antisemitische – Grundeinstellung.
Wie meinen Sie das?
Ich weiß nicht, ob das eine klassische Feindschaft gegen Juden ist. Doch in manchen Regierungen gibt es Politiker, die sich offen für einen Boykott Israels einsetzen.
Wie denken Menschen im Iran über diese Angriffe? Ist dies die Zeit für einen Aufstand?
Wir befinden uns in den ersten Tagen dieser Auseinandersetzung, aber wir sehen bereits kleine Protestzüge von einigen Hundert Demonstranten, die »Tod dem Ayatollah« oder ähnliche gegen das Regime gerichtete Slogans rufen. Sie freuen sich über die israelischen Angriffe, sind aber unorganisiert und haben keinen Anführer. Das ist ein großes Problem für sie. Wie 2009 während der »Grünen Revolution« geschehen die Proteste spontan. Das ist der große Unterschied zwischen der Revolution von 1979 und heute. Vielleicht werden wir in den nächsten Wochen, wenn das Regime schwächer wird, deutlich größere Demonstrationen erleben.
Doch viele Menschen verlassen inzwischen Teheran …
Das liegt nicht nur daran, dass sie ihr Leben retten wollen. Die meisten wollen nicht mit dem Regime kooperieren und in den Krieg ziehen. In den achtziger Jahren gab es Solidarität mit der Revolution – die zunächst eine soziale und gesellschaftliche war, bis die Islamisten sie sich später zu eigen machten –, und die meisten Menschen standen hinter ihr. Das sieht man heute nicht mehr. Die Iraner sind passiv geworden. Doch abwesend zu sein, ist auch eine Art von Protest. Wie bei der jüngsten Wahl von Masoud Pezeshkian zum Präsidenten, als in der ersten Runde über 60 Prozent der Bevölkerung nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten.
Inwieweit ist der Iran in der Lage zurückzuschlagen? Welches Arsenal können die Ayatollahs gegen Israel einsetzen?
Die Fähigkeiten des Iran beschränken sich hauptsächlich auf Raketen. Sie hatten ungefähr 1.800, die Israel erreichen können, und feuerten bereits ein paar Hundert auf den jüdischen Staat. Doch das ist kein Vergleich zu Israel, dessen Übermacht überall zu sehen ist. Seine Luftwaffe erreichte sogar die Stadt Mashhad, die mehr als 1.000 Kilometer östlich von Teheran liegt. Das ist schon erstaunlich.
Kann die israelische Luftabwehr den iranischen Raketen standhalten?
Die meisten Raketen werden neutralisiert, aber die Sicherheit ist natürlich nie hundertprozentig gewährleistet. Die Luftabwehr kann nicht alle abfangen.
Kann der Iran – möglicherweise durch seine Stellvertreter – im Ausland Rache an israelischen oder jüdischen Institutionen nehmen?
Meine Gegenfrage ist: Welche Stellvertreter meinen Sie? Die stehen ohne den Iran ziemlich schwach da. Im Iran geht das Gerücht um, dass das Mullah-Regime die libanesische Schiitenmiliz Hizbollah per Telefon um Hilfe bat, diese aber das Gespräch nicht annehmen wollte.
Sind Irans regionale Stellvertreter noch mächtig genug, um in den Krieg einzugreifen?
Im Ernst jetzt: Noch vor sechs Monaten wäre ein Angriff auf die iranischen Atomanlagen undenkbar gewesen. Doch mittlerweile sind die Hizbollah oder die palästinensische Terrororganisation Hamas ziemlich geschwächt oder abgeschreckt. Man sollte sie dennoch nicht unterschätzen, aber langjährige Verbündete wie zum Beispiel Syrien gibt es nicht mehr. Die dortige neue sunnitische Regierung ist dem schiitischen Iran nicht besonders freundlich gesinnt. Aus dem Jemen feuert die Houthi-Miliz mal eine Rakete in Richtung Israel, was aber keine besondere Gefahr darstellt.
Welche Länder in der Region könnten den Iran während des Kriegs unterstützen?
Viele arabische Staaten, wie zum Beispiel Saudi-Arabien, stehen dem Iran feindlich gegenüber. Allen voran wegen religiöser Spannungen, wie dem sunnitisch-schiitischen Konflikt seit den Anfängen des Islam. Auch versuchte der Iran, zahlreiche Länder im Nahen Osten von innen zu beeinflussen, wie dies im Libanon der Fall war.
Wie sehen die Türkei und die arabischen Staaten den israelisch-iranischen Krieg?
Da es in den Gesellschaften mehrerer arabischer und islamischer Länder eine antiisraelische Grundhaltung gibt, verurteilen ihre Regierungen die israelischen Angriffe auf den Iran. In ihren Herzen aber dürften sie sehr glücklich sein, und es würde mich nicht wundern, wenn einige von ihnen dem jüdischen Staat Blumen schicken würden.
Mittlerweile haben sich auch die USA mit Angriffen auf drei iranische Atomanlagen aktiv an diesem Krieg beteiligt …
Das Wort »aktiv« war von Beginn an zutreffend. Die USA liefern seit Trumps erneuter Wahl verstärkt Geheimdienstinformationen und Munition an Israel und halfen nun, die Atomanlagen zu beschädigen.
Der Iran droht mit Rache und Angriffen auf US-Stützpunkte im Nahen Osten. Eskaliert jetzt die Situation?
Der Iran hält an seinen üblichen Tiraden fest – die wichtigste Propagandazeitung rief dazu auf, den Persischen Golf in Brand zu setzen, ausländische Schiffe anzugreifen und aus dem Atomvertrag auszusteigen. All das ist bekannt und nicht überraschend.
Könnte Ayatollah Ali Khamenei seine Macht verlieren?
Der Oberste Führer hat ein Problem, er befindet sich derzeit in einer ähnlichen Situation wie der ehemalige Generalsekretär der Hizbollah, Hassan Nasrallah – Überleben ist alles. Das Mullah-Regime ist nicht mehr so organisiert wie früher und die Iraner befinden sich im Überlebensmodus. Die Menschen suchen nach Treibstoff und Brot, das Regime hat seine Abschreckungskraft verloren. Es ist möglich, dass bereits Botschaften über Verhandlungen und einen Waffenstillstand mit großen Zugeständnissen im Nuklearbereich übermittelt werden.
Sollte das Regime der Ayatollahs an der Macht bleiben, wird es sein Atomprogramm wohl wiederaufnehmen?
Sollten die Ayatollahs weiter an der Macht bleiben, dann nur unter zahlreichen Zugeständnissen. Es wird schwer für sie werden, ihr Atomprogramm in der ursprünglichen Form wiederaufzunehmen. Zudem ist ihr Oberster Führer Khamenei mit 86 Jahren bereits sehr alt. Es könnte im Iran auch eine ähnliche Konstellation entstehen wie damals im Irak unter Saddam Hussein in den Jahren 1991 bis 2003. Er war ein schwacher Diktator, und für die internationale Gemeinschaft gab es keinen Grund, ihn zu stürzen.
Gibt es in naher Zukunft Aussichten auf Frieden zwischen Israel und dem Iran?
Früher oder später wird es dazu kommen. Dieser Krieg kann das Ende der Islamischen Republik bedeuten. Über 80 Prozent des iranischen Volks wünschen sich eine Veränderung, denn sie sind Gefangene des Mullah-Regimes.
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Beni Sabti ist Iran-Experte am Institut für nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. Er wurde 1972 im Iran geboren und wuchs größtenteils unter dem Regime der Ayatollahs auf. 1987 floh er nach Israel und diente dort in der Armee (IDF), vorwiegend als Forscher. Derzeit tritt er häufig als Iran-Experte im Fernsehen auf. Er hat einen Masterabschluss in Politikwissenschaft und Öffentlicher Kommunikation.