Von der Wichtigkeit, zuschlagen zu können
Mit einem Song über ein Liegemöbel wurde die britische Band Wet Leg 2021 berühmt. Im Musikvideo zu ihrer Debütsingle »Chaise Longue« gab sich die Gruppe, bestehend aus Rhian Teasdale und Hester Chambers, betont hinterwäldlerisch: Das Duo tanzt gemeinsam vor einem einsamen Landhaus in altmodisch anmutenden Kleidern und Hüten. Teasdale und Chambers kommen von der Isle of Wight. Die südenglische Insel ist bekannt für ihre besonders schöne Natur sowie ruhige und urige Dörfer. Von der Insel bis zum Festland ist es nicht weit, das Pop-Zentrum London liegt allerdings noch einige Stunden entfernt. Der Song »Chaise Longue« ging viral, das selbstbetitelte Debütalbum folgte 2022.
Indie-Rock und ironisch gefärbte Texte – it’s a match! Die Band spielte auf großen internationalen Festivals und dann auch noch im Vorprogramm von Pop-Superstar Harry Styles. Sogar zwei Grammys haben Wet Leg bereits gewonnen – unfassbar für eine solch junge Band. Die zwei Gitarristinnen sollen ihre Band spontan auf einem Riesenrad gegründet haben – eine schöne Legende, die zu den komödiantischen Songs des Debüts über feuchte Träume und Handysucht passt. Die Geschichte von »Moisturizer«, dem neuen Album von Wet Leg, wirkt hingegen wie eine Tragikomödie mit Horror-Elementen. Über drei Jahre liegen zwischen den Alben. Das ist in der heutigen Popwelt beinahe eine Ewigkeit.
Resignative Gedanken und Melancholie sind in subtiler Form auch auf dem ersten Album der Band zu finden, doch die neuen Songs von Wet Leg sind deutlich abgründiger ausgefallen.
»Is it love or suicide?« singt Rhian Teasdale mehrfach im Opener »CPR« und berührt damit gleich zu Beginn große Fragen über Liebe. Kann man in einer Beziehung man selbst bleiben oder kommt es notwendigerweise zu einer Symbiose, in der man sich gar selbst verliert? Mehr als einmal antizipieren Wet Leg intime Rauschzustände. »Moisturizer« erzählt von Flugzeugen im Bauch, Freundschaft und vermeintlich unbeschwerter Jugend.
Politische Manifeste überlassen sie anderen. In »Pond Song« geht es etwa darum, an nichts anderes denken zu können als an die große Liebe. Teasdale macht dabei Komplimente mit feministischer Botschaft: »I finally found God / When She made you, She was making art«. Im Interview mit dem britischen Guardian hat die Sängerin im Frühjahr dieses Jahres erzählt, dass ihr:e Partner:in nichtbinärgeschlechtlich sei; Teasdale ist queer, ging lange Zeit davon aus, »straight« zu sein. Ihr neues Glück hat die Texte sehr geprägt.
Aber man bekommt auf »Moisturizer« auch ein Gespür für die Kehrseite von Euphorie und Beziehungsglück. Denn die große Liebe kann auch starke Abhängigkeit bedeuten. »You’re the sun and I’m a flower«, heißt es in jenem »Pond Song«. Wenn die Sonne kein Licht mehr spendet, dann droht die Pflanze einzugehen. Im überraschend ruhigen, balladesken Stück »11:21«, in dem Wet Leg eine neue Klangästhetik ausprobieren und Teasdales Stimme äußerst verletzlich klingt, wartet das lyrische Ich zudem sehnsüchtig auf die Rückkehr der geliebten Person und weiß unterdessen nichts mit sich anzufangen.
Sexualisierte Gewalt, queere Untertöne, aufdringlichen Typen
Resignative Gedanken und Melancholie sind in subtiler Form auch auf dem ersten Album der Band zu finden, doch die neuen Songs von Wet Leg sind deutlich abgründiger ausgefallen. »Jennifer’s Body« zum Beispiel spielt auf die gleichnamige US-amerikanische Horrorkomödie aus dem Jahr 2009 an. Die Geschichte dreht sich um zwei ungleiche Freundinnen und Machtmissbrauch seitens einer mit Männern besetzten Indie-Band, in allegorischer Form geht es auch um sexualisierte Gewalt.
Der drastische Film mit Megan Fox in einer der Hauptrollen wird seit der Me-too-Bewegung neu betrachtet und positiver besprochen, heute attestiert man ihm queere Untertöne. Das Lied von Wet Leg spielt auf die Namen der zwei Protagonistinnen an und erzählt von einer intensiven Freundschaft, die eben mehr als nur bloße Freundschaft ist.
Und dann wäre da noch das schrille Post-Punk-Stück »Catch These Fists«. Teasdale singt zu Beginn kurz und unverfänglich über Sport und einen Medizinball. Der Song entpuppt sich aber wenig später als Geschichte über einen aufdringlichen Typen, der sich ihr unangenehm angenähert hat. Im Refrain werden die Fäuste geballt. Bei den jüngsten Live-Auftritten präsentierte Teasdale außerdem demonstrativ ihre Armmuskeln.
Konfrontative Stimmung
Im Interview mit BBC Radio1 erklärte die Musikerin, dass das Lied um reale persönliche Erfahrungen kreist. Sie sei mit Freund:innen auf einem Konzert gewesen, das sich wie ein »Safe Space« angefühlt habe. Nach der Show hätten sie dann eine Bar aufgesucht, Teasdale fühlte sich sofort unbehaglich und hat dort wohl negative Erfahrungen gemacht.
Das Lied erzählt über die »Verletzung der persönlichen Privatsphäre«. Auch wenn sie selbst dazu nach eigener Einschätzung noch nicht in der Lage ist: Es sei, so Teasdale, besonders für Frauen wichtig, zuschlagen zu können, um sich zu schützen. Die konfrontative Stimmung in »Catch These Fists« ist also weder Selbstzweck noch Gag, auch wenn das witzige Musikvideo das suggeriert. Verhandelt wird problematisches Verhalten von Männern im Alltag.
Wet Leg verstehen es, ernste und traurige Themen unterhaltsam und spielerisch anzusprechen. Dabei wechseln Stimmung und Tonalität mehrfach. Manche Gesten und Passagen wirken verletzlich und sensibel, andere Momente hingegen explizit und selbstbewusst. Das gilt vor allem für »Pillow Talk«, einen wütenden Song in Riot-Grrrl-Manier. Hier erwähnen Teasdale und Chambers mehrfach Calamity Jane. Die US-amerikanische Wild-West-Heldin, bürgerlich Martha Jane Canary Burke, verschaffte sich im 19. Jahrhundert Respekt in Männerdomänen. Die Gelegenheitsarbeiterin und mutige Krankenpflegerin galt als rast- und heimatlos.
Unterhaltsame Stücke mit hohem Ohrwurmpotential
Calamity Jane brach mit den Konventionen ihrer Zeit: Sie trug für Männer vorgesehene Kleidung, trank viel Alkohol und soll derbe Sprache verwendet haben. Ihre Geschichte wurde auch als Figur der Populärkultur bekannter, zum Beispiel in Lucky-Luke-Comics, der Fernsehserie »Deadwood« und jüngst in einem nach ihr benannten, 2024 veröffentlichten Kinofilm. Auch eine US-Punkband in komplett weiblicher Besetzung trägt ihren Namen.
Das Spiel mit solchen Verweisen auf Geschichte und Popkultur ist typisch für Wet Leg. Ein weiteres Markenzeichen ist Teasdales Gesang. Der wirkt oft ausgesprochen ruhig, manchmal nahezu gelangweilt. Erst im Refrain wird es lauter. Dieser Aufbau ist clever: Viele Songs sind schroff, aber einprägsam und strukturell immer poppig. »Moisturizer« enthält unterhaltsame Stücke mit hohem Ohrwurmpotential. Wet Leg haben wieder mit dem Produzenten Dan Carey gearbeitet, der schon für Caroline Polachek und die Band Franz Ferdinand tätig war.
Zwar fällt nicht jeder Song so catchy aus wie die erste Single oder besagter »Pond Song«, doch dafür zeigen Wet Leg, dass sie neben rauem Post-Punk auch tolle Gitarrenmusik mit Synthpop-Anstrich (»Pokemon«) und lässigen Indie-Rock in Pixies-Tradition mit Shoegaze-Vibes (»Don’t Speak«) beherrschen. Die mittlerweile zum Quintett angewachsene Band klingt nun viel facettenreicher als auf dem mitunter doch etwas vorhersehbaren Vorgänger.
Kontrastprogramm zum Britpop-Revival
Wie das Debüt erschien auch das neue Album zur richtigen Zeit. Gerade feiert der Britpop ein Revival: Oasis spielen ihre riesigen, restlos ausverkauften Reunion-Konzerte, die Band Pulp meldete sich mit neuer Musik zurück und sogar UK-Popstar Robbie Williams nennt sein aktuelles Programm »Britpop Tour«. Dabei spielt natürlich auch Nostalgie eine Rolle. Wet Leg liefern hier in gewisser Hinsicht das Kontrastprogramm. Nicht nur ist ihr Stil verspielter und teils albern, auch geht es bei ihnen generell nicht um Rückblicke. Im Gegenteil: In ihren Songs berichten strange und sympathische Figuren über ihre Gegenwart.
»Moisturizer« ist ein zeitgemäßes Album, dem jede Form von Nostalgie fremd ist. Mitte Juli schubste das Album dann die Single-Sammlung von Oasis vom Thron der UK-Albumcharts. Vorher hat Teasdale bei Instagram angekündigt, dass sie sich die Achselhaare entfernen werde, falls die Platte auf Platz eins landet – eine humorvolle Reaktion auf böse Kommentare bezüglich ihrer Achselbehaarung. Am Ende haben Teasdale und Chambers ihre, wie sie selbst sagen, »superpower« behalten – dafür wurden ihren männlichen Bandkollegen die Achseln rasiert.
Wet Leg: Moisturizer (Domino Records)
