17.07.2025
Kritik an der israelischen Regierung bedeutet nicht Entsolidarisierung

Moralischer Maximalismus

Der Kritik des Antisemitismus ist das Denken in Lagern nicht dienlich. Die Debatte zu stark zu verengen und zu vereindeutigen, ist eher ein Eingeständnis von Hilflosigkeit als von besonderer Konsequenz.

In Reaktion auf die grassierende Juden- und Israelfeindlichkeit nach dem 7. Oktober gründeten sich einige neue linke Gruppen, um in ihrem subkulturellen und politischen Milieu gegen Antisemitismus zu kämpfen. Doch was bedeutet es, »antisemitismuskritisch« zu sein? Janosch Tillmann bemängelte die Tendenz mancher dieser Gruppen, sich aus Angst vor Widersprüchen in eine Äquidistanz zu flüchten, die die Hamas und Israel auf eine Stufe stellt und die jeweiligen »Opfer des Konflikts« bedauert (»Jungle World« 26/2025).

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Antisemiten, welche »die Menschheit von den Juden und deren Staat erlösen« wollen, muss man »unbedingt aufhalten«, wie Janosch Tillmann schreibt; das sollte nicht nur für antisemitismuskritische, israelsolidarische Linke eine Selbstverständlichkeit sein.

Deutsche Politiker machen zudem aus »historischer Verantwortung« eine grund­legend unterstützende Haltung zu Israel als »Staatsräson« geltend. Doch wie in der Praxis mit dem seit dem 7. Oktober überbordenden israelfeindlichen und großteils antisemitischen Aktivismus auf der Straße, in Universitäten und Kultureinrichtungen umgegangen wird, ist gelinde gesagt widersprüchlich.

Erschwerend hinzu kommt die nicht zu leugnende Tatsache, dass die Aus­einandersetzung über israelbezogenen Antisemitismus und den israelisch-palästinensischen Konflikt nicht nur von links hochgradig ideologisch aufgeladen und polarisiert ist, sondern auch von rechts mit gegenstandsfremden Motiven aus dem Kulturkampf gegen Diversität, »Wokeness« und die angeb­liche Hegemonie eines linkskulturellen Establishment instrumentalisiert und überlagert wird.

Und schließlich macht die immer offener im Sinne der rechtsextremen Regierungsmitglieder in ­Israel um Finanzminister Bezalel Smotrich und den Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir agierende Kriegspolitik der israelischen Regierung mit ihren immer grauenhafteren Folgen für Gazas Zivilbevölkerung die Sache auch nicht einfacher. Zumal darüber der kriegsauslösende antisemitische Massenmord der Hamas und deren zynisch mit dem Leid der Zivilbevölkerung kalkulierende Kriegsstrategie aus dem Blick zu geraten droht.

Die Jerusalem Declaration on Antisemitism bietet offene Flanken für die Leugnung von israel­bezogenem Antisemitismus durch linke Antizionist:innen.

Diese unübersichtliche Situation scheint ein Verlangen nach Eindeutigkeit und klaren Zugehörigkeiten zu wecken. So steigt Janosch Tillmann in seiner Polemik gegen die angebliche Äquidistanz »einige(r) Gruppen, die das Wort ›antisemitismuskritisch‹ als Eigenbezeichnung nutzen«, gleich mit der apodiktischen Unterstellung ein, diesen ginge es etwa bei der Kritik an bestimmten Polizeieinsätzen darum, »Antisemiten nicht mit allen Mitteln an ihrem Tun (zu) hindern«, sondern sie »gewähren lassen«.

Es wird nicht etwa diskutiert, wann im Einzelnen Polizeieinsätze überzogen sind, was bekanntlich auch in den stabilsten Demokratien passiert, und wie sich daran Kritik äußern lässt, ohne Antisemitismus bei den betreffenden Demonstrationen und Aktionen kleinzureden, oder wo bei staatlichen Interventionen in Universitäten und Kulturinstitutionen die Grenze zur autoritären Übergriffigkeit sinnvoll zu ziehen wäre.

Vielmehr wird der Vorwurf der Äquidistanz vor allem mit einer Kritik ad hominem an dem an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg arbeitenden Wissenschaftler Tom Würdemann begründet. Diesen nämlich als Referenten oder Teilnehmer von Podiumsdiskussionen eingeladen zu haben, scheint die Hauptsünde der von Tillmann kritisierten Gruppen zu sein.

Er macht ihm etwa zum Vorwurf, in ­einem Interview mit dem Hamburger Magazin Zenith den israelisch-palästinensischen Konflikt auf »einen territorialen Konflikt, bei dem zwei Nationalbewegungen einander gegenüberstehen«, zu reduzieren und darüber den Antisemitismus als auslösendes Moment zu relativieren. Würdemann benennt Antisemitismus hingegen in seinen zahlreichen Veröffentlichungen sehr wohl als ein zentrales Motiv palästinensischer Gruppen.

Marker für die richtige oder falsche Seite

Es soll hier nicht darum gehen, ob manche Positionen Würdemanns kritikwürdig sind. Doch ist es einer kritische Auseinandersetzung kaum dienlich, Würdemann gegen das angeblich drohende »Davonstehlen« in Äquidistanz zu einer Art Schreckgespenst aufzubauen. Oder die Einladung Würdemanns zu einem Marker dafür zu machen, ob die einladende Gruppe auf der richtigen oder der falschen Seite steht.

Das wirkt unangenehm autoritär. Ein Vergleich zum Türkei- und Kurdistan-Aktivismus in den Neunzigern drängt sich auf, als die Hamburger Gruppe Demontage und andere nicht nur den schmutzigen Krieg des türkischen Staats in den kurdischen Gebieten und die deutsche Türkei-Politik kritisierten, sondern auch die PKK (Kurdische Arbeiterpartei) für ihren Führerkult um Abdullah Öcalan, den Märtyrerkult bis zur Propagierung von Suizid­attentaten und den geläufigen Antisemitismus.

Damals kam aus der Kurdistan-Solidarität ebenfalls der Vorwurf, man verabschiede sich in die Äquidistanz. Die unter anderem von der Gruppe Demontage propagierte »kritische Solidarität« wurde als »Entsolidarisierung« mit der kurdischen Bewegung gewertet. Strukturelle Ähnlichkeiten zu Tillmanns Argumentation sind frappierend. Nur kamen derlei Vorwürfe damals vornehmlich von Antiimperialisten, nun trägt man sie im Namen einer israel­solidarischen Antisemi­tis­mus­kritik vor, die sich als einzig konsequente geriert.

Damit soll keineswegs eine Art innerlinkes Hufeisen suggeriert werden, wonach sich irgendwelche antiimperialistischen und antideutschen Extreme einander annähern würden. Es geht vielmehr um identitätsstiftende und Gruppenzugehörigkeiten absteckende Ein- und Abgrenzungsrituale, die leider nicht nur in autoritären Grüppchen neo- und spätstalinistischer Provenienz ver­breitet sind. Ähnlich hat auch Würdemann selbst Tillmanns Artikel auf X lapidar mit »die Linke Tendenz zu innerer Spaltung zur Aufrechterhaltung der ideologischen Reinheit« kommentiert.

Auseinandersetzung über die Antisemitismusdefinitionen der IHRA und die JDA

Allerdings reicht das Problem auch über linke Zirkel hinaus. Davon zeugt die leidige und durchaus ähnlich gelagerte Auseinandersetzung über die Antisemitismusdefinitionen der IHRA und die JDA.

Beide Definitionen entstanden in ­einer bereits politisierten Situation. Auf Grundlage einer seit 2005 durch das European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) eingeführten Definition verabschiedete die Inter­national Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) ihre Arbeitsdefinition. Sie legte einen Schwerpunkt auf den spätestens seit der sogenannten Zweiten Intifada weltweit gestiegenen israelbezogenen Antisemitismus und fand vor allem als Arbeitsgrundlage für staatliche Stellen Verbreitung, womit sie auch Gegenstand der ­politischen Auseinandersetzungen um diese Form des Antisemitismus und seine angemessene Bekämpfung wurde.

Die Definition der ­Jerusalem Declaration on Antisemitism (JDA) hingegen präsentierte sich mit ihrer für eine wissenschaftliche Publikation eher ungewöhnlichen Veröffentlichung Anfang 2021 nach Art eines offenen Briefes von vornherein als Gegenposition zur IHRA. Mit dieser Intervention positionierte sich die JDA – ob von ihren zahlreichen Unter­zeich­ner:in­nen gewollt oder nicht – ein­seitig in der bereits von Polarisierung und Lagerdenken gekennzeichnete Kontroverse um israel­bezogenen Antisemitismus, die sich seit dem 7. Oktober nochmals erheblich verschärft hat.

Beide Definitionen nahmen im Zuge dieser Entwicklung immer mehr den Charakter von Identitätsmarkern an und scheinen mittlerweile in der öffentlichen Wahrnehmung zu bloßen Bekenntnischiffren verkommen – nach dem Motto: Sage mir, welche Defini­tion du benutzt, und ich sage dir, wie du zu Israel und zum Antisemitismus stehst.

Zugespitzte politische Kontroverse

Tatsächlich kranken beide Definitionen an teils vagen und verkürzten Formulierungen, die Möglichkeiten für Missbrauch lassen. Die JDA bietet offensichtlich offene Flanken für Instrumentalisierung im Sinn einer Relativierung bis hin zur Leugnung von israelbezogenem Antisemitismus durch linke Antizionist:innen.

Der IHRA-Definition wird hingegen eine gewisse Anfälligkeit für Instrumentalisierung zur Begründung autoritärer staatlicher Maßnahmen und politische Instrumentalisierungen von rechts attestiert. Bei nüchterner Betrachtung erscheinen diese Mängel und Differenzen aber nicht so gravierend, dass sie nicht in einem strittigen, aber sachbezogenen wissenschaftlichen Aushandlungsprozess mit dem Ziel einer verbesserten Arbeitsgrundlage hätten bearbeitet werden können.

Völlig aus dem Blick geriet in der aufgeheizten Debatte auch der Charakter sozialwissenschaftlicher Arbeits­definitionen als bloßes heuristisches Hilfsmittel von begrenzter Aussagekraft und vorläufigem Charakter, welches lediglich erste Anhaltspunkte für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit einer vertieften Fallanalyse bieten kann. Stattdessen gewannen die Hinweise und Beispiele beider Definitionen bei ihrer Übertragung in die zugespitzte politische Kontroverse immer mehr die Härte vermeintlich unhintergehbarer wissenschaftlicher Befunde – die solche Definitionen aber weder liefern können noch ihrem eigenen Selbstverständnis nach liefern wollen.

Schaut man sich an, mit welcher ­Vehemenz manche quasi bis an die Zähne bewaffnet mit der Definition ihrer Wahl auf alle gegenläufigen Auf­fassungen einschlagen, möchte man einen Rückfall in eine Art moralischen Maximalismus konstatieren. Unter solchen Umständen ist keine vernunftgeleitete kritische Debatte über den Stellenwert beider Definitionen und ihre sinnvolle Weiterentwicklung möglich.

Die verdinglichte Wahrnehmung der von den Definitionen bereitgestellten Kriterien ist zudem ihrem Gegenstand völlig unangemessen. Ist Antisemitismus bereits per se vielgestaltig, wandelbar und steckt voller Ambi­guitäten, so gilt das erst recht mit Bezug auf Israel und den Nahostkonflikt.

Bei vielen ruft offenbar bereits kognitive Dissonanzen hervor anzuerkennen, dass sowohl der eliminatorische Antisemitismus von Hamas und Iran zu kritisieren ist als auch die israelische Kriegsführung, ohne jedoch beides gleichzusetzen oder gar gegeneinander auszuspielen.

Ähnliches trifft auch auf die linken Auseinandersetzungen über israelbezogenen Antisemitismus zu. So ruft es bei vielen offenbar bereits kognitive Dissonanzen hervor anzuerkennen, dass sowohl der eliminatorische Antisemitismus von Hamas, iranischem Regime und Konsorten zu kritisieren ist als auch die israelische Kriegsführung, ohne jedoch beides gleichzusetzen oder gar gegeneinander auszuspielen.

Noch schwieriger scheint die Ambiguität auszuhalten zu sein, dass beim Palästina-Aktionismus auf den Straßen und an den Universitäten regelmäßig Antisemitismus zutage tritt, diese Tatsache aber zugleich von Rechten, allen voran der Regierung Trump in den USA, für reaktionäre und wissenschaftsfeindliche Kulturkampfkampagnen missbraucht wird. Diese ignorieren noch die haarsträubendsten Widersprüche ihrer Propaganda und ­haben eine regelrechte Meisterschaft in der sinistren Kunst entwickelt, gleichsam mit der Wahrheit zu lügen.

Wenn Linke, die für sich eine kon­sequent antisemitismuskritische Haltung beanspruchen, dieser ganzen schwer erträglichen Situation allerdings mit eifersüchtig auf Identitätswahrung bedachten Ausschließungen begegnen und auf jede etwas offenere Position nurmehr mit panischer Angst reagieren, dass »die eigenen Inhalte weiter entkernt« (Tillmann) ­werden könnten, offenbaren sie damit nur ihre eigene Ohnmacht angesichts der Verhältnisse.