Puzzeln wie die Profis
Vielen Menschen gilt das Puzzeln als angenehme Freizeitbeschäftigung an düsteren Winterabenden. Die Idee, die Laschen, Zungen und Furchen kleiner Teile aus Pappe unter Zeitdruck zusammenzufügen, ist allerdings neu. »Speedpuzzeln« nennt sich dieser Trend, der immer mehr Anhänger findet. Die Beliebtheit dieser Sportart zeigte sich zuletzt zwischen dem 4. und 6. Juli, als mehr als 700 Puzzler und Puzzlerinnen aus 29 Ländern an der ersten Europameisterschaft in Budapest teilnahmen.
»Puzzle-Meisterschaften und Turniere finden vielerorts statt, und seit 2019 werden jedes Jahr die Weltmeisterschaften im spanischen Valladolid ausgetragen«, sagt János Kubinka, der Organisator dieser Veranstaltung, der Jungle World. »Irgendwann kam mir der Gedanke, dass es an der Zeit wäre, eine Europameisterschaft auszuschreiben, denn die gab es bisher noch nicht«, fährt er fort. In jeder Sportart gebe es schließlich neben den Weltmeisterschaften auch Wettkämpfe, in denen sich die Besten eines Kontinents miteinander messen – nur beim Puzzeln sei das bisher nicht der Fall gewesen.
Kubinka, der Vorsitzende des Ungarischen Puzzlevereins, verwendet bewusst den Begriff »Sport«, da beim Speedpuzzeln Konzentration, Unerschütterlichkeit, strategisches Denken und Teamgeist erforderlich seien. Schließlich geht es auch beim Puzzeln darum, eine bestimmte Leistung innerhalb einer bestimmten Zeit zu erbringend – darin ähnelt sie der großen Denksportart Schach.
Die Puzzle-Europameisterin Kathi Reiner sortiert zuerst den Rand und die Elemente heraus, die sofort ins Auge stechen, und ordnet sie anschließend ein. Danach gehe sie »einfach mit dem Flow«.
Den weltweiten Puzzle-Hype hatte die Covid-19-Pandemie ausgelöst. Die Verkaufszahlen der großen Hersteller schossen damals raketenartig in die Höhe, und seitdem lässt das Interesse nicht nach. Irgendjemandem fiel es ein, die Teile im Kampf gegen die Zeit zusammenzufügen. So wurde innerhalb weniger Jahre aus einem Hobby ein Spiel mit international einheitlichen Regeln, wozu auch der Austausch über Social Media viel beigetragen hat. Die Fans organisieren sich inzwischen in Clubs und Vereinen und es werden in immer mehr Ländern Wettkämpfe ausgerichtet. Der erst im Jahr 2024 in Kassel gegründete Puzzleverein Deutschland e.V. verzeichnet bereits 266 Mitglieder – Tendenz steigend, berichtet das Vorstandsmitglied Erika Ritz der Jungle World.
Die Geschichte des Puzzelns begann vor rund 250 Jahren. Der Kupferstecher John Spilsbury klebte 1766 eine Landkarte des britischen Königreichs auf eine Holzplatte und zersägte diese entlang der Grenzlinien der einzelnen Grafschaften. Das »jigsaw puzzle«, wie es im Englischen heißt, war geboren – das Wort »jigsaw« (Laubsäge) geht auf diesen Ursprung zurück. Der Erfinder bot seine zersägte Karte Schulen als »Lehrmittel zur Erleichterung des Erdkundeunterrichts« an.
Langsam wurde aus dem schulischen Behelf ein Legespiel. Nicht mehr die Konturen des Bilds bestimmten die Form der Teile, sondern es wurde mehr oder weniger wahllos in kleine Elemente zergliedert, mit ineinandergreifenden Aus- und Einbuchtungen, die eine feste Verbindung ermöglichten.
Wie bei jeder Sportart gelten auch beim Wettkampfpuzzeln strenge Regeln, und es wird in verschiedenen Disziplinen gekämpft. Diese variieren je nach Veranstalter. In der Budapester EM umfassten sie drei verschiedene Formate: Einzel-, Paar- und Teamwettbewerbe.
Schachtel im Stoffbeutel
In der Ausscheidungsrunde des Einzelwettkampfs wurde jedem Teilnehmer in einem Stoffbeutel eine Schachtel mit einem bislang unveröffentlichten 500teiligen Puzzle aushändigt. Erst nach dem Startsignal durfte das Spiel aus dem Beutel genommen werden. Danach war nur noch das Klicken zu hören, das ertönt, wenn eifrig eine Stückchen nach dem anderen an seinen Platz gelegt wird. In beeindruckendem Tempo wurde das fertige Bild zusammengefügt. Dafür standen 90 Minuten zur Verfügung. Die 186 schnellsten Teilnehmer qualifizierten sich für das Finale. Auch in diesem musste ein 500-Teile-Puzzle gelöst werden, allerdings in maximal 75 Minuten.
Die amtierende deutsche Meisterin Kathi Reiner erzielte die besten Ergebnisse. Mit nur 38 Minuten und zwölf Sekunden wurde die Studentin aus Hof Einzel-Europameisterin und stand danach auch im Doppel, zusammen mit ihrer italienischen Partnerin Chiara Dellantonio, sowie im Teamwettbewerb mit einem gut eingespielten internationalen Team aus Italien, Finnland und Polen ganz oben auf dem Siegerpodest.
Sie habe schon von klein auf mit ihrer Familie gepuzzelt, erzählt Reiner der Jungle World. Als sie vor etwa drei Jahren ein Video über die Weltmeisterschaft sah, habe sie gedacht: »Oh, das ist cool, das muss ich auch ausprobieren«, und damit begonnen, ihre Puzzlezeiten zu messen. Nun puzzelt sie an der Weltspitze. Wie viele Bilder sie in ihrem Leben zusammengestellt hat, kann sie nur schätzen: »Bestimmt über tausend«, meint sie.
Am Ende nur noch einhändig
Ihre Methode? Zuerst werden der Rand und die Elemente, die sofort ins Auge stechen, heraussortiert und anschließend eingeordnet. Danach gehe sie »einfach mit dem Flow«. Es sei »ein bisschen improvisiert«, räumt die nunmehrige Europameisterin in drei Disziplinen lächelnd ein. Beim Teampuzzeln werden übrigens die Aufgaben verteilt. Am Ende, wenn nur noch wenige Teile übrig sind, sind alle nur noch einhändig aktiv, damit man sich nicht gegenseitig stört.
Reich werden Puzzler mit ihrer Sportart nicht. Die Teilnehmenden durften die von ihnen benutzten Spiele nach dem Wettkampf behalten. Die Platzierten erhielten dazu je einen Pokal in Form eines Puzzleteils und neue Puzzles – Kathi Reiners Geschenk zum Beispiel besteht aus 21.000 Teilen.
Ein Franzose äußerte seine Freude darüber, mit so vielen anderen Puzzlern an einem Ort zusammen sein zu können.
Die Teilnehmenden äußerten sich durchweg positiv über den Verlauf der Meisterschaft. Die moderne Sporthalle am Rande Budapests bot mit ihrer Klimatisierung, auch unter der hochsommerlichen Außentemperatur von fast 40 Grad eine angenehme Umgebung. Die Lichtverhältnisse, nicht unwichtig bei dieser Sportart, waren optimal und der Ablauf wurde als reibungslos bewertet.
Ein Franzose äußerte seine Freude darüber, mit so vielen anderen Puzzlern an einem Ort zusammen sein zu können. Die Community zeichnet sich nicht nur durch hervorragende Fingerfertigkeit und hohen Konzentrationsfähigkeit aus, sondern auch durch Humor. Dazu gehören Gruppennamen wie »Finnish Line« im Fall der Finnen; die österreichische Mannschaft nannte sich »The Good, the Bad and the Puzzled«.
Kubinka hofft, dass Europameisterschaften demnächst regelmäßig stattfinden, möglichst immer woanders. Er ist überzeugt, dass die Bundesrepublik ein hervorragender Veranstalter wäre. Der internationale Marktführer für Puzzles – Ravensburger – stamme schließlich aus Deutschland.