10.07.2025
Eine Studie untersucht den Umgang der DDR mit der Shoah

Umkämpftes Erinnern

Der Historiker Alexander Walther untersucht den Umgang der DDR mit dem Holocaust.

»Die Berichte in Ihrer Zeitung von den jetzt befreiten KZ-Insassen haben mich erschüttert«, schrieb eine Leserin im Juni 1945 an die Berliner Zeitung. Und fuhr fort: »Dennoch muß ich Ihnen schreiben, daß es vielleicht richtiger wäre, nicht länger solche Schilderungen zu veröffentlichen. Ich glaube, man sollte unter alles, was gewesen ist, einen endgül­tigen Strich machen. Wir müssen ja alle von vorn anfangen.«

Nur wenige Wochen nachdem Soldaten der Roten Armee das KZ Auschwitz befreit hatten, wurden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) Forderungen laut, einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit zu ziehen. So sahen das allerdings keineswegs alle. Die Mehrheit der Leser sowie die Redaktion der Zeitung lehnten eine solche Haltung ab, wie der Historiker Alexander Walther in seiner Studie »Die Shoah und der DDR. Akteure und Aushandlungen im Antifaschismus« zeigen kann. Dennoch waren die Bedingungen für die Aufarbeitung der Vergangenheit im sozialistischen Teil Deutschlands nicht unbedingt besser als in der Bundesrepublik; aber sie waren anders.

Für die DDR-Offiziellen stand der Widerstand im Vorder­grund, nicht nur bei der Anerkennung als Opfer. Deshalb wurden die Berichte der Überlebenden kaum beachtet.

Die Studie des Historikers, der an dem Forschungsprojekt »Tacheles 2026. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen« am Archäologiemusuem Chemnitz beteiligt ist, gliedert sich in drei Teile: Der erste betont »die frühe Pluralität des Sprechens« über die Vergangenheit, vor allem jüdische Überlebende erscheinen als tragende Akteure einer Aufarbeitung der Vernichtung.

Der zweite Teil geht detailliert auf das Engagement des Schriftstellers Arnold Zweig, der Sängerin Lin Jaldati und des Historikers Helmut Eschwege sowie auf die Rolle wichtiger DDR-Verlage ein. Dabei ist zu beobachten, welche Bedeutung die Bemühungen von Überlebenden, jüdischen Gemeinden und nichtjüdischen Akteuren spielten.

Im abschließenden dritten Kapitel werden die Debatten in den achtziger Jahren untersucht, insbesondere auch die Kontroverse, die die geschichtskulturelle Kampagne der SED zum 50. Jahrestag der Novemberpo­grome auslöste. Auch Reflexionen über die Wirkung antifaschistischer Erziehung vor dem Hintergrund rechter Tendenzen unter den Jugendlichen sind Thema. Untersucht wird die Rolle der Kinder früherer NS-Verfolgter, die den Nationalsozialismus nicht mehr erlebt hatten, aber durch das Schweigen, die Erinnerungen und Traumata der Eltern belastet waren.

Faschismusbegriff durch Dimitroff-These geprägt

In der DDR, so die Ausgangsthese des Buchs, fand die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den deutschen Verbrechen unter den Maßgaben des staatlich forcierten Antifaschismus statt. Deshalb mussten jüdische Überlebende einen Weg finden, die Gesellschaft mit den deutschen Verbrechen zu konfrontieren, ohne die antifaschistische Legitimation der DDR zu untergraben.

Ein Problem der Studie offenbart sich im Untertitel, der die Deutsche Demokratische Republik mit dem »Antifaschismus« gleichsetzt. Seinem Selbstverständnis nach war der Staat antifaschistisch, auch besetzte die DDR nicht derart viele Ämter mit vormaligen Nazis wie die BRD. Der Faschismusbegriff war allerdings durch die Dimitroff-These geprägt, die den Faschismus als radikalisierten Finanzkapitalismus ansieht.

Schuld sind demzufolge die Kapitalisten, die Arbeiterklasse ist der Verantwortung enthoben. Der ideologische Anteil des Antisemitismus, durch den dieser im Nationalsozialismus als Kitt fungieren konnte, wurde ignoriert. Das »einfache Volk« war damit entlastet. Auf diese Zusammenhänge geht Walther nicht näher ein, wenn er vom Antifaschismus der DDR spricht.

Die Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 wurde in der DDR vor allem als eine des Widerstands erzählt. Der Staat vereinnahmte die kommunistische und sozialdemokratische Opposition. Andere Perspektiven einzubringen, war schwer, aber nicht unmöglich, wie Walther zeigt. Ein Gesamtbild ergibt seine Studie allerdings nicht.

Um Differenzierung bemüht

Die Stilisierung als besserer, weil antifaschistischer Staat weist der Autor ebenso zurück wie die pauschale Delegitimierung der DDR. Um Differenzierung bemüht, bleibt er bisweilen in seinen Schlussfolgerungen kleinteilig und vage. Er wendet sich gegen die Behauptung, dass in der DDR das Gedenken unterbunden oder vernachlässigt worden sei, kann sie aber nicht wirklich wider­legen.

In der frühen Nachkriegszeit bemühten sich vor allem Überlebende um ein Gedenken. Die 1947 gegründete Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) war auch in der SBZ aktiv, besorgte erste Forschungsarbeiten und initiierte Denkmäler. Gerade der Umgang mit den Tatorten war ihnen wichtig, für die Offiziellen war dies allerdings auch heikel. Denn die mitunter prominente Lage widersprach der These von der Unschuld der einfachen Bevölkerung.

Für die Zeit bis 1953 weist Walther 15 Denkmäler für explizit jüdische Opfer aus. Diese Widmung stellte keine Selbstverständlichkeit dar. Oft war allgemein von »Opfern des Faschismus« die Rede. In der Geschichtsschreibung, so Walther, wurden Deutsche als »Nationalsozialisten« oder »Faschisten« bezeichnet.

Die niederländische Sängerin und Überlebende Lin Jaldati, eine Mitgefangene von Anne Frank in Auschwitz und Bergen-Belsen, ließ sich vom Antizionismus der DDR nicht vereinnahmen.

Denkmäler erinnerten mahnend an den »Rassenwahn«, wenn der eliminatorische Antisemitismus gewütet hatte. In Eisenach wurden »Bubenhände« für das Novemberpogrom verantwortlich gemacht. Freilich wollte man auch in der BRD lange von der Täterschaft der »ganz normalen Deutschen« nichts wissen.
Für die DDR-Offiziellen stand der Widerstand im Vordergrund, nicht nur bei der Anerkennung als Opfer. Deshalb wurden die Berichte der Überlebenden kaum beachtet. Diejenigen Erfahrungen mussten wiedergegeben werden, aus denen sich die aus Sicht der DDR richtigen Lehren ziehen ließen. Dazu waren zum Beispiel Schilderungen aus dem Warschauer Ghetto geeignet, immerhin ließen sie sich mit dem dortigen Aufstand verknüpfen. Nachdem die VVN 1953 aufgelöst worden war, gingen ihre Aufgaben auf andere Institutionen mit Parteilinie über. Die anfangs noch plurale Debatte wurde verengt.

Walther konzentriert sich nach dem ausführlichen ersten Kapitel, das die Bedingungen und Möglichkeiten des Shoah-Gedenkens behandelt, vor allem auf den publizistischen Bereich. Er zeigt beispielhaft, wie einige Verleger, Lektoren und Autoren die Perspektive der entrechteten und ermordeten Jüdinnen und Juden einbrachten, benennt aber die Grenzen, die der offizielle Erinnerungsrahmen setzte. Primo Levis Auschwitz-Roman »Ist das ein Mensch?« beispielsweise wurde in der DDR nie veröffentlicht, obwohl sich einige Lektoren darum bemühten. Erst in den achtziger Jahren erfuhr das Gedenken eine Öffnung, als eine jüngere Generation mit neuen Fragen an die Vergangenheit aufwartete.

Die Deutungshoheit hatte stets der Staat, es ging ums Einhegen der Erinnerung und Verdrängen allgemeiner deutscher Verantwortung. Die DDR stellte sich als historisch notwendige Konsequenz aus dem »Dritten Reich« dar und verwies auf die Schuldigen in der BRD, etwa im Rahmen des Prozesses, den das Oberste Gericht der DDR gegen den damaligen Chef des Bundeskanzleramts, Hans Globke, 1963 wegen seiner Mitwirkung an den Nürnberger Gesetzen führte.

Die Arbeit des jüdischen Historikers Helmut Eschwege

Arnold Zweig, der als Jude und Sozialist vor den Nazis ins britische Mandatsgebiet in Palästina geflohen und in die DDR zurückgekehrt war, wurde zur literarischen Leitfigur. Weniger bekannt ist die Arbeit des jüdischen Historikers Helmut Eschwege, der sich früh dem Sammeln von Dokumenten widmete. Die Anerkennung seiner Arbeit blieb ihm verwehrt, nicht zuletzt weil er die die antiisraelische Außenpolitik der DDR kritisierte hatte.

Auch die niederländische Sängerin und Überlebende Lin Jaldati, eine Mitgefangene von Anne Frank in Auschwitz und Bergen-Belsen, ließ sich vom Antizionismus der DDR nicht vereinnahmen. 1952 kam sie zusammen mit ihrem deutschen Ehemann in die DDR und sorgte mit jiddischen Liedern dafür, dass jüdische Kultur im realsozialistischen Deutschland nicht völlig in Vergessenheit geriet.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 konnte Jaldati mit ihrer proisraelischen Haltung in der DDR nicht mehr auftreten. Anhand dieser zum Teil wenig bekannten Biographien zeigt Walther die Bandbreite der Beschäftigung mit dem Judenmord auf. Wie die Bevölkerung der DDR über die Vergangenheit und den Umgang damit dachte, ist aufgrund mangelnder Quellen oft schwer darstellbar. Leserbriefe wie der eingangs zitierte sind daher eine wertvolle Ausnahme.


Buchcover

Alexander Walther: Die Shoah und die DDR. Akteure und Aushandlungen im ­Antifaschismus. Wallstein-Verlag, Göttingen 2025, 566 Seiten, 44 Euro