24.07.2025
Die rassistischen Ausschreitungen in Spanien

Neonazis im Blitzlicht

Prominente Rechtsextreme und Influencer haben die rassistischen Ausschreitungen in Spanien als Spektakel für Social Media aufbereitet.

In San Antonio, einem Stadtviertel der südspanischen Gemeinde Torre-Pache­co, kommen viele Bewohner ursprünglich aus nordafrikanischen Ländern, wie zum Beispiel Marokko. Die meisten von ihnen arbeiten als Erntehelfer im angrenzenden Landwirtschaftsgebiet Campo de Cartagena, wo gerade die Erntezeit für Wassermelonen beginnt. In Marokko wurde auch der 19jährige geboren, der am vorvergangenen Montag, nach mehreren Tagen auf der Flucht, in der Autonomen Gemeinschaft Baskenland von der Polizei festgenommen wurde. Am Folgetag verurteilte man ihn in einem Schnellverfahren zu vier Monaten Haft.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er der Anführer einer dreiköpfigen Gruppe war, die am 9. Juni in Torre-Pacheco den 68jährigen Rentner Domingo Tomás Martínez überfallen und übel zusammengeschlagen hatte. ­Aufnahmen des Angriffs und der schweren Gesichtsverletzungen, die der Rentner davontrug, verbreiteten sich über Social Media schnell im ganzen Land und mündeten im Aufruf, »Jagd auf Mauren« zu machen – also auf maghrebinische Einwanderer. In der Freitagnacht des 11. Juli und in den vier darauffolgenden Nächten zogen Rechtsex­treme vermummt und mit Flaschen, Eisenstangen, Baseballschlägern, Macheten, Molotow-Cocktails und Steinen bewaffnet marodierend durch San Antonio.

»Es wäre falsch zu behaupten, Vox habe die Angriffe organisiert, aber die Äußerungen dieser Partei bieten bestimmten Haltungen Legitimation, die zu dieser Art von Gewalt führen.« Anna López Obrero, Politologin

Dabei wohnte der 19jährige Angreifer nicht einmal in Torre-Pacheco. Gemeldet war er im ungefähr 600 Kilometer entfernten Barcelona. In derselben Provinz also, wo die Polizei im Ort Mataró ebenfalls am vorvergangenen Montag Christian Lupiáñez festnahm. Er gilt als Urheber der Aufrufe zur Hetzjagd auf die migrantischen Einwohner von Torre-Pacheco.

Der 29jährige soll der Anführer der rechtsextremen Gruppierung Deport Them Now España (DTN) sein. Beim »Remigrationsgipfel«, einem Treffen europäischer Rechtsextremer das Ende Mai in der Nähe von Mailand stattfand, stellte Lupiáñez sich als Delegierter der Gruppierung vor, berichtet die argentinische Nachrichtenseite Infobae.

DTN tritt seit März öffentlich in Erscheinung, zum Beispiel am 22. März bei einer Kund­gebung gegen »die Islamisierung« in Mataró, organisiert von der rechtsex­tremen Partei Vox. Fotos von dem Tag zeigen Mitglieder von DTN, die den Hitlergruß zeigen und ein Transparent halten, auf dem in großen Lettern »Remigration« steht. Von diesem Tag gibt es auch Bilder, auf denen Lupiáñez mit dem Vox-Politiker José Casado zu sehen ist. »Ich kenne ihn nicht«, sagt Casado auf Nachfrage der spanischen Tageszeitung El País.

In Tarnausrüstung herumgelaufen

Nach Lupiáñez’ Verhaftung hat sich El País in dessen Nachbarschaft nach ihm erkundigt. Die Anwohner beschreiben ihn als schrägen Typen, der ständig in Tarnausrüstung herumgelaufen sei und sich kaum getraut habe zurückzugrüßen, wenn sie ihm begegneten. Seit 2021 arbeitet Lupiáñez als Wachmann, 2023 soll er sich erfolglos um einen Arbeitsplatz beim Gefängnispersonal beworben haben, berichtet El País.

Im Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Torre-Pacheco gab es zehn weitere Festnahmen wegen Unruhestiftung, Hassverbrechen und Körperverletzung. Eine offizielle Beschwerde der drei linken Parteien PSOE, Izquierda Unida und Podemos gegen José Ángel Antelo, den Landesvorsitzenden von Vox in Murcia, führte außerdem zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Hassrede. Die drei Parteien werfen ihm vor, durch Social-Media-Posts die Angriffe in Torre-Pacheco befeuert zu haben.

So ähnlich beschreibt es auch die Politologin Anna López Obrero. »Es wäre falsch zu behaupten, Vox habe die Angriffe organisiert«, sagt sie der Jungle World, »aber die Äußerungen von Poli­tikern dieser Partei bieten bestimmten Haltungen Legitimation, die zu dieser Art von Gewalt führen.« López, deren Buch »La extrema derecha en Europa« (Die extreme Rechte in Europa) dieses Jahr erschienen ist, stellt den Erfolg von Vox in einem breiteren Kontext: »Die Wirtschaftskrise, die zunehmende Ungleichheit, das Gefühl des Verlusts der nationalen Identität und die poli­tische Instrumentalisierung der Angst vor Einwanderung sind gemeinsame Elemente«, die in ganz Europa von rechtsextremen, populistischen und nationalistischen Parteien genutzt würden.

Hunderte rechtsextremer Gewalttäter

»Bis vor wenigen Jahren gab es in der spanischen Politik trotz vereinzelter xenophober Tendenzen keine nationale politische Kraft, die so offen von der negativ geführten Einwanderungsdebatte profitierte.« Neben der Segre­gation der Einwanderer, einer generellen Prekarisierung und einer verfehlten Integrationspolitik hebt die Politologin noch einen weiteren Faktor ­hervor, der rechtsextreme Ausschreitungen begünstige: »Falschinforma­tionen und Gerüchte, die insbesondere in sozialen Medien kursieren«. Besonders Letzteres erinnert an die rassistischen Ausschreitungen in Großbri­tannien im vergangenen Jahr.

Torre-Pacheco zog vor zwei Wochen Hunderte rechtsextremer Gewalttäter aus dem ganzen Land an. Sie folgten nicht nur dem Aufruf von Lupiáñez und DTN. Auch der als »spanischer Bukele« bekannte Influencer Alvise Pérez, Gründer des im Europaparlament vertretenen rechtsextremen Wählervereins Se Acabó la Fiesta (Die Party ist zu Ende), rief dazu auf, nach Torre-Pacheco zu kommen, ebenso sein ehemaliger Pressereferent, der 24jährige Vito Quiles, der auch einflussreich in den sozialen Medien ist.

Vom Sonntagabend gibt es ein Video, das zeigt, wie ein Dutzend Angreifer einen Dönerladen entglasen und das Mobiliar zertrümmern. Erst am Montagabend waren ausreichend Polizeikräfte vor Ort, um den Mob von den Straßenzügen San Antonios fernzuhalten. Für Dienstag hatte DTN gemeinsam mit der rechtsextremen Kleinstpartei Democracia Nacional und dem Unternehmen Desokupa zu einer Demonstration »für Sicherheit« in Torre-Pacheco aufgerufen.

Desokupa ist eine von Daniel Esteve 2016 gegründete Firma, die Immobilienbesitzern anbietet, ihre Häuser zu räumen. Angegliedert an das Unternehmen ist der hauseigene Boxclub. Die spanische Online-Zeitung El Salto identifizierte unter anderem den MMA-Kämpfer Ernesto Navas bei einer Räumung als Mitarbeiter von Desokupa. Navas hat in Frakturschrift den Namen des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess auf seinen Bauch tätowiert.

An einer Ecke jagten die Rechtsextremen eine ­Reporterin des öffentlich-rechtlichen Senders TVE mit Flaschenwürfen ­davon. 

Ebenfalls bei jener Räumung dabei war Esteves Trainingspartner Zhivko Ivanov, der El Salto zufolge ein ehemaliger serbischer Kämpfer aus dem Kosovo-Krieg ist und im Ukraine-Krieg einem russischen Bataillon angehörte. Die Ankunft dieser illustren Gesellschaft am Dienstagabend in Torre-Pacheco sei vor allem ein für die sozialen Medien inszeniertes Spektakel gewesen, schrieb El País.

Esteve rollte mit seiner Mannschaft eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn in einem schwarzen Audi Q5 an, nur um kurze Zeit später seinen Followern seine Abreise zu verkünden. Quiles inszenierte an einer Ecke seine »Pressekonferenz«, an der nächsten tat es ihm Carmen López Manzano, die Sprecherin der Frente Obrero (Arbeiterfront) gleich und schwadronierte davon, Nachbarschaftspatrouillen einrichten zu wollen. Die 2018 unter marxistisch-leninistischen Vorzeichen gegründete Partei be­zeichnet sich als »national-revolutionär«.

Auch der Vox-nahe Influencer Bertrand Ndongo, bekannt als »der Schwarze von Vox«, meldete sich mit einem Livestream bei seinen Followern, ebenso der in der manosphere agierende ­Youtuber Adrian. An einer anderen Ecke jagten die Rechtsextremen eine ­Reporterin des öffentlich-rechtlichen Senders TVE mit Flaschenwürfen ­davon. Das Spektakel konnte allerdings nur schwer darüber hinwegtäuschen, dass laut Polizeiangaben an diesem Abend lediglich 150 Personen für die Veranstaltung angereist waren.