Wellness für Briefe
Es gibt Fragen, die viel zu selten gestellt werden, und das ist schlecht, denn sonst müsste man sich der unangenehmen Tatsache stellen, dass man sich, ohne groß nachzudenken, mit den Verhältnissen arrangiert hat.
Dazu gehört die Frage, warum man denn nicht täglich den Briefkasten leert. Auf die es natürlich eine logische Antwort gibt, nämlich diese hier: »Montags kommt nie Post.«
Vielleicht haben auch Briefe ein Anrecht auf Wellness und ihnen stehen nach dem anstrengenden Ausgedruckt- und Verpacktwerden ein paar gemütliche Tage im kuscheligen Verteilzentrum zu.
Weil vermutlich irgendwer entschieden hat, dass Montage anstrengend genug sind und es nicht nett wäre, die Leute auch noch mit Briefen zu belästigen. Gut, dienstags kommt auch keine Post, da passiert nix, selbst wenn das Finanzamt hochwichtige Nachrichten in Umschläge verpacken würde, auf denen beispielsweise dick und rot stehen würde: »Muss sofort ausgeliefert werden, sonst großer Ärger!«
Vielleicht, weil auch Briefe ein Anrecht auf Wellness haben und ihnen nach dem anstrengenden Ausgedruckt- und Verpacktwerden ein paar gemütliche Tage im kuscheligen Verteilzentrum zustehen. Bevor es dann weitergeht und am Ende der Papierkorb oder ein dunkler Ordner warten, was nun auch keine schönen Aussichten sind.
Vielleicht kommt mittwochs deswegen auch keine Post, oder weil ohnehin klar ist, dass die Menschheit an dem Tag Besseres zu tun hat, als mit minikleinen, leicht verbiegbaren Briefkastenschlüsseln in renitent-schwergängigen Schlössern herumzufummeln. Statt gleich in die Wohnung zu gehen und dort schöne Dinge zu tun, wie eben keine Post zu lesen. Das gilt auch für den Donnerstag, an dem nur in Ausnahmefällen Briefzusteller im Hausflur gesehen wurden, mutmaßlich weil sie sich im Tag vertan hatten, kann ja mal vorkommen.
Aber wäre es nicht toll, wenn jeden Tag Post käme? So wie früher in der kleinen Stadt, wo der Briefträger es sich zur Aufgabe gemacht hatte, neben Briefen auch Nachrichten zu verbreiten wie die, dass Frau Dingens nun endlich doch mal eine Nachricht von ihrem in die große Stadt gezogenen Sohn bekommen hat oder Herr Dangens schon wieder mit dem Gerichtsvollzieher zu tun hat?
Nope. Lieber Verlässlichkeiten wie diese: Montags, dienstags, mittwochs keine Post. Und: Wassermelonen sind kein Umgang.