07.08.2025
Nukular! Nukular! Nukular!

Homestory #32/2025

Der frühere russische Präsident Dmitrij Medwedjew stellt mit seinen rhetorisch brillanten Postings regelmäßig die Verlautbarungen Donald Trumps in sozialen Medien in den Schatten stellen. Wir Berufszyniker:innen in der Redaktion der »Jungle World« wissen dergleichen durchaus zu würdigen.

In der Redaktion Ihrer Lieblingszeitung finden sich, wie könnte es anders sein, auch einige Liebhaberinnen und Liebhaber geschliffener Rhetorik. Besondere Bewunderung ruft bei ihnen regelmäßig ein russischer Politiker hervor, der vor rund 15 Jahren als Präsident fungierte und Wladimir Putin den Rücken freihielt, bis dieser erneut den Posten übernahm: Dmitrij Medwedjew.

Mittlerweile ist er als stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrats ein eher zweit- bis drittrangiger Politiker, aber das macht er durch seine brillanten Postings insbesondere auf Telegram mehr als wett, die keinen Vergleich mit Donald Trumps Verlautbarungen in sozialen Medien, insbesondere auf seinem eigenen Kanal Truth Social, scheuen müssen, sie vielmehr regelmäßig in den Schatten stellen.

»Der Versuch, die Grenzen von 1991 wiederherzustellen, kann nur zu einem globalen Krieg mit den westlichen Ländern unter Einsatz des gesamten strategischen Arsenals unseres Staates führen. Kiew, Berlin, London, Washington und alle anderen schönen historischen Orte sind längst als Flugziele unserer nuklearen Triade einprogrammiert.« Dmitrij Medwedjew

Eine im Vergleich zu vergangenen Äußerungen eher zurückhaltende Mitteilung Medwedjews – eine Anspielung auf das russische Nuklearsystem »Tote Hand«, das auch dann noch losschlägt, wenn im Kreml bereits alle tot sind – nahm Trump zum Anlass, zwei Atom-U-Boote Richtung Russland zu entsenden. Deren Raketen hätten natürlich auch aus ihrer vorigen Position locker den Kreml in Schutt und Asche atombomben können; und welchen Nutzen es hat, die U-Boot-Verlegungen mitzuteilen, erschließt sich dem nicht eingeweihten Zivilisten nicht unmittelbar.

Immerhin, da war Medwedjew mal wieder realpolitisch wirksam, wenn auch nur indirekt und nicht in dem Sinne, den er selbst der eingebildeten russischen Tradition regelmäßig verleiht, nämlich große vaterländische Kriege gegen Nazis in der Ukraine und im Westen generell zu führen. Im vorigen Jahr hatte er beispielsweise gepostet: »Der Versuch, die Grenzen von 1991 wiederherzustellen, kann nur zu einem globalen Krieg mit den westlichen Ländern unter Einsatz des gesamten strategischen Arsenals unseres Staates führen. Kiew, Berlin, London, Washington und alle anderen schönen historischen Orte sind längst als Flugziele unserer nuklearen Triade einprogrammiert« – vermutlich, um sich ultimativ von dem »müßigen Geschwafel«, wie er es ausdrückt, »zum Thema eines herrlichen Friedens« abzugrenzen.

»Dima ist nur ein oder zwei Sauftouren davon entfernt, aus einem hohen Fenster zu fallen«

Ohne großen rhetorischen Überschwang bezeichnete er EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als »tollwütige Tante Ursula«, Mitarbeiter der US-Botschaft in Moskau als »erstklassige Missge­burten« und »Hurensöhne« und entpuppte sich als Meister des Metaphern-Overkills, als er über Leute »am Steuer des Krebsgeschwürs namens Ukraine« schrieb.

Nicht ausgeschlossen, dass seine Vorliebe für alkoholische Getränke zu seiner bemerkenswerten Beredsamkeit beiträgt. Vielleicht droht ihm aber, wie der US-amerikanische Journalist Michael Weiss mutmaßt, ein bedauerliches, für das zeitgenössische Russland aber typisches Schicksal: »Dima ist nur ein oder zwei Sauftouren davon entfernt, aus einem hohen Fenster zu fallen, um den Dritten Weltkrieg abzuwenden.«