31.07.2025
Roller Derby begann mal als Frauensport, definiert sich aber heute nicht mehr so

Inklusiver Vollkontaktsport

Beim Roller Derby darf nur mitspielen, wer sich selbst nicht als Cis-Mann definiert.

»Wir werden nicht zulassen, dass Män­ner unsere Frauen und Mädchen verprügeln, verletzen und betrügen. Von nun an wird der Frauensport nur für Frauen sein!« Mit diesen pathe­tischen Worten verkündete US-Präsident Donald Trump im Februar den Erlass eines Dekrets, das Transfrauen die Teilnahme am Frauen- und Mädchensport untersagt. Damit erreichte eine in den USA seit Jahren hitzig geführte Diskussion ihren vorläufigen Höhepunkt, die auch in vielen anderen Ländern bereits Wahlkampfthema geworden war.

Dabei sind es zumeist bloß eine Handvoll Transfrauen und -mädchen, die im Wettkampfsport antreten. Charlie Baker, der Präsident des Verbands des US-College-Sports, berichtet beispielsweise, dass sich unter der mehr als einer halben Million an den Colleges sportlich Aktiven weniger als zehn Transsexuelle finden. Umso stärker werden die Einzelfälle skandalisiert.

Eigentlich ist Roller Derby als Vollkontaktsportart, bei der blaue Flecken an der Tagesordnung und schwere Verletzungen alles andere als selten sind, prädestiniert für den Konflikt um die Inklusion von Transsexuellen. 

Wie aus einer fernen Galaxie wirkte dagegen die Weltmeisterschaft der Nischensportart Roller Derby, die Anfang Juli in Innsbruck stattfand. Dort traten auf höchstem sportlichen Niveau Frauen, Trans- und Intersexu­elle sowie nichtbinärgeschlechtliche Menschen gemeinsam an.

Beim Roller Derby spielen zwei Teams mit jeweils fünf Spielerinnen und Spielern auf einem ovalen Spielfeld, Track genannt, gegeneinander. Unter diesen fünf hat eine Person die Rolle des Jammers inne. Sein Ziel ist es, möglichst häufig die Blocker des gegnerischen Teams zu überholen. Diese versuchen ihrerseits, den gegnerischen Jammer aufzuhalten und den eigenen Jammer zu unterstützen.

Anders als in vielen anderen Sportarten sind also beide Teams permanent in Offensive und Defensive zugleich, was das Zuschauen für den Neuling gar nicht so einfach macht. Auf dem Track geht es meistens wuse­lig und unübersichtlich zu. Mit gewissen Einschränkungen sind Rempeleien und gezielte Stöße erlaubt – wer versucht, sich an der Gegenspielerin vorbeizuschieben, muss damit rechnen, mit ganzer Wucht vom Track geschleudert zu werden.

Eigentlich ist Roller Derby als Vollkontaktsportart, bei der blaue Flecken an der Tagesordnung und schwere Verletzungen alles andere als selten sind, prädestiniert für den Konflikt um die Inklusion von Transsexuellen. Aber nein: Die Weltmeisterschaft wurde mit einer Parade eingeläutet, die unter dem Motto »Trans People Belong in Sports« stand. Wieso funktioniert die Inklusion ausgerechnet im Roller Derby?

Der Gegenspielerin einen Stoß verpassen und eine blutige Lippe riskieren

Die Sportart, wie man sie heute spielt, entstand um die Jahrtausendwende im Umfeld der Riot-Grrrl-Bewegung im texanischen Austin. Von diesen subkulturellen Wurzeln zeugt heute noch vieles. Stritten die Riot Grrrls gegen männliche Dominanz und rigide Geschlechterrollen im Hardcore-Punk, so standen im Roller Derby seit jeher Frauen als Sportlerinnen im Vordergrund.

Männern kommt bis heute allenfalls die Rolle der Schiedsrichter, besser noch der Cheerleader zu. Zwar gibt es inzwischen auch Teams, in denen cisgeschlechtliche Männer mitspielen, aber sie sind von Wettbewerben ausgeschlossen.

Der Gegenspielerin einen Stoß verpassen und eine blutige Lippe riskieren? Unnachgiebige Stärke und Mut zum Schmerz zeigen? Das hat wenig gemein mit den geschlechtlichen Rollenerwartungen, denen sich viele Spielerinnen außerhalb des Tracks ausgesetzt sehen. Kaum verwunderlich also, dass der Sport oft Frauen anzieht, die anderswo als Sonderlinge und Außenseiterinnen wahrgenommen werden. Und so ist Roller Derby für viele mehr als nur ein Sport – er gilt ihnen als genuin politisch.

Weiblichkeit wurde weder als bloß soziales noch als bloß biologisches Geschlecht definiert, sondern als Zusammenspiel aus beidem.

Bereits früh entdeckten auch viele Transsexuelle und queere Menschen Roller Derby für sich. Das eigentümliche Zusammenspiel von sportlichem Wettkampf und politischer Haltung wurde so bereits Ende der nuller Jahre vor eine Zerreißprobe gestellt. Damals begann der größte globale Dachverband, die Women’s Flat Track Derby Association (WFTDA), an einer Richtlinie zur Geschlechtertrennung zu arbeiten, welche die Partizipation von trans- und intersexuellen Sport­lerinnen und Sportlern regulieren und bestimmen sollte, wer als Frau antreten könne. Dabei konfligierten das Selbstverständnis als Frauensport und das Anliegen, Marginalisierten die Teilnahme nicht zu verwehren. Nicht einfach aufzulösen war die Spannung zwischen dem Interesse an körperlich fairem Wettkampf und der Anerkennung geschlechtlicher Selbstidentifikation.

Die Richtlinie sollte sportlichen Wettkampf und Inklusion zugleich gewährleisten, ohne dafür vom Selbstverständnis als Frauensport abweichen zu müssen. Im Ergebnis wurde Weiblichkeit weder als bloß soziales noch als bloß biologisches Geschlecht definiert, sondern als Zusammenspiel aus beidem. Als Frau dürfe im Roller Derby antreten, wer als Frau lebt und einen Blutspiegel von Sexualhormonen aufweist, die medizinisch als weiblich klassifiziert werden. Transfrauen und Intersexuellen wurde also unter Vorbehalt Partizipation gewährt. Die damalige Richtlinie sah zwar nicht vor, dass die eigene Geschlechtszugehörigkeit bewiesen werden müsste, allerdings behielt man sich vor, einen Hormonnachweis bei Bedarf einzufordern.

Eine zufriedenstellende Regelung wurde damit nicht gefunden, denn Hormonspiegel lassen keine eindeutige Bestimmung der Geschlechtszugehörigkeit zu. Die Regelung ist also nicht zu haben ohne die Möglichkeit endloser Debatten über den passenden Schwellenwert. Ein Ausschluss aus dem weiblichen Roller Derby aufgrund erhöhter Testosteronwerte konnte sich angesichts der sportlichen und kommerziellen Bedeutungslosigkeit der geschlechteroffenen Teams obendrein wie eine unverschuldete Bestrafung anfühlen. Und der Zwang, derlei intimen In­formationen offenzulegen, könnte als entwürdigender Eingriff in die Privatsphäre eingestuft werden.

Ausgeschlossen sind nur noch cisgeschlechtliche Männer – entscheidend ist die geschlechtliche Selbstidentifikation

Und so dauerte es nur vier Jahre, bis die Richtlinie durch eine neue ersetzt wurde. Vom Track ausgeschlossen sind seither einzig cisgeschlechtliche Männer – entscheidend ist die geschlechtliche Selbstidentifikation. Die WFTDA begründete diese neue, von der Körperlichkeit abstrahierende Regelung mit der Sorge, die vorherige Richtlinie könnte diskriminierend wirken. Und so jagten bei der diesjährigen Weltmeisterschaft auch Sportlerinnen und Sportler über den Track, die zuvor noch ausgeschlossen worden wären.

Als einen genuinen Frauensport wollen viele Roller Derby heute nicht mehr verstehen. Vielmehr handele es sich um eine Sportart, die von allen und für alle betrieben wird, denen in anderen Sportarten qua Geschlecht das ganz große Rampenlicht versagt ist. Mit diesem neuen Selbstverständnis geht mitunter ein Unbehagen an den eigenen Wurzeln einher. So werden einige Teamnamen sukzes­sive ersetzt; im letzten Jahr benannten sich die Prager »Hard Breaking Dolls« in das geschlechtsunspezifische »Hard Breakers« um, die Kölner »Graveyard Queens« in »Cologne Goats«.

In Anbetracht des anhaltenden Streits in anderen Sportarten verblüfft, wie konfliktfrei die neue, fraglos radikale Regelung im Roller Derby funktioniert. Die Popularität der Sportart ist ungebrochen. Trotz der brutalen Körperlichkeit präsentiert sich der Sport einhellig und stolz als inklusiv. In einer vom Verband Roller Derby Deutschland veröffentlichten Mitteilung zum Trans-Tag der Sichtbarkeit hieß es 2024: »Sport und Politik gehören zusammen. Punkt.« Es ist diese Entschiedenheit, welche die Debatte beendet hat.

Als das Roller-Derby-Team aus Tel Aviv drei Tage nach dem Massaker der Hamas in den sozialen Medien Erschütterung und Fassungslosigkeit ausdrückte, wartete man vergeblich auf Solidarität anderer Teams.

Andere Diskussionen gehen erst los. Als etwa das Roller-Derby-Team aus Tel Aviv – das einzige in Israel – drei Tage nach dem Massaker der Hamas in den sozialen Medien Erschütterung und Fassungslosigkeit ausdrückte, wartete man vergeblich auf Worte der Solidarität. Der Post des israelischen Teams wurde mit der gleichen Bestimmtheit ignoriert, mit der die militärische Reaktion des jüdischen Staats seither skandalisiert wird. Während der 7. Oktober also eisern beschwiegen wird, bietet die dramatische Lage der Bevölkerung Gazas einigen Teams Stoff für zahl­lose Stellungnahmen in den sozialen Medien.

So finden sich etwa auf den Kanälen der Crime City Rollers aus Malmö viele Solidaritätsadressen an Palästina und Fotos, auf denen Spielerinnen und Spieler mit entsprechenden Fahnen posieren. Auch bei der Weltmeisterschaft in Innsbruck wurde der Krieg zwischen Israel und der Hamas einseitig thematisiert. Einige Nationalmannschaften ließen nach ihren Spielen sowie bei der feierlichen Abschlusszeremonie Palästina-Fahnen wehen, je eine weitere wurde an zwei der fünf Tracks gehisst. Entsprechende Symbole malten sich auch viele Spielerinnen und Spieler auf Gesicht und Arme.

Von den Geiseln hingegen, die sich noch immer in den Händen der Hamas befinden, oder gar dem Anteil der Hamas an der erbarmungswürdigen Lage der Palästinenser war keine Rede. Vielleicht aus Angst vor Konflikten halten sich die meisten deutschen Teams zur Thematik bedeckt. Eine Ausnahme stellen einige Spielerinnen und Spieler aus Regensburg und Frankfurt dar. Sie verlasen bei einer Demonstration am 6. Oktober vergangenen Jahres eine Stellungnahme, in welchem es heißt: »Viele Teams engagieren sich gegen rechts, für Diversität, Geschlechter­inklusivität und gegen andere Ideologien der Ungleichheit. Umso unerträglicher ist es für uns, dass Antisemitismus viel zu oft ausgeklammert wird.«

Ob sich daran so bald etwas ändert? Die im kommenden Jahr stattfindenden Global Championships, der höchste Wettbewerb auf Vereinsebene, werden nicht wie üblich in den Vereinigten Staaten, sondern ausgerechnet im schwedischen Malmö ausgetragen. Dazu entschloss sich die WFTDA wegen der Ungewissheit, ob Transsexuellen aufgrund von Donald Trumps Dekret die Teilnahme verwehrt werden müsste. Dennoch werden wohl wieder Tausende Roller-Derby-Fans aus aller Welt in die Sporthallen strömen, um ihre Stars an­zufeuern.