Grotesker wird’s nicht
»Ich weiß schon gar nicht mehr, wie J. D. Vance wirklich aussieht », kommentierten Anfang März einige Accounts in den sozialen Medien. Bearbeitete Fotos des US-amerikanischen Vizepräsidenten überschwemmten damals das Internet, nachdem Vance bei dem desaströsen Treffen zwischen Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj diesen mit dem Vorwurf angegangen war, er habe sich nicht einmal für die bisherige US-Unterstützung bedankt.
Schon vorher waren Vances Fotos gerne digital bearbeitet worden. Allerdings hielten sich »schmeichelhafte« Varianten, die ihn besonders kantig, männlich und stark aussehen ließen, mit abwertenden und ihn verspottenden Darstellungen einigermaßen die Waage. Sein kindisches Auftreten im Weißen Haus und der beleidigte Vorwurf der Undankbarkeit an Selenskyj änderte dieses Verhältnis.
Vances pausbäckiges Gesicht wurde zur teigigen Rohmasse, aus der bis heute immer wieder neue Ungestalten geformt werden: Meist eine aufgedunsene, verschwitzte Visage, mit starrem Blick auf den Betrachter, vom Guardian treffend als »Backpfeifengesicht« bezeichnet, wobei die Zeitung den deutschen Ausdruck verwendete. Ein grotesk überzeichnetes, verzogenes Balg wie aus einem Roald-Dahl-Roman, manchmal mit einer Propellermütze auf dem Kopf und einem Lolli in der Hand.
Die Karikatur kann zu den stumpf gewordenen Waffen des liberalen Bürgertums hinzugerechnet werden.
Vance selbst gab sich gelassen angesichts der permanenten Entwürdigung. Der konservative Journalist Julio Rosas behauptete, der Vizepräsident habe viele der Bilder gesehen und halte sie für einen »lustigen Trend«. Allerdings berichtete etwa die BBC Ende Juni von einem norwegischen Touristen, der behauptet, dass er nicht in die USA einreisen durfte, weil US-Grenzbeamte bei der Einreise ein Vance-Meme auf seinem Handy gefunden hätten.
Ob die Schwemme an Schmähbildern die Eitelkeit des Vizepräsidenten kränkt oder nicht, lässt sich nicht sicher sagen. Auch ist ihre politische Wirkung zweifelhaft. Für Vances politische Stellung und seinen Rückhalt in der Partei und bei Trump-Anhängern dürften die Karikaturen so wenig bedeutsam sein wie die immer hilfloser wirkenden Versuche, Trump als »Cheeto Jesus« oder Ähnliches zu karikieren, für dessen Popularität. Schon während der ersten Amtszeit Trumps stellte der kanadische Karikaturist und Pulitzer-Preisträger Barry Blitt über Trump fest: »Er ist schon eine Karikatur, und es ist schwierig, eine Satire über eine Satire zu machen. Was man zu Papier bringen kann, wird redundant.«
Es gibt an Politikern wie Trump nichts mehr zu entschleiern, nichts zu entzaubern. Ihre Niedertracht, Korruption und Widersprüchlichkeit liegen offen zutage. Es muss davon ausgegangen werden, dass genau darin ihre Anziehungskraft liegt. In ihrem gerade erschienenen Buch »Blödmaschinen II. Die Fabrikation politischer Paranoia« schreiben Markus Metz und Georg Seeßlen: »Teil der Verzweiflung der demokratischen Zivilgesellschaft und ihrer Medien ist es ja, dass den Rechten weder mit Argumenten noch mit Fakten, weder mit Moral noch mit Vernunft beizukommen ist. Donald Trump redet bizarren Schwachsinn mit dem Selbstgenuss eines verzogenen Siebenjährigen – und begeistert damit seine Anhänger:innen, weil er so deren Haltlosigkeit spiegelt.«
Die Karikatur kann zu den stumpf gewordenen Waffen des liberalen Bürgertums hinzugerechnet werden. Ihre Methode, durch Übertreibung sichtbar zu machen, was bisher verborgen geblieben war, scheitert angesichts der vulgären Übertreibungen, die ihre Gegenstände ständig von sich geben. Diese Immunität gegen Karikaturen gilt nicht exklusiv für Trump.
Affront ist Selbstzweck
Wenn der rechte Kulturkämpfer Vance sich im Weißen Haus so aufführt, dass es einem eingeschnappten Kind hernach peinlich wäre, bedient er die Bedürfnisse seines dauerbeleidigten Publikums. Dieses wird sich in der Karikatur ihres Avatars nicht wiedererkennen, aber auch vom Karikierten nicht abgeschreckt werden. Im Gegenteil nutzt der rechtspopulistischen Propagandamaschine die mediale Dauerpräsenz ihrer Galionsfiguren. Auch abwertende Bilder tragen zu deren Allgegenwart bei. Man entkommt ihnen nicht, selbst wenn sie bis hart an den Rand der Unkenntlichkeit entstellt werden.
Allerdings geht es bei der Karikatur vielleicht auch weniger um die Abgebildeten und ihre Anhänger:innen als um die sadistische Lust ihrer Gegner:innen als Kompensation realer Ohnmacht. Sigmund Freud schreibt in »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten«, dass über eine Karikatur auch dann gelacht wird, »wenn sie schlecht geraten ist, bloß weil wir ihr die Auflehnung gegen die Autorität als Verdienst anrechnen«.
Der Affront ist ein Selbstzweck, von den Urheber:innen eingesetzt, um die psychische Anstrengung kurzzeitig außer Kraft zu setzen, die politischen Horrorclowns ernst nehmen zu müssen. Die impulsive Fahrlässigkeit, mit der die US-Regierung der Ukraine den Entzug der Unterstützung angedroht hatte, weist in einen Abgrund. Eine politische Katastrophe scheint in Reichweite. Anstelle des unaushaltbaren Dauerzustands bestürzter Fassungslosigkeit gönnt sich das Internet mit der Verunstaltung von J. D. Vance eine Auszeit: Vielleicht ist dieser bösartige Kobold gar nicht so mächtig, sondern nur albern.