»Die Schere steht für die Demütigung drusischer Männer«
Im Zuge der jüngsten Kämpfe in Südsyrien gab es auch in Deutschland Demonstrationen. Was haben Sie dabei beobachtet?
In Berlin wurde recht kurzfristig über soziale Medien, vor allem Tiktok, zu einer Kundgebung am 19. Juli aufgerufen, auf der offiziell gegen ausländische Interventionen protestiert werden sollte. Gemeint war damit das Eingreifen Israels, das sich ja auf die Seite der Drusen gestellt hat. Es kamen 300 bis 400 Menschen, fast ausschließlich junge Männer. Es wurden recht explizit die Massaker an Drusen in Suwayda glorifiziert. »Wir beugen die Drusen«, war zu hören.
Was hat es mit der Schere auf sich, die als Handgeste oder in den sozialen Medien als Emoji oft zu sehen war?
Mit dem Symbol der Schere wurde schon zu der Kundgebung mobilisiert, vor allem von zwei arabischen Mikroinfluencern aus Berlin mit ein paar Tausend Followern. Die Schere steht für die Demütigung drusischer Männer, denen die Schnurrbärte (die Drusen aus religiösen Gründen tragen; Anm. d. Red.) sowohl durch beduinische Milizen als auch von regierungsnahen Kräften in Suwayda abgeschnitten wurden. Und oft war dies der Auftakt zu weiteren Gewalttaten bis hin zu Exekutionen.
Haben neben einzelnen Influencern auch Organisationen zu den Kundgebungen aufgerufen?
Wir konnten nicht feststellen, dass eine feste Struktur sie organisiert oder dazu aufgerufen hat, das scheinen tatsächlich eher Einzelpersonen gewesen zu sein. Aber es gibt Überschneidung zur antiisraelischen Szene in Berlin. Zum Beispiel ist ein Mann, der bei der Kundgebung als Trommler dabei war, sehr regelmäßig bei antiisraelischen Protesten aktiv. Zwei andere Teilnehmer waren in der Vergangenheit bei Veranstaltungen aus dem Umfeld der PFLP als Ordner tätig. Die PFLP hat ja verschiedene Proxy-Organisationen in Deutschland, in Berlin vor allem das Demokratische Komitee Palästinas, die mittlerweile verbotene Gruppierung Samidoun und die nicht verbotene Gruppierung Masar Badil.
»Online sah man, dass Menschen sich als Angehörige eines bestimmten Stamms vorstellten und zur Kundgebung aufriefen. Das ist für Berlin beim Protestgeschehen eher neu und ungewöhnlich. Es wurden aber auch ganz klar islamistische Parolen gerufen.«
Rund um diese Gruppierung gibt es immer wieder Streitereien, wie man sich zu Syrien positioniert. Die PFLP ist traditionell sehr Assad-nah, und es gab Konflikte, wenn Menschen mit Flaggen der Freien Syrischen Armee zu Protesten der PFLP gekommen sind. Insofern ist es interessant, dass sich Menschen aus diesem Umfeld an dieser Kundgebung beteiligt haben, die ja klar den derzeitigen Machthaber Ahmed al-Sharaa unterstützt.
Wie lässt sich die ideologische Ausrichtung der Kundgebung beschreiben?
Eine große Rolle spielt tatsächlich die Zugehörigkeit zu Stämmen oder Clans aus Syrien. An den Massakern an Drusen waren ja vor allem beduinische Stammeskräfte beteiligt. Online sah man, dass Menschen sich als Angehörige eines bestimmten Stamms vorstellten und zur Kundgebung aufriefen. Das ist für Berlin beim Protestgeschehen eher neu und ungewöhnlich. Es wurden aber auch ganz klar islamistische Parolen gerufen.
Gab es auch in anderen Städten solche Aktivitäten? Und was erwarten Sie für die Zukunft?
In Düsseldorf gab es eine Demonstration von Anhängern des syrischen Diktators Ahmed al-Sharaa, außerdem wurde dort eine Versammlung von Kurden und Drusen angegriffen. Das waren, soweit wir mitbekommen haben, die beiden einzigen Vorfälle. Derzeit ist uns auch kein Aufruf zu weiteren Protesten bekannt. In der Vergangenheit ist das allerdings auch sehr kurzfristig passiert. Gleichwohl glaube ich auch wegen der recht deutlichen Reaktion der staatlichen Stellen nicht, dass sich das jetzt verstetigt.