Starren im Doppelpack
Doch, es war nett am Meer, zumal es sich um eines mit relativ wenig bissigen, scharfkantigen oder giftigen Tieren drin handelte, was immer ein Vorteil ist, wenn man seine Zehen mag. Und wenn es dann am Rande des Meeres auch noch Strandkörbe in nicht scheußlichen Farben gibt, ist sowieso alles in Ordnung.
Außer gleich daneben haben sich ein älterer Mann und eine ältere Frau eingerichtet, die den jeweils anderen ganz klar weder aus optischen noch aus unterhaltungstechnischen Gründen ausgesucht haben. Das könnte einem eigentlich natürlich egal sein, wenn diese Leute nicht so penetrant starren würden.
Nicht aufs Meer, neinnein, und auch nicht auf die Möwen, die Möwendinge treibend den Strand entlangstolzieren. Vielmehr starren sie die anderen Urlauber an, obwohl die, man selber inklusive, nichts wirklich Beobachtungswertes tun, sondern bloß dasitzen, daliegen, dastehen, lesen, essen, trinken, telefonieren.
Die beiden Starrer wirken immer desperater und gelangweilter, was sie schließlich selbst zum Gesprächsthema macht.
Aber halt, vielleicht erhoffen sich die beiden Starrer ja menschliche Dramen? Die werden allerdings mittags am Strand nicht geboten, abgesehen natürlich von kleinkindlichen Wutausbrüchen über die elterliche Unverschämtheit, einen bloß wegen blauvioletter Lippen aus dem Meer zu holen. Besonders zeitvertreibend ist der Mix aus zähneklappernd vorgetragenem »Aberaberaber mir ist nicht kalt«-Protest und Appellen an die bedauerlicherweise irgendwo im Wasser verbliebene Vernunft des Nachwuchs (»Karl-Benedikt, deine Uneinsichtigkeit enttäuscht mich jetzt aber sehr!«) überdies nicht.
Und so wirken die beiden Starrer immer desperater und gelangweilter, was sie schließlich zum Gesprächsthema macht. »Vielleicht wollten sie vor ihrer Scheidung noch einmal Urlaub machen«, vermutet das junge Paar im weiß-gelb gestreiften Strandkorb.
»Nein«, findet die Familie daneben, »die erholen sich hier bloß davon, zu Hause die Nachbarn zu tyrannisieren.« Kann sein, kann nicht sein, irgendwann hat es sich aber ausgestarrt und abends sieht man die beiden wieder, als man an einem gar nicht mal so unteuren Restaurant vorbeispaziert, wo sie, genau, die Leute an den Nebentischen … – Schönen Urlaub euch allen!