10.07.2025
Der Vater von Maja T. hat vor dem Auswärtigen Amt protestiert

Im Haftkrankenhaus kann Maja die Sterne sehen

Wolfram Jarosch ist von Jena nach Berlin gelaufen, um gegen die Haftbedingungen seines Kindes, Maja T., in Ungarn zu protestieren und dessen Rückführung nach Deutschland zu fordern. Die »Jungle World« war beim Protest vor dem Auswärtigen Amt dabei.

Es waren zu Beginn knapp 30 Menschen, die sich am Sonntagmorgen in Berlin-Zehlendorf versammelten, um zum Auswärtigen Amt in Berlin-Mitte zu laufen. Im Laufe des Tages wurden es deutlich mehr. Es war die letzte Etappe der zehntägigen Wanderung von Wolfgang Jarosch, des Vaters von Maja T., unter dem Motto »Zu Fuß für Gerechtigkeit«. 300 Kilometer ist er von Jena nach Berlin gelaufen, um eine Petition mit 103.000 Unterschriften zur Rückholung seines Kindes an Außenminister Johann Wadephul (CDU) zu übergeben.

Die nichtbinärgeschlechtliche Person Maja T. ist im sogenannten Budapest-Komplex angeklagt. T. wird vorgeworfen, am »Tag der Ehre« im Februar 2023 in Budapest Rechtsextremisten angegriffen und schwer verletzt zu haben. Vor einem Jahr wurde T. rechtswidrig nach Ungarn ausgeliefert. Seit Februar 2025 läuft in Budapest der Prozess.

»Es wurde einfach das Recht ausgehebelt, Maja wurde keine Chance gelassen, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, und das wurde offensichtlich bewusst so gemacht.« Wolfgang Jarosch, Vater von Maja T. über die nächtliche Abschiebung

In einem Redebeitrag schilderte Jarosch die Umstände von T.s nächtlicher Abschiebung. In einer paramilitärisch anmutenden Aktion, mit einem Hubschrauber und schwerbewaffneten Polizisten, in Hand- und Fußfesseln und mit einem Sack über dem Kopf sei sein Kind abtransportiert worden. Er und T.s 80jährige Großeltern hätten am nächsten Morgen vor der JVA Dresden gewartet. Sie seien am Vorabend vom T.s Anwalt über eine mögliche Auslieferung informiert worden. Dass sie tatsächlich stattgefunden habe, hätten sie erst dort erfahren.

»Es wurde also einfach das Recht ausgehebelt, Maja wurde keine Chance gelassen, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, und das wurde offensichtlich bewusst so gemacht«, resümierte der Vater. Das sah auch das Bundesverfassungsgericht so und erklärte die Auslieferung für rechtswidrig, Maja T.s Grundrechte seien verletzt worden. Noch in der Nacht war das Gericht zusammengekommen, um den Fall zu begutachten. Den Beschluss waren die zuständigen Behörden aber um wenige Stunden mit vollendeten Tatsachen zuvorgekommen.

Isolationshaft von Maja T. und unwürdige Zustände im ungarischen Gefängnis

Der Jungle World sagte Jarosch, dass er die Wanderung »auch aus der Verzweiflung heraus unternommen hat, um etwas zu tun«. Immer wieder verweist er auf die Isolationshaft von Maja T. und die unwürdigen Zustände in ungarischer Haft. Wegen dieser Haftbedingungen und als schwieriges, letztes Mittel des Protests befinde sich Maja T. seit dem 5. Juni, also schon über einem Monat lang, im Hungerstreik.

Vergangene Woche wurde Maja T. in ein Haftkrankenhaus 200 Kilometer entfernt von Budapest, in Richtung der rumänischen Grenze, verlegt. Das Unterstützernetzwerk gibt an, T. habe in den vergangenen Wochen 13 Kilo abgenommen, diverse Blutwerte seien nicht gut und Leber beziehungsweise Niere würden in Mitleidenschaft gezogen. Aus ähnlichen Streiks ist bekannt, dass bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr die Lebensgefahr meist nach 40 bis 60 Tagen beginnt und dass dauerhafte Schäden schon früher auftreten können.

Zwangsernährung wegen Hungerstreik angedroht

Das Haftkrankenhaus und die behandelnden Ärzte teilten dem Vater mit, sie würden zwangsernähren, wenn sich T.s Zustand weiter verschlechtere – explizit gegen den auch in einer Patientenverfügung niedergelegten Willen T.s. Der Weltärztebund – ein Berufsverband, dem auch die ungarische und die deutsche Ärztekammer angehören – untersagt Zwangsernährung bei Hungerstreikenden explizit, da sie das Selbstbestimmungsrecht verletze.

Am Montagmorgen zog Jarosch dann mit einigen Dutzend Unterstützern die letzten Kilometer von der ungarischen Botschaft in der Nähe des Brandenburger Tors zum Auswärtigen Amt, in der Hoffnung, dass sich Deutschland für die Rückholung von Maja T. einsetzen möge. Der Außenminister nahm die Petition nicht entgegen, stattdessen konnte Jarosch sie im Gebäude nur an jemanden von der Rechtsabteilung übergeben.

Zuvor hatte der Vater den Demonstranten und Journalisten noch von »der einen schönen Sache« erzählt, die ihm Maja T. kurz zuvor am Telefon mitgeteilt hat: »Maja kann im Haftkrankenhaus aus dem Fenster schauen. Maja hat zum ersten Mal seit einem Jahr die Sterne gesehen.«