Sie kommt wieder, keine Frage
Niemand mit ein wenig zeitgeschichtlichem Wissen würde behaupten, der deutsche Staat könne nicht vergeben und vergessen – falls es um nationalsozialistisch motivierten Mord und Massenmord geht, denn damit vergibt er ja auch sich selbst. Und so könnte in absehbarer Zeit Beate Zschäpe in den Genuss staatlicher Milde kommen. Die Mitgründerin des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU), der zwischen 2000 und 2007 neun Menschen nichtdeutscher Herkunft ermordete, eine Polizistin erschoss, etliche weitere Mordversuche unternahm, zwei Bomben hochgehen ließ und 15 Raubüberfälle beging, wurde in ein Aussteigerprogramm für Neonazis aufgenommen.
Mit etwas Glück könnte Zschäpe damit den lästigen Zusatz der »besonderen Schwere« in ihrem Urteil loswerden und damit um eine vorzeitige Haftentlassung ersuchen. Ein Gericht, das die Aufrichtigkeit Zschäpes bestätigen wird, wird sich in Deutschland, wo die Behörden jahrelang die Opfer des NSU verdächtigten und sogar zu kriminalisieren versuchten, Zeugen, die auspacken wollten, überraschend Suizid begingen, und Ermittler Hinweisen auf Kindesentführung und Kindesmord durch den NSU nicht weiter nachgingen, schon finden lassen.
Und hat Zschäpe nicht auch sympathische Seiten? Sie ist immerhin Katzenliebhaberin.
Und hat Zschäpe nicht auch sympathische Seiten? Sie ist immerhin Katzenliebhaberin. War sie mit ihren beiden Serienmörder-Kollegen unterwegs, kümmerte sie sich stets um eine Betreuung für die beiden Fellnasen. Und als sie am 4. November 2011 die Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße, in der das Trio und die beiden Katzen zuletzt gehaust hatten, mit der Absicht der Spurenvernichtung in Brand steckte, brachte sie die Samtpfoten zuvor in Sicherheit.
Eine bettlägerige ältere Hausbewohnerin hingegen überließ sie den Flammen, denen diese nur mit viel Glück entging. Und wer kriegt wohl auf Instagram und Tiktok mehr Likes? Eine süße Katze oder eine bettlägerige ältere Dame? Na bitte!
Ganz sicher dürften sich Kriminalbeamte finden lassen, die für Zschäpes wundersame Wandlung zur ehrbaren Demokratin, bei der Jahrzehnte tiefster neonationalsozialistischer Überzeugung durch ein paar Kurse ausgelöscht wurden, Zeugnis ablegen. Alles andere wäre bei einer Polizei, bei der immer wieder interne neonazistische Chatgruppen auffliegen, halbe Waffenlager in unbekannte Richtung verschwinden und Kollegen, die rechtsextrem motivierte Kriminalität wie jede andere bekämpfen und aufklären wollen, schneidet und in Kündigung oder Frührente mobbt, eine Überraschung.
NSU wie ein Fisch im Wasser
Der NSU bewegte sich in Deutschland tatsächlich so, wie es Mao einst von der kommunistischen Guerilla erwartete: wie Fische im Wasser. Das lag aber nicht daran, dass Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt und eine bis heute unbekannte Zahl an Mittätern und Komplizinnen besonders gute Schwimmer gewesen wären, sondern an der Beschaffenheit der hiesigen Gewässer, sprich Gesellschaft.
Wer den totalen Wahnsinn des historischen Nationalsozialismus gut findet und nachzuahmen trachtet, findet hierzulande rasch Freunde und Unterstützer. Und daher ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass Hinterbliebene der Opfer der Mordserie des NSU bald auf offener Straße Gelegenheit haben werden, einer überlegen grinsenden Zschäpe zu begegnen.