Vorläufig befriedet
Der »sofortige und bedingungslose« Waffenstillstand galt ab Mitternacht: Unter Vermittlung Malaysias, das 2025 den jährlich wechselnden Vorsitz des südostasiatischen Staatenbunds Asean innehat, und in Anwesenheit von Vertretern Chinas und der USA haben sich Thailand und Kambodscha am Montag in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur nach viertägigem gegenseitigem Beschuss darauf verständigt. Malaysia will helfen, die Einhaltung der Vereinbarung zu überwachen.
Nach einem von wechselseitigen Vorwürfen begleiteten Auftakt zeigten sich Phumtham Wechayachai, der seit der Suspendierung von Paetongtarn Shinawatra im Juli amtierende Ministerpräsident Thailands, und sein kambodschanischer Amtskollege Hun Manet mit ihrem Gespräch und dem Ergebnis vor der Presse zufrieden. Generelle Bereitschaft zu einer Waffenruhe hatten beide Seiten schon zuvor bekundet, nachdem sich US-Präsident Donald Trump am Samstag eingeschaltet hatte. Der hatte gedroht, die laufenden Verhandlungen über die erhöhten US-Zölle platzen zu lassen, wenn die Regierungen in Bangkok und Phnom Penh den lange zurückreichenden Grenzstreit nicht wieder deeskalieren.
Die Zahl der offiziell bestätigten Todesopfer stieg bis Montag auf über 30, Kambodscha meldet allerdings derlei immer ungern und sparsam.
Noch kurz vor dem Treffen war es zu Feuergefechten an der kambodschanisch-thailändischen Grenze gekommen. Wer genau am frühen Morgen des 24. Juli zuerst geschossen hat, ist unklar – beide Seiten behaupten, zur Verteidigung gezwungen worden zu sein. Deutlich heftiger und unpräziser war schon am ersten Tag das Artilleriefeuer von kambodschanischer Seite. Die Geschosse trafen zivile Ziele wie Wohnhäuser, eine Tankstelle und später angeblich ein Krankenhaus. Thailand, dessen überlegene Luftwaffe Kampfjets einsetzte, zielte vorrangig auf Stellungen der kambodschanischen Armee. Bisher nicht unabhängig zu überprüfen waren Vorwürfe der Regierung Kambodschas, die Royal Thai Army habe verbotene Streumunition und sogar Giftgas eingesetzt, was Thailand dementierte.
Beide Seiten hatten jeweils rund 140.000 Menschen evakuiert, allein in Thailand wurden 300 Sammellager eingerichtet. Kambodschanische Artilleriegranaten sollen nach thailändischen Militärangaben weit ins Landesinnere geschossen worden und auch nahe der Grenze zu Laos eingeschlagen sein. Die Zahl der, zumindest in Thailand vorwiegend zivilen, offiziell bestätigten Todesopfer stieg bis Montag auf insgesamt über 30, Kambodscha meldet derlei allerdings immer ungern und sparsam. Während sich thailändische Medien betont um objektive Berichterstattung bemühten, heizte die Presse in Kambodscha den Konflikt eher noch an.
Auslöser der Eskalation nach fast anderthalb Jahrzehnten Ruhe ist der Streit um den Verlauf der rund 800 Kilometer langen Grenze. Sie war noch zu kolonialen Zeiten festgelegt worden. Das Königreich Siam, das bis 1939 bestand und dessen Gebiet größtenteils dem des heutigen Thailand entspricht, konnte zwar seine Unabhängigkeit bewahren, doch sicherte sich Frankreich die Oberhoheit über die Siam umgebenden Gebiete einschließlich des heutigen Kambodscha, das 1952 unabhängig wurde. Nach einer französischen Vermessung 1907, deren Ergebnisse Siam nicht anerkannte, war der Grenzverlauf in mehreren Provinzen nie mehr neu markiert worden.
Streitobjekt ist die historische Tempelanlage Prasat Preah Vihear
Zentrales Streitobjekt ist die historische Tempelanlage Prasat Preah Vihear. Dem Hindugott Shiva geweiht und unter den Herrschern des einst mächtigen Khmer-Königreichs von Angkor errichtet und ausgebaut, hat die Tempelruine in der Vergangenheit mehrfach die Staatszugehörigkeit gewechselt. Rund um Kambodschas Antrag bei der Unesco 2008, Prasat Preah Vihear zum Weltkulturerbe zu ernennen, waren zuvor abgeflaute Spannungen neu entfacht, 2011 kam es auch zu Feuergefechten.
Nationalistische Scharfmacher spielen mit der Auslegung historischer Ereignisse. Zum Khmer-Reich hatten dereinst Teile Siams und Kambodschas gehört. Da der Internationale Gerichtshof (ICJ) Prasat Preah Vihear bereits 1962 Kambodscha zugesprochen und dies 2013 bekräftigt hatte, will die derzeitige Führung in Phnom Penh erneut den ICJ in der Sache bemühen, was Thailand ablehnt.
Wegen des Wohlstandsgefälles gibt es in Thailand zahlreiche Arbeitskräfte aus Kambodscha, die vor allem schlechtbezahlte Stellen besetzen. Eine weitgehende Grenzschließung hatte sie schon in den Wochen vor der erneuten Eskalation hart getroffen. Insbesondere evakuierte Einwohner der Grenzregion schlugen vor Reportern versöhnliche Töne an: »Wir leben mit unseren Nachbarn drüben wie Geschwister«, hieß es da von mehreren Menschen, die ihre Heimatdörfer wegen des Beschusses verlassen mussten. Bei den Friedensgesprächen in Kuala Lumpur wurde ein Treffen eines gemeinsamen thailändisch-kambodschanischen Grenzkomitees für kommenden Montag in Kambodscha geplant, um die Situation weiter zu entschärfen.