Sudan spaltet sich erneut
Die Offensive galt der Hauptstadt. Als am 21. März die sudanesische Armee verkündete, das Regierungsviertel in Khartoum von den Rebellen der Rapid Support Forces (RSF) zurückerobert zu haben, ließ das aufhorchen. Innerhalb der darauffolgenden zwei Monaten gelang den Truppen des Militärmachthabers Abd al-Fattah al-Burhan die Rückeroberung der gesamten Dreistadt Khartoum, Omdurman und Bahri.
Die RSF-Milizen, die die Städte zwei Jahre lang belagert und große Teile des dazugehörigen Bundesstaats eingenommen hatten, mussten ihre Niederlage eingestehen und gaben ihren Rückzug bekannt. Damit endete die brutale Herrschaft der RSF-Milizen in diesem Teil des Landes, die dort zahlreiche Häuser geplündert, Zivilist:innen zwecks Lösegelderpressung entführt, zivile Einrichtungen militärisch genutzt und weitere schwere Kriegsverbrechen an der Bevölkerung begangen hatten. Die Hauptstadt ist zwar weitgehend zerstört, aber vertriebene Bewohner und auch das wirtschaftliche Leben kehren allmählich zurück.
Die Bildung der Gegenregierung ist ein Versuch, die von wachsenden internen Streitigkeiten erschütterten RSF zu disziplinieren.
Für die Menschen in der arabischen Nilstadt Khartoum war dieses Ausmaß an Gewalt neu. Die von der Hauptstadt ausgehende Unterdrückung von Aufständen und damit die brutale Kriegführung im Sudan hatte bislang nur in anderen Teilen des Landes stattgefunden. Doch mit dem seit Mitte April 2023 andauernden Krieg fiel die Taktik diverser sudanesischer Regierungen, äußert brutal agierende Milizen, die für ethnische Säuberungen, systematische Vergewaltigungen und Massaker berüchtigt sind, gegen die vor allem im Süden ansässige schwarzafrikanische Bevölkerung einzusetzen, auf sie selbst zurück. Denn die RSF-Milizen sind eine Nachfolgeorganisation der sich aus arabischsprachigen Nomaden rekrutierenden Janjaweed-Milizen, die vor der Unabhängigkeit des Südsudan gegen die dort ansässigen christlich-schwarzafrikanischen Ethnien und später im Darfur-Konflikt in den nuller Jahren gegen muslimisch-schwarzafrikanische Ethnien im Westen des Landes eingesetzt wurden.
Aus den Resten der Janjaweed wurden 2013 auf Betreiben des bis 2019 regierenden islamistischen Diktators Omar al-Bashir die RSF gegründet. Sie wurden zur Aufstandsbekämpfung im Darfur-Konflikt eingesetzt und als Gegengewicht zur sudanesischen Armee gefördert, um die Gefahr eines Militärputsches kleinzuhalten. Die Taktik ging allerdings nicht auf. 2019 setzte das Militär auf Druck der prodemokratischen Protestbewegung den Langzeitherrscher ab und eine zivile Übergangsregierung ein. Die wiederum wurde 2021 in einem von Armee und RSF gemeinsam ausgeführten Putsch beseitigt.
Lange hielt die Kooperation nicht an. Seit April 2023 ist der Machtkampf zwischen der Armee und den von Mohammed Hamdan Dagalo angeführten RSF-Milizen in einen brutalen und unübersichtlichen Bürgerkrieg eskaliert, in dem auch zahlreiche lokale Milizen auf der einen oder anderen Seite mitmischen. Einige wollen die eigene Zivilbevölkerung schützen, andere sich an Kriegsbeute bereichern, wieder andere sind in islamistischer Mission unterwegs; nur wenige bewaffnete Gruppen jedenfalls haben es geschafft, sich aus dem Krieg herauszuhalten. Zwar fallen beide Seiten mit Kriegsverbrechen auf und unterliegen deshalb US-Sanktionen, doch die RSF sind bei weitem die berüchtigtere der beiden Kriegsallianzen, weil sie die brutalen Kriegsverbrechen und Massaker der Janjaweed fortführen.
Die Hälfte der 50 Millionen Einwohner des Sudan leidet Hunger
Mit den Erfolgen der Armee in Khartoum im März gingen weitere in der Region einher. Sie konnte auch die Kontrolle über die benachbarten Bundesstaaten al-Jazirah (auch bekannt als Gezira) und al-Nil al-Abyad (Weißer Nil) zurückgewinnen und die im Landeszentrum operierenden RSF-Truppen von ihrer Machtbasis in Südwestsudan in Darfur und Kordofan abschneiden.
Dass die Armee dort siegen konnte, liegt auch daran, dass eine lokale arabischsprachige islamistische Miliz namens Sudan Shield Forces die Seiten wechselte und sich der Regierung anschloss. Nun rücken die regierungsnahen Milizen nach Westen vor und haben große Teile der Bundesstaaten Nordkordofan und Südkordofan zurückerobern können. Doch sie sind weit davon entfernt, die Belagerung von al-Fashir in Norddarfur ganz im Westen des Landes zu beenden und den darfurischen Verteidigern zu Hilfe zu kommen, die dort seit weit über einem Jahr standhalten.
In al-Fashir löste die Belagerung eine Hungersnot aus. Die Belagerten müssen sich zum Teil mit Tierfutter behelfen, weil andere Nahrung aufgebraucht ist, die medizinische Lage ist absolut katastrophal. Doch auch andernorts bleibt die humanitäre Lage äußerst schlecht. Schätzungen zufolge wird dieses Jahr etwa die Hälfte der 50 Millionen Einwohner des Sudan Hunger leiden, 14 Millionen Menschen sind Binnenvertriebene, vier Millionen sind zudem ins Ausland geflohen.
»Regierung des Friedens und der Einheit«
Die RSF sind seit ihrer Niederlage in Khartoum dazu übergegangen, die von ihnen kontrollierten Gebiete zu konsolidieren. Sie haben im Juli nach monatelangen Verhandlungen mit verbündeten Milizen eine Gegenregierung zur Regierung des Armeechefs al-Burhan ausgerufen. Ihr Name ist »Regierung des Friedens und der Einheit«, Präsident des Präsidialrats ist demnach der RSF-Anführer Dagalo, RSF-Mitglieder stellen 40 Prozent der Posten der Regierung.
Vizepräsident wurde Abdelaziz al-Hilu, ein lokaler Warlord, der einst an der Seite der südsudanesischen Aufständischen gekämpft hatte und sein Gebiet lieber dem Südsudan zugeschlagen gesehen hätte. Er kontrolliert seit 2011 weite Teile Südkordofans, darunter einige Ölfelder, und konnte infolge des Kriegs seine Macht noch ausbauen. Seine Miliz namens SPLM-N erhielt etwa 30 Prozent der Posten in der Gegenregierung, der Rest der Posten ging an kleinere Milizen, die mit den RSF verbündet sind.
Die Bildung der Gegenregierung ist ein Versuch, die von wachsenden internen Streitigkeiten erschütterten RSF zu disziplinieren, deren Zusammenhalt bislang überwiegend auf der Aussicht auf Kriegsbeute beruhte, was freilich nur funktioniert, solange man auch Kriegsbeute macht. Mit der Schwächung der RSF wird das aber immer schwieriger.