Punkige Krauts
Harry Rag, bürgerlich: Peter Braatz, stand als Teenager auf Can, gründete sogar den wohl ersten Fanclub für sie und interviewte 1976 ihren Bassisten Holger Czukay – für seine Schülerzeitung. Die Krautrockband galt zwar als was für kiffende Hippies, doch Rag »fand das gar nicht nötig, Can zu hören und dann auch noch zu kiffen«, vermutlich wegen der hypnotischen Sounds der Band, wie er Jürgen Teipel für dessen Buch »Verschwende deine Jugend«, erschienen 2001, erzählte.
Eine Musik, die sich zum Kiffen wirklich überhaupt gar nicht eignet, bekam er dann zur selben Zeit von seinem Freund Thomas Schwebel vorgestellt: die »neue Musik aus England«. Mit seiner Liebe zu Can konnte Rag den Punk aber ohne Probleme vereinbaren; sein Pseudonym bezog sich ja auf einen Song der englischsten aller englischen Bands, The Kinks.
S.Y.P.H. sind, so könnte man sagen, so was wie die erste antideutsche Band.
Wir befinden uns in Solingen, in den späten siebziger Jahren. Punk, so Schwebel gegenüber Teipel, brachte »alle Leute um mich herum auf die Palme«. Das wollte man natürlich selbst auch machen, und so entstand 1977 S.Y.P.H., mit von der Partie waren noch Uwe Jahnke und Ulli Putsch. Und so klingt dann auch das erste Album, 1980 erschienen und schlicht nach der Band benannt.
Es wartet mit ironischaffirmativen Songs wie dem berühmten »Zurück zum Beton« auf. Dessen Text, in dem der Ekel vor der Natur zelebriert wird, kann man nur verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, was Ralf Dörper, Pionier der Electronic Body Music und zwischendurch auch mal Mitglied bei S.Y.P.H., in »Verschwende deine Jugend« erzählte: Punk hatte vor allem das Ziel, sich von der Alternativbewegung abzugrenzen – Punk war in dem Sinne kein Teil der linken Bewegung, sondern ihr lautes Korrektiv. »Es ging darum, was politisch völlig unkorrekt gegenüber diesen Grün-Alternativen wäre.«
Rag formulierte das ähnlich: »Mit den Linken wollte ich mich nicht automatisch identifizieren. Für mich standen die für: Strickpullover, Jesuslatschen, Teestube und Karl-Marx-Bücher-Lesen. Das war alles so langweilig und geschwätzig.« Dass »S.Y.P.H.« eine Widmung für Rudi Dutschke trägt, mag man bewerten, wie man will.
Das Album ist zumindest nicht nur inhaltlich mit seinen einfachen, provozierenden Negationen beliebter Topoi (im zweiten Lied »Industrie-Mädchen« hat ein Paar neben einem Atomkraftwerk Sex) typischer Punk. Auch sind S.Y.P.H., so könnte man sagen, so was wie die erste antideutsche Band: In »Mercedes«, der eine romantische Geschichte im Spanien-Urlaub beschreibt, heißt es, dass Land sei voller »kleiner, dummer Deutscher«.
Und der Hidden Track bei »Kisuaheli« ist ein galliger Kommentar zur Iranischen Revolution und ihrem Führer Ruhollah Khomeini: »Er hatte einen langen Bart / Doch zu Gegnern war er nicht zart / Ins Land kamen wieder alte Riten / Denn seine Freunde war’n Schiiten«. Garniert sind die Strophen jeweils mit einem »Holla, holla, Ayatollah«.
Holger Czukay wurde »Punksympathisant«
Auch musikalisch fällt hier nichts groß auf – bis man zur B-Seite gelangt. Die letzten drei Lieder, die schließlich nicht mehr nur ein bis drei Minuten dauern, sondern eine Länge bis zu neun Minuten erreichen, sind komplexer, treibender, flirrender – nicht so auf den Punkt (man könnte auch, wenn es nicht so negativ klingen würde, von stupide sprechen) wie die A-Seite. Hier kündigt sich schon an, was noch im selben Jahr auf die nächste Platte gepresst werden sollte. Denn zum Glück für Rag und seine Band wurde Holger Czukay Ende der Siebziger »Punksympathisant«, wie er es gegenüber Teipel nannte, und nahm die junge Band unter seine Fittiche.
Zwei Alben nahmen S.Y.P.H. mit Czukay auf, und zwar in dem Örtchen Weilerswist nahe Köln, wo Can seit 1971 bis zu ihrer Auflösung 1978 all ihre Musik aufgenommen hatten, im von ihnen betriebenen »Innerspace«-Studio, dessen große Besonderheit war, dass sich das Mischpult nicht wie üblich hinter einer Glaswand befand, sondern im selben Raum wie die Musiker, was ein organischeres Arbeiten zuließ. »Pst« von 1980 und das unbetitelte, unter dem Namen »S.Y.P.H. (4. Album)« firmierende Album von 1982 wurden hier produziert – jetzt sind beide von Tapete Records neu aufgelegt worden.
Seit einigen Jahren ist ein Krautrock-Revival zu beobachten: Bereits in den Neunzigern hatten Bands wie Stereolab oder Radiohead Musik gemacht, die daran erinnerte, jüngere Bands wie Beak, Moon Duo oder Thee Oh Sees, die eher aus dem Alternative- oder Post-Rock kommen, haben das Interesse am Genre wiederbelebt. S.Y.P.H. dürften die ersten gewesen sein, die eben bereits Anfang der Achtziger solch ein Revival anstießen beziehungsweise in diesem Sinne rezipiert wurden.
Den einen Krautrock-Sound gibt es nicht
Doch den einen Krautrock-Sound gibt es nicht: Während die Musik von Can sphärisch und psychedelisch war, war die von der Band Neu!, einer anderen wichtigen Krautrock-Gruppe, in Teilen geradezu kompakt. Was sie einte, war die Verabschiedung klassischer Popsongstrukturen, zwischen Refrains und Strophe lässt sich nicht unterscheiden, Neu! verzichteten auf ihren ersten Alben gar ganz auf Gesang; erst auf der zweiten Seite ihres Abschlussalbums »Neu! 75« wurde dann auch mal gesungen. Auch war die Art des Spiels ein extrem kontrolliertes, die Instrumente klangen beizeiten mechanisch.
So wirklich passt das nicht zu »Pst«, eine tolle Platte, auf der die Gitarren allerdings schrammelig statt präzise gespielt werden. Währen es beim klassischen Krautrock noch so was wie Opulenz und Spannung gab, die Lieder auf einen Höhepunkt zulaufen konnten, ist dieses Moment hier ganz getilgt, was aber seinen ganz eigenen, nach Improvisation klingenden Charme hat, wie beim Lied »Stress«. Das mehr als acht Minuten lange »Regentanz« hat dafür einen starken Jazz-Einschlag.
Die schiefen, teils absurden Reime bei vielen Liedern wie »Einsam in Wien (Lustlos)« oder ein Titel wie »Do the Fleischwurst« machen klar, dass S.Y.P.H. über etwas verfügten, das dem Krautrock und dem deutsch-sprachigen Punk höchst selten zu eigen war.: Humor.
Die schiefen, teils absurden Reime bei vielen Liedern wie »Einsam in Wien (Lustlos)« (»Ich bin so einsam in Wien / und gehe vor mich hin / der letzte Zug ist dahin / wo liegt die Fahrkarte nach dem Unsinn«) oder ein Titel wie »Do the Fleischwurst« machen klar, dass S.Y.P.H. über etwas verfügten, das dem Krautrock und dem deutschsprachigen Punk höchst selten zu eigen war: Humor. Auf »S.Y.P.H. (4. Album)« wird es dann tatsächlich nochmal radikaler: Die Songs länger (»Little Nemo« ist 18 Minuten und 23 Sekunden lang), Melodien gibt es so gut wie keine mehr.
Fast interessanter als die Reissues ist allerdings »Punkraut 1978–1981«, eine Compilation aus raren und unveröffentlichten Songs und Live-Aufnahmen, die zusammen mit den beiden anderen Platten erschienen ist. Der Titel hier ist Programm und das Amalgam aus Kraut und Punk beschreibt wohl am besten, was S.Y.P.H. gemacht haben, ohne dafür den Begriff des Krautrock bemühen zu müssen. Tatsächlich hört man hier vieles Avantgardistisches, das künftige Musikstile vorwegnahm: Ein krachiger Song wie »Blech« klingt wie ein früher Vorläufer des Noise Rock, die Loops, Kinderinstrumente wie das Xylophon und den Sprechgesang findet man auf »Die Entstehung der Nacht« von 2009, ohne Zweifel das musikalisch interessanteste Album der Goldenen Zitronen, wieder.
Hier spürt man am deutlichsten, was Label-Betreiber Alfred Hilsberg (Zickzack) einmal über Harry Rag sagte: Dieser habe nämlich einen »erweiterten Punkbegriff« – und den stellte Rag bei den Liner Notes für »Punkraut 1978–1981« noch einmal unter Beweis, denn diese schließen mit den Worten: »Bitte nicht vergessen, die Einfältigkeit war bewusster Ausdruck!«
S.Y.P.H.: Punkraut 1978–1981/Pst/S.Y.P.H. (4. Album) (Tapete Records)