Alptraumviecher aus der Dunkelheit
Die Tiefsee, unheimliche Weiten: Haarige Würmer namens Osedax (»Knochenfresser«) bewohnen und verspeisen Walskelette, Tintenfische mit dem sprechenden Namen Vampyroteuthis infernalis imitieren Draculas Arbeitskleidung mit Häuten, die sie wie einen Mantel zwischen den Armen aufspannen, und kürzlich ergaben genetische Verwandtschaftsanalysen der Amphipodenart Alicella gigantea, dass diese, geisterhaft bleichen Verwandten der niedlichen Strandflöhe, die die Größe einer Katze erreichen können, den Meeresgrund offenbar deutlich zahlreicher bevölkern als bisher angenommen.
Und dann sind da noch die sogenannten Asselspinnen (Pycnogonida), die direkt aus den Alpträumen von Arachnophobiker:innen stammen könnten, auch wenn sie nicht näher mit den echten Spinnen verwandt sind. Dafür haben sie neben ihren acht bis zwölf langen Beinen zusätzliche Gruselfaktoren zu bieten: zum Beispiel einen langen, rüsselartigen Fortsatz, mit dem sie Schnecken und Polypen bei lebendigem Leib aussaugen.
Beinspannweite von 90 Zentimetern
Verdaut wird die Beute nicht im eigentlichen Körper, denn der ist so reduziert, dass sich der Darm wie auch die Fortpflanzungsorgane überwiegend in den Beinen befinden. Ach ja, und die größten Arten erreichen eine Beinspannweite von 90 Zentimetern.
Glücklicherweise leben diese monströsen Exemplare am antarktischen Meeresgrund, so dass sie einem wohl kaum zufällig über den Weg laufen werden. Und drei in der Tiefsee vor der Küste Kaliforniens und Alaskas beheimatete Spezies treiben es zumindest in Sachen Ernährungsgewohnheiten weniger schauerlich: Sie leben an Methanquellen und nutzen diese organische Verbindung – auf Umwegen – zur alternativen Energieversorgung, wie eine Forschungsgruppe kürzlich herausfand.
Asselspinnen dienten dem Autor Walter Moers in seinem Roman »Die Stadt der träumenden Bücher« ganz offensichtlich als Vorbild für die Spinxxxxe genannte Horrorkreaturen aus den Katakomben von Buchhaim.
Bekanntlich basiert der allergrößte Teil des irdischen Lebens auf Sonnenenergie, mit der Photosynthese von Pflanzen und Algen als Basis der Nahrungskette. Licht ist jedoch Mangelware in den Tiefen, in denen die drei jüngst entdeckten Arten leben.
Also müssen sie sich anders versorgen: Sie sind dicht mit Bakterien bewachsen, die sich von Methan und Methanol ernähren und ihrerseits den Asselspinnen als Futter dienen. So sind die Tiere zwar nicht auf den Eintrag von Nahrung aus höheren Regionen angewiesen, dafür jedoch ihr Leben lang an die Methanquellen gebunden – womit auch ausgeschlossen ist, dass sie sich in flachere Gewässer verirren und Taucher:innen erschrecken.
Und falls sich Steven Spielberg 50 Jahre nach dem Weißen Hai auf seine alten Tage noch mal mit maritimen Urängsten befassen möchte, hätte er sogar schon eine literarische Vorlage: Asselspinnen dienten dem Autor Walter Moers in seinem Roman »Die Stadt der träumenden Bücher« ganz offensichtlich als Vorbild für die Spinxxxxe genannte Horrorkreaturen aus den Katakomben von Buchhaim.