Kein Lauch sein
Sport boomt. Dem Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) zufolge waren zum Zeitpunkt der jüngsten Erhebung im Januar 2024 mehr als 28 Millionen Menschen in Deutschland Mitglieder in Sportvereinen – so viele wie noch nie zuvor. Der weitaus meiste Sport findet jedoch nicht in Vereinen, sondern entweder selbstorganisiert privat oder unter dem Dach kommerzieller Anbieter statt. Nach Angaben des Bundesinstituts für Sportwissenschaft sind zwei Drittel derjenigen, die mindestens einmal pro Woche Sport treiben, nicht Mitglied eines Sportvereins.
Auch Jugendliche treiben nicht nur in Vereinen Sport. Viele von ihnen besuchen regelmäßig Fitnessstudios. Eine Studie von des Allensbach-Instituts ergab, dass 2023 1,58 Millionen Nutzer:innen von Fitnessstudios zwischen 14 und 19 Jahre alt waren. Das entspricht fast einem Drittel der Bevölkerung in dieser Altersgruppe. Der Deutsche Sportstudio-Verband (DSSV), also der Arbeitgeberverband für Fitness- und Gesundheitsanlagen, gibt den Anteil der unter 20jährigen an den Mitgliedern von Fitnessstudios mit 9,3 Prozent an.
Der Deutsche Olympische Sportbund bezeichnete Anabolika vor einigen Jahren als »Einstiegsdroge bei Jugendlichen«.
Überhaupt wächst die Branche. 2024 lag sie mit 11,71 Millionen Mitgliedern erstmals über dem Niveau von vor der Covid-19-Pandemie. Seit dem Tiefststand 2021 sind fast 2,5 Millionen Mitglieder hinzugekommen – und dabei sind die 1,2 Millionen Personen, die die Studios über Apps wie Urban Sports Club oder über Firmenfitnessverträge mit dem Arbeitgeber nutzen, noch nicht einmal mitgerechnet. Profitieren können von dieser Entwicklung in erster Linie die großen Fitnessketten, während Einzelstudios in Summe noch immer 730.000 Mitglieder weniger haben als 2019.
Dass auch die Zahl der jugendlichen Fitnessstudiogänger steigt, ist naheliegend. Vor allem unter männlichen Jugendlichen hat sich der Besuch von Fitnessstudios zu einem Trend entwickelt. »Fitnessstudio ist deutsche Jugendkultur«, schrieb das Zeit-Magazin kürzlich und porträtierte elf männliche Jugendliche zwischen zwölf und 18, die regelmäßig »pumpen« gehen.
Die meisten von ihnen gehen drei- bis fünfmal die Woche ins Fitnessstudio. Sie liegen damit deutlich über dem Durchschnitt aller Altersgruppen, den der DSSV mit einem Besuch pro Woche angibt. Für viele dieser eifrigen Studiogänger ist es die zentrale Form der Freizeitbeschäftigung, wenn nicht sogar ein wesentlicher Lebensinhalt.
John Krasinski, Patrick Dempsey und Chris Evans
Die Themen Fitness und Wellness liegen seit langem im Trend. Das prägt sich jedoch je nach Geschlecht sehr unterschiedlich aus. Während einer norwegischen Studie zufolge Fitness geschlechterübergreifend bei der Nutzung von Fitnessstudios die wichtigste Motivation darstellt, steht bei Mädchen und Frauen die Freude an der Sache deutlich häufiger im Vordergrund als bei Jungen und Männern. Hingegen geben Männer häufiger als Frauen an, ins Fitnessstudio zu gehen, um etwas für ihr Aussehen zu tun. Auch das gilt für die unter 20 jährigen in höherem Maß als bei jeder anderen Altersgruppe.
Während sich bei Frauen das gesellschaftlich vermittelte Schönheitsideal an jungen Körpern orientiert, sind es bei Männern deutlich ältere Körper, die zum Ideal erklärt werden. Diesem kann ein Heranwachsender genauso wenig entsprechen, wie eine Frau über 40 wie eine 16jährige aussehen kann.
John Krasinski, Patrick Dempsey und Chris Evans, die das People Magazine in den vergangenen drei Jahren zu den sexiest men alive kürte, waren alle über 40. Dempsey wird im kommenden Jahr sogar 60. Ganz anders bei Frauen: Zwar ist mit Elizabeth Hurley die aktuelle Nummer eins der »Hot 100« des Männermagazins Maxim im selben Alter wie Dempsey, damit ist sie aber eine klare Ausnahme. Seit Einführung der Liste im Jahr 2000 waren nur zwei weitere Spitzenreiterinnen älter als 30. Dagegen waren 14 Frauen – also mehr als die Hälfte – maximal 25 Jahre alt.
Korrekt und unter Anleitung trainieren
Es steht außer Frage, dass dieser medial und durch die Wellness- und Schönheitsindustrie vermittelte Jugendwahn Frauen unter enormen Druck setzt. Umgekehrt jedoch sehen sich auch männliche Jugendliche mit Idealbildern konfrontiert, die für sie unerreichbar bleiben müssen.
Ihre volle Körpergröße erreichen Männer erst zwischen 18 und 21, hormonell gesehen sind sie oft erst mit 25 Jahren erwachsen. Die Forschung ist sich einig, dass sich Sport und auch Kraftsport vor Erreichen dieses Alters positiv auswirken können. Wenn der menschliche Körper altert, verliert er Muskelmasse. Wer hier früh vorbaut, profitiert im Alter. Es ist jedoch wichtig, dass korrekt und unter Anleitung trainiert wird. Falsch ausgeführte Übungen können unter Umständen zu bleibenden Schäden führen.
Einer der etablierten Fürsprecher des Trainierens im Jugendalter ist Stephan Geisler. Der selbsternannte »Fitnessprofessor« ist Dozent an der privaten IST-Hochschule für Management in Düsseldorf und wird in auf Fitnesstraining spezialisierten Medien häufig zitiert. Als Absolvent der Deutschen Sporthochschule Köln im Bereich Rehabilitation und Prävention darf er als Experte gelten, dessen Wort durchaus Gewicht haben sollte. Sein Youtube-Kanal hat jedoch nur 50.000 Abonnent:innen. Auf Instagram hat er 11.500 Follower:innen, auf Tiktok ist er überhaupt nicht präsent.
Einnahme von Anabolika
Zum Vergleich: Dem Fitness-Influencer Arda Saatçi folgen auf Youtube 711.000, auf Instagram 985.000 und auf Tiktok 615.000 Menschen.Und hier liegt das Problem. Stephan Geisler ist Sportwissenschaftler. Arda Saatçi hat BWL studiert. Er ist sehr gut darin, sich selbst zu vermarkten und seine tatsächlich beeindruckenden sportlichen Leistungen zu Geld zu machen. Damit imponiert er männlichen Jugendlichen, zu deren Bild von Männlichkeit neben den rein körperlichen Aspekten auch Erfolg, Reichtum und Ansehen gehören – ein Wissenschaftler in Jackett und T-Shirt entspricht diesem Bild weit weniger. Saatçi posiert auf Instagram mit Dwayne »The Rock« Johnson, Geisler mit dem Vorsitzenden des Sportausschusses des Bundestags.
Einige Jugendliche versuchen, die unrealistischen Erwartungen an ihren Körper durch die Einnahme von Anabolika zu erfüllen. Allgemeine Datenerhebungen gibt es dazu nicht, punktuelle Untersuchungen in Spanien, Frankreich oder Deutschland kommen jedoch weitgehend übereinstimmend zu dem Schluss, dass etwa drei Prozent der männlichen Jugendlichen Anabolika nehmen. Der DOSB bezeichnete Anabolika vor einigen Jahren sogar als »Einstiegsdroge bei Jugendlichen«.
Doch auch wenn Jugendliche nicht zu gesundheitsgefährdenden Substanzen greifen, sondern ganz im Gegenteil auf eine gesunde Ernährung achten, ist der Fitness-Lifestyle nicht risikofrei. Wer allein trainiert, riskiert soziale Isolation. Wer zu häufig trainiert, riskiert Verletzungen. Wer an unrealistischen Zielen scheitert, riskiert seine psychische Gesundheit. Einer Studie in Nordamerika zufolge, die mit der »Drive for Muscularity Scale« (einem Maßstab für Muskulositätsstreben) arbeitet, leiden 2,8 Prozent der männlichen Jugendlichen an Muskeldysphorie, einer Sonderform der körperdysmorphen Störung; von ihr Betroffene sind überzeugt sind, nicht muskulös oder fit genug zu sein.
Wer allein trainiert, riskiert soziale Isolation. Wer zu häufig trainiert, riskiert Verletzungen. Wer an unrealistischen Zielen scheitert, riskiert seine psychische Gesundheit.
Die Psychologin Marion Sonnenmoser warnte bereits 2010 im Deutschen Ärzteblatt, dass der Druck, gut auszusehen, auch für Männer stetig steige. »Die Erkrankung befällt zudem nicht nur erwachsene Männer, sondern auch immer mehr Jugendliche.« 15 Jahre später scheint es ganz so, als würden sich ihre Befürchtungen bestätigen.
Sicher, die meisten, die im Fitnessstudio trainieren, leiden nicht unter einer körperdysmorphen Störung. Die sozialmedial vermittelten Körperbilder und die Verfügbarkeit von Fitnessstudios, Proteinriegeln und bei Bedarf auch Härterem ergeben aber ein Umfeld, in dem es recht einfach ist, eine solche Störung zu entwickeln. »Ich will einfach nicht mehr lauchig aussehen«, sagt Tim aus Bergisch Gladbach in der zuvor zitierten Reportage des Zeit-Magazins. Tim ist zwölf.