31.07.2025
Zum 50. Jubiläum von »Der weiße Hai« ist eine Doku über den Film erschienen

Nervenkitzel statt Provokation

Vor 50 Jahren kam »Der weiße Hai« ins Kino. Der Film gilt als der erste Blockbuster, zum Jubiläum erscheint nun eine Dokumentation und der Film wird wieder in Kinos gezeigt. Doch hat der Regisseur Steven Spielberg mit seinem zweiten Film tatsächlich das Ende von New Hollywood besiegelt?

Für Steven Spielberg war der Dreh von »Jaws« (»Der weiße Hai«) ein wahres Desaster. Der Regisseur berichtete, er habe am Set mehrere Panikattacken erlitten, sei danach traumatisiert gewesen und habe längere Zeit nicht mehr richtig schlafen können. Er sei gar in einen Zustand geraten, den man heutzutage als posttraumatische Belastungs­störung bezeichnen würde.

»Für mich stellt die Geschichte von ›Der weiße Hai‹ die Tatsache dar, dass ein Film, von dem ich dachte, er würde meine Karriere beenden, der Film ist, mit dem sie begann«, erzählt er rückblickend in der Dokumentation »Der weiße Hai – Die Geschichte hinter dem Blockbuster« von National Geographic, die seit kurzem bei Disney Plus zu sehen ist.

Insgesamt spielte »Der weiße Hai« weltweit 260 Millionen US-Dollar ein; inflationsbereinigt entspricht das heute etwa 1,5 Milliarden US-Dollar. Der erste Blockbuster war geboren.

Tatsächlich ist beim Dreh des Films, der vor 50 Jahren in die Kinos kam, einiges schiefgelaufen. Der damals erst 27jährige Spielberg wollte seinen zweiten Kinofilm aus dramaturgischen Gründen on location drehen. Das betraf auch das letzte Drittel des Films, das mit dem Fischerboot »Orca« komplett auf dem Meer spielt. Ein Team von mehreren Dutzend Konstrukteuren baute drei ferngesteuerte Hai-Attrappen, deren Mechanik jedoch nicht für Salzwasser ausgelegt und daher extrem stör­anfällig war.

Es kam, was kommen musste: Die Attrappen fielen immer wieder aus. Um sie überhaupt »schwimmen« zu lassen, wurde eine zwölf Tonnen schwere Unterkonstruktion mit einer 20 Meter langen Laufschiene im Meer versenkt und verankert. Hinzu kam der Gezeitenwechseln, an den sich das Filmteam mehrmals am Tag anpassen musste. Für jeden Positionswechsel der »Orca« brauchte es Taucher, um die am Meeresgrund befestigten Anker zu lösen.

Das betraf auch alle anderen, nicht im Bild befindlichen Boote für die Technik und die Crew. Die technischen Probleme mit den Attrappen und die aufwendige Logistik sorgten dafür, dass sich der Dreh erheblich verzögerte, insgesamt wurde 100 Tage länger gedreht als angesetzt. Das Budget stieg von vier auf neun Millionen US-Dollar. Spielberg war gezwungen, das Konzept für seinen Film zu überarbeiten, weil er den Hai nicht so unverhohlen zeigen konnte, wie er vorhatte.

Kein Hai, kein Blut zu sehen, dennoch wahrer Horror

Für den Film erwies sich das allerdings als Glücksfall. Kaum etwas spricht die Phantasie und die Urängste so sehr an wie eine monströse, nicht ganz sichtbare Kreatur, die in der Tiefe des Meeres ihr Unwesen treibt und jeden Moment über uns Menschen, die wir im Wasser im Grunde genommen völlig hilflos sind, herfallen könnte. Diese Angst bespielte Spielberg bereits in seinem Prolog, der in Sachen suspense einem Alfred-Hitchcock-Film in nichts nachsteht.

Der Kamerafahrt über den Meeresboden folgend, die mit dem berühmten, nur zwei Noten umfassenden Thema der Filmmusik von John Williams unterlegt ist, muss das Publikum zusehen, wie eine Frau bei einem nächtlichen Badeausflug von jenem Hai angegriffen und grausam in das Dunkel des Wassers gezerrt wird. Kurz bevor er angreift, wechselt die Kamera mehrmals in die Perspektive des Hais, der sich langsam dem nackten Körper der Frau nähert. In der ganzen Szene ist kein Hai, kein Blut zu sehen. Für den wahren Horror muss man beides gar nicht sehen.

Die Dokumentation, die sehr konventionell mit einem riesigen Auf­gebot an talking heads (die Riege der Beteiligten ist beachtlich: Jordan Peele, Emily Blunt, Guillermo Del Toro, George Lucas, J. J. Abrams, Steven Soderbergh, James Cameron) und reichlich Archivmaterial arbeitet, bietet zahlreiche Anekdoten vom Dreh. Wie jene von dem Schauspieler Robert Shaw, der für seinen starken Alkoholkonsum bekannt war und immer wieder mit seinem deutlich jüngeren Schauspielkollegen Richard Dreyfuss aneinandergeriet.

Angespanntes Verhältnis zwischen den Schauspielern 

Spielberg hielt dieses angespannte Verhältnis (auch ihre Figuren im Film verstehen sich nicht) für so fruchtbar, dass er nie eingriff. Als Shaw jene Szene drehen sollte, in der seine Figur Quint, ein Marine-Kriegsveteran, ihre große Abneigung gegen Haie erklärt, kam er sturzbetrunken ans Set. Erst am nächsten Tag konnte er ausgenüchtert die Szene drehen.

Shaw schrieb den fast vier Minuten langen Monolog größtenteils selbst, in dem Quint davon erzählt, wie er am Ende des Zweiten Weltkriegs den Untergang des Kriegsschiffs USS »­Indianapolis« überlebte und bis zur Rettung zusehen musste, wie seine Kameraden von Haien getötet wurden – für Spielberg eine der besten Szenen im Film.

Mit heutigen Sehgewohnheiten mag sich der Grusel des Films in manch allzu expliziten Szenen nicht mehr einstellen. Damals jedoch konnte der Film ein Millionenpublikum in Angst und Schrecken ver­setzen. Alleine im Sommer 1975 sahen sich in den USA 64 Millionen Menschen den Film im Kino an. In Deutschland war er mit sieben Millionen Zuschauer:innen der er­folgreichste Film des Jahres. Insgesamt spielte der Film weltweit 260 Millionen US-Dollar ein; inflationsbereinigt entspricht das heute etwa 1,5 Milliarden US-Dollar. Mit »Der weiße Hai« war der erste Blockbuster geboren.

Neue Veröffentlichungsstrategie

In der Geschichte Hollywoods hatte es immer wieder Großproduktionen gegeben, die in erzählerischer und vor allem finanzieller Hinsicht Maßstäbe setzten. Nur wenige Jahre zuvor, 1972, war mit »Der Pate« von Francis Ford Coppola der bis dahin erfolgreichste Film der Kinogeschichte veröffentlicht worden. Das Novum von »Der weiße Hai« war vor allem die Veröffentlichungsstrategie.

Bis dahin liefen Filme zunächst in den großen Ballungszentren wie New York und Los Angeles an, bevor die restlichen Kinos mit Filmkopien versorgt wurden. »Der weiße Hai« hingegen startete in Nordamerika gleichzeitig in 464 Kinos, begleitet von einer großangelegten Werbekampagne. Der Blockbuster war kein einfacher Film mehr, sondern ein Event, das sich im besten Falle zu einem popkulturellen Phänomen ­entwickelte.

Das Phänomen leitete einen Umbruch in der US-amerikanischen Filmindustrie ein. Doch es wäre falsch zu behaupten, Steven Spielberg sei mit »Der weiße Hai« für den Niedergang von New Hollywood verantwortlich gewesen – jener Phase des US-amerikanischen Kinos in den Sechzigern und Siebzigern, in der meist sehr junge Filmemacher wie Martin Scorsese (»Taxi Driver«, 1976), Robert Altman (»Nashville«, 1975) oder William Friedkin (»Brennpunkt Brooklyn«, 1971) das klassische ­Hollywood-System mit ihren experimentierfreudigen und meist düster angelegten Erzählweisen erneuerten. Die großen Studios, die sich schwertaten, die Filme des New Hollywood zu vermarkten, erkannten schlicht, dass das Publikum nach Eskapismus ­verlangte und sie mit formelhaften und dadurch umso kalkulierbareren Blockbustern viel mehr Geld ver­dienen konnten als mit ästhetisch und moralisch komplexen Filmen.

Zunahme der Jagd auf Haie

»Der weiße Hai« kann in der Hinsicht als Bindeglied zwischen den rauen New-Hollywood-Filmen und der Blockbuster-Ära verstanden werden. Der erste Teil des Films erzählt davon, wie Chief Brody (Roy Schneider) vergeblich versucht, sich dem politischen Druck des Stadtrats zu widersetzen, der die Strände aus ­finanziellen Gründen offen halten möchte, während immer mehr Menschen einem Hai zum Opfer fallen. Der Einzelne sieht sich hier einem institutionellen Irrsinn gegenüber – ein politisches Setting, wie es für New Hollywood üblich war.

Erst als sich Brody zusammen mit dem fanatischen Kriegsveteranen Quint und dem Ozeanographen Matt Hooper (Dreyfuss) auf die Jagd nach dem Hai macht, erhält der Film die erzählerische Dynamik eines Blockbusters. Während sich Brody damit auf eine klassische Heldenreise begibt, um die Ordnung wiederherzustellen, steht etwa bei Martin Scorseses »Taxi Driver« ein vom Vietnam-Krieg gezeichneter Einzelgänger (Robert De Niro) im Zentrum, der einen Amoklauf begeht, um die Ordnung zu zerstören. Während der eine Film provozieren möchte, orientiert sich der andere am Nervenkitzel. Was Steven Spielberg 1975 begann, zementierte sein Freund George ­Lucas mit »Star Wars – Krieg der Sterne« zwei Jahre später.

Für eine Sache kann Steven Spielberg gemeinsam mit Peter Benchley, dem Autor der Romanvorlage, dennoch zur Verantwortung gezogen werden. Ihre Darstellung des weißen Hais als triebgesteuerter Killer, der blutrünstig Menschen zerfleischt, trug zu einer Zunahme der Jagd auf Haie bei. Einer im Jahr 2021 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Studie zufolge ist die Haipopulation seit den siebziger Jahren durch Überfischung weltweit um 71 Prozent zurückgegangen. Die Forscher machen dafür Filme wie »Der weiße Hai« mitverantwortlich.

Die Dokumentation »Der weiße Hai – Die Geschichte hinter dem Blockbuster« kann bei Disney Plus gestreamt werden.

»Der weiße Hai« wird anlässlich seines Jubiläums am 5. August in vielen Kinos gezeigt.