Der Selbstmord des Ministers
Es kann schon mal vorkommen, dass jemand aus dem Fenster fällt und dabei zu Tode kommt. Häufen sich solche Fälle, ist Misstrauen angebracht. Sterben führende Manager russischer staatlicher oder staatsnaher Unternehmen, insbesondere in der Öl- und Gasindustrie, unter verdächtigen Umständen, wirft das kein gutes Licht auf die Zustände in der russischen Wirtschaftsführung. Begeht ein Minister Selbstmord, wie Anfang Juli der Verkehrsminister Roman Starowojt, drängt sich die Vermutung auf, die Ursachen könnten im System liegen.
Seit Beginn der umfassenden russischen Militärinvasion in die Ukraine im Februar 2022 kam eine ganze Reihe führender Personen aus dem Management der großen Konzerne ums Leben. Manche Todesfälle scheinen natürliche Ursachen gehabt zu haben, andere ganz offensichtlich nicht. Der Gazprom-Funktionär Aleksandr Tuljakow soll direkt nach Kriegsbeginn Selbstmord verübt haben, das ehemalige Aufsichtsratsmitglied beim Ölkonzern Lukoil, Aleksandr Subbotin, soll wenige Monate später bei einer Schamanenprozedur an Krötengift gestorben sein, Jurij Woronow, der Gründer von Astra Shipping, das unter anderem Aufträge für Gazprom ausführte, wurde durch eine Schussverletzung getötet.
Im August drangen ukrainische Streitkräfte bei Kursk auf russisches Gebiet vor und besetzten es bis zum Frühjahr. Im April nahmen die Behörden Aleksej Smirnow fest, Roman Starowojts Nachfolger als Kursker Gouverneur.
Am 1. September 2022 wurde bekannt, dass der damalige Aufsichtsratsvorsitzende von Lukoil, Rawil Maganow, an den Folgen eines Sturzes vom Balkon eines Krankenhauses gestorben war – versehentlich oder mit Selbsttötungsabsicht. Jüngst, am 4. Juli, wurde vor seinem Wohnhaus die Leiche von Andrej Badalow gefunden, der Vizepräsident des staatlichen Ölpipeline-Betreibers Transneft. Auch er soll von einem Balkon gestürzt sein.
Manager kommen und gehen, Beamte ebenfalls. Haftstrafen gegen hochrangige Staatsdiener sind in Russland keine Seltenheit. Der Tod von Starowojt aber schlägt ein neues Kapitel auf. Am 7. Juli, einem Montag, ging die Nachricht von seinem Tod durch die Medien, am Vormittag desselben Tags hatte Präsident Wladimir Putin einen Erlass über Starowojts Amtsenthebung unterzeichnet.
Während vieles auf Selbstmord per Kopfschuss aus einer Pistole hindeutet, findet sich in der Berichterstattung über Details und Zeitabläufe eine Kette von Widersprüchen. Es kursierten mehrere Angaben über den Fundort der Leiche: Mal wird sein Tesla-Automobil genannt, mal eine Stelle unweit eines Parkplatzes im Moskauer Umland. Größtes Rätsel hingegen ist der Todeszeitpunkt.
Der Krieg kam dazwischen
Mehrere Medien – Forbes Russia, der Fernsehsender RTVi und das Online-Nachrichtenportal RBC – berichteten, Starowojt habe sich bereits am vorangegangenen Wochenende das Leben genommen, vermutlich in der Nacht auf Samstag. RTVi zitierte den Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses der Duma, Andrej Kartapolow, mit den Worten, die Tat liege schon »recht lange« zurück. Das Verkehrsministerium wiederum verbreitete bis Sonntagabend Informationen über Sitzungen, an denen Starowojt teilgenommen habe. Vermutlich hat sich der Minister noch im Amt erschossen, er dürfte aber von seiner bevorstehenden Entlassung und einem drohenden Strafverfahren gewusst haben.
Starowojt hat in Putins Apparat eine vorbildliche Karriere hingelegt, die vielleicht noch von langer Dauer gewesen wäre, wäre nicht der Krieg dazwischengekommen. Seine Aufstieg begann in Sankt Petersburg, wo er in der Stadtverwaltung dafür zuständig war, der internationalen Automobilindustrie gute Produktionsbedingungen in der Region zu verschaffen. Von dort folgte der Sprung nach Moskau, auch in die Vorbereitung der Olympischen Spiele in Sotschi war er eingebunden. 2018 wurde er Gouverneur der Oblast Kursk, zunächst kommissarisch, schließlich regulär im Amt. Im Mai 2024 stieg er ins Verkehrsministerium auf.
Im August vorigen Jahres geschah dann etwas, was aus Sicht der Kremlführung nie hätte passieren dürfen – die ukrainischen Streitkräfte drangen in der Oblast Kursk auf russisches Gebiet vor und hielten Teile bis zum Frühjahr besetzt. Dafür mussten konkrete Schuldige her, wobei sich der Kreis der Verdächtigen weitgehend von selbst ergab.
»Mächtiger Schlag gegen Putins Image«
Mitte April nahmen die Behörden Aleksej Smirnow fest, Starowojts Nachfolger als Kursker Gouverneur. Ihm wird vorgeworfen, aus der Staatskasse umgerechnet knapp elf Millionen Euro entwendet zu haben, die für den Bau von Verteidigungsanlagen vorgesehen waren. Bei der Vernehmung soll Smirnow nicht nur gestanden, sondern auch seinen Amtsvorgänger belastet haben. Am 7. Juli berichtete die russische Tageszeitung Kommersant, Starowojts Festnahme stehe unmittelbar bevor.
Die Journalistin Farida Rustamowa, die Entwicklungen im russischen Machtapparat analysiert, bezeichnet den prominenten Selbstmord auf ihrem Telegram-Kanal als »mächtigen Schlag gegen Putins Image«. Im Kreml herrsche die Einstellung vor, Staatskader dienten als reines Gebrauchsmaterial, seien also ersetzbar. Starowojt habe sich wie alle vor ihm in Ungnade gefallenen Kader verhalten und hätte gehorsam den Gang ins Gefängnis antreten können. Doch mit seiner Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu setzen, habe er Putins Regeln ignoriert.
Zu Starowojts Beerdigung erschienen sein Nachfolger als Verkehrsminister, Andrej Nikitin, und acht weitere Minister, nicht hingegen Putin. Darüber, ob der Präsident einen Trauerkranz geschickt habe oder nicht, fanden sich in den Medien unterschiedliche Berichte. Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtete zunächst von einem mit Rosen geschmücktem Kranz, löschte die Meldung später allerdings wieder.
Wer noch immer auf eine Palastrevolution hofft, dem sollte Starowojts Selbstmord zu denken geben.
Geheimniskrämerei und Intransparenz waren schon immer kennzeichnend für Putins Herrschaftsstil. Im vierten Kriegsjahr verstärkt sich jedoch der Eindruck, dass die unterschiedlichen Instanzen alles andere als reibungslos zusammenarbeiten. Und wer noch immer auf eine Palastrevolution hofft, dem sollte Starowojts Selbstmord zu denken geben.
Der Ausstieg aus dem Machtgefüge war zu verschiedenen Zeiten mit unterschiedlich großen finanziellen Verlusten oder persönlichen Risiken verbunden. Mittlerweile stellt er praktisch ein Ding der Unmöglichkeit dar, denn de facto ist der Preis für den Ausstieg die totale Selbstaufgabe.
Das erinnert zwangsläufig an die Hochphase des Stalinismus, als sich in der Sowjetunion treue Anhänger des Sozialismus reihenweise die Kugel gaben. Nur wird heutzutage nicht die Todesstrafe wegen Loyalitätsbruchs verhängt, und auch politische Schauprozesse vermeidet Russlands Führung. In einem durch und durch korrupten System verhängen Gerichte Urteile gegen aussortierte Staatsdiener nicht wegen Landesverrats, sondern wegen Veruntreuung von Staatsgeldern.
Deswegen wurde beispielsweise der ehemalige stellvertretende Verteidigungsminister Timur Iwanow am 1. Juli zu 13 Jahren Haft verurteilt. Wenige Tage später fiel das Urteil gegen den ehemaligen stellvertretenden Generalstabschef, Generaloberst Khalil Arslanow. Wegen Bestechung und Betrugs muss er eine Haftstrafe von 17 Jahren absitzen.
Die Ukraine so stark zerstören wie möglich
Eine Erkenntnis, die sowohl aufstiegs- als auch, rein theoretisch, ausstiegswillige russische Apparatschiks bei ihrer Lebensplanung begleiten dürfte, ist die, dass der Krieg in der Ukraine auf absehbare Zeit nicht enden wird. Donald Trumps gescheiterte Vermittlungsversuche deuten in diese Richtung. Trotz gelegentlicher Telefonate mit seinem russischen Amtskollegen stellt der US-Präsident derzeit keine Verbesserung der Geschäftsbeziehungen mit Russland in Aussicht; Trump drohte vielmehr mit Sanktionen und Zöllen, falls bis Anfang September keine Verhandlungslösung gefunden sei.
Vor diesem Hintergrund versteift sich Russlands Führung immer weiter darauf, die Ukraine so stark zu zerstören, wie es die militärischen Ressourcen nur eben zulassen. Eindeutig geht es es dem Regime nicht lediglich darum, Gebietsgewinne bei etwaigen Friedensverhandlungen als Verhandlungsmasse für eine internationale Anerkennung annektierter ukrainischer Regionen einzusetzen.
Bei den heftigsten Attacken seit Kriegsbeginn terrorisiert Russland mit seinen Raketen und Drohnen die ukrainische Bevölkerung, um diese zu zermürben und größtmögliche Schäden anzurichten. Allein im Juni kamen dabei nach Angaben der Monitoring-Mission der Vereinten Nationen in der Ukraine 232 Menschen ums Leben, mindestens 1.343 zogen sich Verletzungen zu.