»Keine öffentlich wahrnehmbare Solidarisierung aus der Zivilgesellschaft«
Am 15. Oktober 2023 hat Pfarrer Ralf Sedlak in einem Gottesdienst den Angriff der Hamas auf Israel verurteilt. Seitdem sind er, seine Familie und die Gemeinde Anfeindungen ausgesetzt. Wie hat sich der Alltag seitdem verändert?
Zunächst ist wichtig klarzustellen: Pfarrer Ralf Sedlak hatte den Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober im Gottesdienst lediglich erwähnt. Zur Verlesung des Kanzelworts des Landesbischofs, das den Überfall verurteilt, kam es dadurch gar nicht. Das allein reichte nämlich aus, dass der Störer den Gottesdienst unterbrach und von »Fake News« sprach. Seither hat sich der Alltag der Kirchengemeinde Langenau sehr verändert. Durch die anhaltenden Störungen der Gottesdienstbesucher vor der Kirche, teils schlimmste antisemitische Schmierereien (»Juden vergasen« und »Boycott Israel«; Anm. d. Red) an kirchlichen Gebäuden bis hin zu Diffamierung und Bedrohung von Pfarrer Ralf Sedlak und seiner Familie. Einige Gemeindeglieder nehmen nicht mehr am Gottesdienst teil, weil sie sich diesem Spießrutenlauf nicht mehr aussetzen möchten.
Wie hat die Kirche reagiert?
Der Oberkirchenrat, der die landeskirchliche Verwaltung führt, begleitet und unterstützt Pfarrer Sedlak seit Beginn der Vorfälle. Darüber hinaus gingen nach der erneuten Eskalation viele Solidaritätsschreiben ein. Schon vorher gab es eine gemeinsame Erklärung inklusive Unterschriftenaktion von rund 100 Pfarrerinnen und Pfarrern, Kirchengemeinderäten, Gemeindegliedern sowie Dekaninnen, Dekanen, der Ulmer Prälatin und des Landesbischofs.
»Gespräche mit den Behörden hatten bislang keinen Erfolg erzielt, so dass sich die Störungen und Demonstrationen bis zur jüngsten Eskalation Sonntag fortsetzen konnten.«
Unterstützung aus der Politik blieb jedoch dürftig. Wurde es versäumt, frühzeitig, zu handeln?
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl fordert schon seit fast einem Jahr eine Allgemeinverfügung, um den Protest auf öffentlichem Grund vor der Kirche zu unterbinden. Gespräche mit den Behörden hatten bislang keinen Erfolg erzielt, so dass sich die Störungen und Demonstrationen bis zur jüngsten Eskalation Sonntag fortsetzen konnten. Nun hat die Stadt nach eigenen Angaben diese Allgemeinverfügung erlassen. Dass es keine öffentlich wahrnehmbare Solidarisierung aus der Langenauer Zivilgesellschaft gegeben hat, macht nachdenklich.
Landesbischof Gohl hat der im Juni verabschiedeten Erklärung des Ökumenischen Rats der Kirchen widersprochen, Israel sei ein Apartheidstaat. Wie sahen die Reaktionen darauf aus?
Den Landesbischof haben viele Rückmeldungen dazu erreicht. Die Irritation über die Erklärung des Ökumenischen Rats wurden darin sehr deutlich und die überwiegende Zahl der Rückmeldungen äußerte sich dankbar für die klare Haltung in dieser Sache. Die christlichen Kirchen sollten sich ihrer historischen Schuld am Antisemitismus bewusst sein und ihn nicht weiter befeuern. Was nicht bedeutet, dass die Zustände in Gaza, die Besetzung der Westbank und die Gewalt jüdischer Siedler nicht scharf kritisiert werden müssen.
Wie geht es nun bei Pfarrer Sedlak weiter?
Pfarrer Ralf Sedlak wünscht sich vor allem eine Rückkehr zu einer gewissen Normalität für die Kirchengemeinde und natürlich auch für die Familie. Und dass die Gemeindeglieder wieder ohne Bedrängnisse am Gottesdienst teilnehmen können. Zudem betont er immer wieder, dass die Gebete und Fürbitten in den Gottesdiensten allen Opfern von Gewalt im Nahost-Konflikt gelten.