24.07.2025
In Frankreich schaut man kritisch auf das Vorgehen gegen »LeMan«

Charlies kleine Schwester

Die Repression und auch die Drohungen von Islamisten gegen die türkische Satirezeitschrift »LeMan« werden in Frankreich sehr aufmerksam und kritisch beobachtet. »LeMan« und die französische Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« sind einander seit vielen Jahren verbunden.

In Frankreich findet der Fall der türkischen Satirezeitschrift LeMan besondere Resonanz. Eine Zeichnung, der Vorwurf der Blasphemie, fünf Verhaftungen – das rührt an Wunden, die noch nicht verheilt sind. Der Fall LeMan erinnert an Ereignisse des Winters 2015, an Charlie Hebdo und an Kalaschnikows. Hier, in dem Land, wo fast eine ganze Redaktion für ihre Satire umgebracht wurde, bleibt die Karikatur eine fundamentale, nicht verhandelbare Freiheit.

Alles an dem neuen Fall rührt an das französische Empfinden: ein Chefredakteur, der, aus Marseille kommend, am Istanbuler Flughafen verhaftet wird, und ein Mob von Islamisten, der skandiert: »LeMan, Schweinehunde, vergesst nicht Charlie Hebdo!« Das laizistische Frankreich, das der Karikaturen, ist den Islamisten ein Hassobjekt, das für den Export gottloser Schmähungen steht. Auf ihren Demonstrationen pöbeln sie gegen dieses Feindbild und im Internet stellen AKP-Trolle dieses Frankreich an den Pranger.

Im Fall LeMan geht es um mehr als eine Zeichnung. Die französische Presse verurteilt mehrheitlich die erneute Attacke gegen die Meinungsfreiheit, die sich im Zuge der verstärkten staatlichen Repressionen seit der Verhaftung von Ekrem İmamoğlu ereignet.

Alles an dem neuen Fall rührt an das französische Empfinden: ein Chefredakteur, der, aus Marseille kommend, am Istanbuler Flughafen verhaftet wird, und ein Mob von Islamisten, der skandiert: »LeMan, Schweinehunde, vergesst nicht Charlie Hebdo!«

Die eher rechte Wochenzeitung Le Point beklagt einen veritablen Hinterhalt der terroristisch-islamistischen Organisation Front der Vorkämpfer für den Islamischen Großen Osten (İBDA-C) gegen LeMan. Die Bezugnahme auf Charlie Hebdo ist allgegenwärtig. Aber in der Türkei genießen die Karikaturisten keinen Schutz – »ganz im Gegenteil«, schreibt die der kommunistischen Partei nahestehende Tageszeitung L’Humanité. Die Organisation Reporter ohne Grenzen fordert die »unverzügliche Freilassung der Zeichner« und erinnert daran, dass die Türkei zuletzt auf Platz 159 der Weltrangliste der Pressefreiheit landete.

Nicht verwunderlich, dass Charlie Hebdo der »befreundeten Zeitung« zu Hilfe eilt. »Erdoğan und seine Fanatiker wollen die letzte Satirezeitung des Landes begraben«, titelte die Zeitung am 9. Juli. Es ist nicht das erste Mal, dass die Machthaber dem türkischen Humor an den Kragen wollen. Bereits 2017 wurden die Satirezeitungen Gırgır und Penguen, deren Witze nicht immer halal waren, unter dem Druck der Justiz geschlossen.

Und der Ton bleibt der gleiche. Diese »Schamlosen werden sich vor dem Gesetz verantworten müssen«, donnert der türkische Innenminister Ali Yerlikaya auf X. Aber vor welchem Gesetz? Vor »der Verfassung von 1982«, fragt die Journalistin Lorraine Renaud in Charlie Hebdo, »die keine Blasphemie kennt«, oder »der Sharia?«. »Es ist ein gefundenes Fressen für eine Horde wütender Islamisten, die mit Mordaufrufen nicht geizen«, fährt sie fort.

Denn LeMan ist in der Türkei die letzte Insel freier Zeichner in einem Meer beleidigter Bärte. Die Karikatur, um die es geht, zielte nicht einmal auf den Propheten ab, sagten die Macher von Charlie Hebdo in ihrem Podcast, »und mit Propheten kennen wir uns aus!«

Verbindungen zwischen Charlie Hebdo und LeMan

Die Verbindungen zwischen Charlie Hebdo und dem kleinen türkischen Satireblatt reichen lange zurück. Charb, Wolinski und Philippe Val, drei der Zeichner, die 2015 von den Islamisten umgebracht wurden, hatten sich schon 2002 in Istanbul mit LeMan verbrüdert. Damals schloss sich auch eine türkische Zeichnerin dem Pariser Zirkel an.

Die Attacke auf LeMan kommt als verzögerte Rache daher. Die Zeitung zahlt für ihren freien Humor und die Unterstützung ihrer französischen Kollegen in der Vergangenheit. Im Präsidentenpalast hat man wohl auch die Karikatur mit der Känguruunterhose nicht vergessen.

2020 druckte Charlie Hebdo eine Zeichnung des türkischen Präsidenten in solchen Unterhosen, mit einer Limonadendose in der Hand, das Kleid einer verschleierten Frau hochhebend, um ihr Hinterteil zu begutachten. »Erdoğan ist privat sehr lustig«, lautete die ironische Schlagzeile. Recep Tayyip Erdoğan beleidigte daraufhin den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, zweifelte an dessen »geistiger Gesundheit«, rief zum Boykott französischer Produkte auf und zog den türkischen Botschafter aus Frankreich ab.

»Erdoğan ist privat sehr lustig«. Karikatur in Charlie Hebdo von 2020

»Erdoğan ist privat sehr lustig«. Karikatur in Charlie Hebdo von 2020

Bild:
Archiv 2. Juni

Diplomatische Dissonanzen zwischen Frankreich und der Türkei bestehen nicht erst seit kurzem. Innerhalb der EU nimmt Frankreich wohl die kritischste Haltung zur Türkei ein. In Frankreich sieht man die Einmischungsversuche der türkischen Religionsbehörde Diyanet in religionspolitische Fragen besonders kritisch, ganz zu schweigen von den Streitigkeiten über die Zypernfrage, Libyen, Syrien und die Kurdenfrage.

Die französische Regierung erinnert regelmäßig daran, dass man einer Türkei, die Gefängnisse und Blasphemieprozesse Debatten vorzieht, keine EU-Mitgliedschaft anbieten könne. Macron sagte 2018, es sei »eindeutig«, dass die »jüngsten Entwicklungen« in der Türkei auf dem Gebiet der Menschenrechte ein »Voranschreiten« in den Beitrittsgesprächen ausschlössen.

In Frankreich träumte man stets davon, als säkularer Pate einer CHP-geführten, offenen und frankophilen Türkei aufzutreten. Diese Türkei existiert noch immer, unter Minderheiten, auf Oppositionsdemonstrationen, in satirischen Sprechblasen und sogar bei Wahlen, wenn die entsprechenden Kandidaten nicht gerade im Gefängnis sitzen. Doch freiwillig wird der Sultan in Känguruunterhosen die Bühne wohl kaum der Opposition überlassen, schon gar nicht einer, die sich mehr für Freiheit als für Fatwas einsetzt – und weniger humorlos ist.