Das große Spitzentreffen
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Alle Welt scheint darauf zu warten, dass sich US-Präsident Donald Trump und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin begegnen, um darüber zu sprechen, unter welchen Konditionen die Kampfhandlungen in der Ukraine eingestellt werden könnten. Geplant ist nun ein Treffen am Freitag dieser Woche, bei dem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj offenbar nicht erwünscht ist.
Zum wiederholten Male traf sich Trumps Sonderbeauftragter Steve Witkoff vergangene Woche mit Putin. Schon die Ankündigung des kurzfristig anberaumten Treffens zwischen Trump und Putin reichte am Donnerstag voriger Woche aus, um den Aktienindex an der Moskauer Börse in die Höhe schnellen zu lassen.
Schon die Ankündigung des kurzfristig anberaumten Treffens zwischen Trump und Putin reichte am Donnerstag voriger Woche aus, um den Aktienindex an der Moskauer Börse in die Höhe schnellen zu lassen.
Die kurzzeitige Erleichterung bei börsennotierten Unternehmen ändert jedoch nichts an der Flaute, in der Russlands Kriegswirtschaft mittlerweile feststeckt. Jährliche Wachstumsraten bis zu vier Prozent erweckten in den vergangenen beiden Kriegsjahren den Eindruck, Russland habe trotz westlicher Sanktionen, oder gerade in Reaktion auf sie, ein erfolgreiches Wirtschaftsmodell entwickelt. Teile der arbeitenden Bevölkerung profitierten von gestiegenen Löhnen und durften sich in dem Glauben wiegen, dass Russlands Staatsführung Herr der Lage sei.
Auf dem Sankt Petersburger Wirtschaftsforum im Juni ließ Russlands Wirtschaftsminister Maksim Reschetnikow allerdings eine düstere Prognose verlauten: Das Land stehe kurz vor einer Rezession. Finanzminister Anton Siluanow beschwichtigte, während die Leiterin der Zentralbank, Elwira Nabiullina, den nüchtern von einer wirtschaftlichen Abklingphase sprach. Die Nachfrage sei gestiegen, aber das Angebot halte nicht Schritt, was zu einer konjunkturellen Überhitzung und zu Inflation geführt habe.
Die Konsequenzen treffen insgesamt bis zu 800.000 Beschäftigte, selbst in Großbetrieben. In den vergangenen Wochen und Monaten gingen etliche Unternehmen zu Kurzarbeit und Gehaltskürzungen über. Im Tscheljabinsker Elektro- und Metallwerk soll ab 1. September zunächst bis zum Jahresende eine Viertagewoche für 1.200 der insgesamt 10.000 Beschäftigten gelten. Der Busproduzent Liaz mit Sitz nahe Moskau kürzte die Arbeitszeit für 2.500 Beschäftigte.
Russische Automobilbranche tief in der Krise
Seit Anfang August arbeitet die gesamte Belegschaft des auf mittelgroße Transportwagen spezialisierten traditionsreichen Autoherstellers GAZ einen Tag weniger. GAZ gehört zum Industriekonglomerat Oleg Deripaskas. Die Zeitschrift Forbes führt den auf Sanktionslisten stehenden sogenannten Oligarchen auf Rang 37 der reichsten russischen Milliardäre. Das Automobilwerk des Konzerns Kamaz in der Industriestadt Nabereschnyje Tschelny kürzte für einen Teil der Beschäftigten ebenfalls die Arbeitszeiten. Als Begründung hieß es, der Markt für Lastkraftwagen in Russland sei um 60 Prozent eingebrochen.
Die Automobilbranche steckt tief in der Krise. Der Bushersteller PAZ ließ die Produktion zeitweise komplett einstellen. Teilweise stehen Entscheidungen über das weitere Vorgehen noch aus oder die Firmenleitungen nötigen die Belegschaft, Urlaub oder verlängerte Auszeiten zu nehmen, um Personalkosten zu sparen. Selbst die staatliche Eisenbahn, mit rund 700.000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber im Land, bildet keine Ausnahme: Seit Juli sind wegen rückläufiger Gütertransporte Angestellte angehalten, zwei freie Tage zusätzlich im Monat zu nehmen.
Andernorts ziehen Beschäftigte Konsequenzen und kündigen einfach. So geschehen beim Betreiber des Moskauer Flughafens Domodedowo. Seit Anfang Juli verzeichnete hauptsächlich das Management rund 200 Kündigungen. Grund dafür waren einschneidende Gehaltskürzungen: Nur noch 20 Prozent sollten als Teil der vertraglich vereinbarten Summen ausbezahlt werden, die restlichen 80 Prozent als Prämien. Das bedeutet, dass unter fadenscheinigen Vorwänden der Großteil des Verdiensts zurückgehalten wird. Die Geschäftsleitung soll im Übrigen selbst ausstehende Gehaltszahlungen jener, die gekündigt haben, zurückbehalten haben.
Seit der Verstaatlichung des zweitgrößten Moskauer Flughafens Domodedowo sind dort rund 200 Kündigungen eingegangen, hauptsächlich im Management. Grund dafür waren Gehaltskürzungen.
Die Vorfälle in Domodedowo sind besonders pikant, denn nach jahrelanger gerichtlicher Auseinandersetzungen ging der für den Passagierverkehr in der russischen Hauptstadt enorm wichtige Flughafen Mitte Juni per Beschluss eines Schiedsgerichts in staatliche Hand über. Klage gegen die aus 30 Firmen bestehende Eigentümer-Holding hatte die Generalstaatsanwalt eingereicht.
Anstoß nahm sie am Haupteigner Dmitrij Kamenschtschik und am Aufsichtsratsvorsitzenden Walerij Kogan beziehungsweise an dem Umstand, dass Ersterer die Staatsbürgerschaft der Türkei und der Vereinigen Arabischen Emirate angenommen hatte und Kogan über einen israelischen Pass verfügt. Damit stünden strategisch wichtige Objekte unter ausländischer Kontrolle, zudem flössen deren Gewinne ins Ausland, so die Argumentation der Staatsanwaltschaft, der das Urteil nun recht gibt.
Dieser Vorgang sorgte nicht nur in der russischen Geschäftswelt für erhebliches Aufsehen, denn faktisch handelt es sich hier um eine juristisch abgewickelte Verstaatlichung privaten Eigentums. Putin widersprach dieser weitverbreiteten Sichtweise allerdings vehement mit Verweis auf das jahrelange gerichtliche Prozedere und das nun vorliegende Urteil.
Kritiker wie Oleg Pantelejew, der Geschäftsführer des Think Tanks Awiaport, der Marktanalysen der Luftfahrtbranche durchführt, verwiesen auf den Umstand, dass die Privateigner den Flughafen mit erheblichen Investitionen ausgebaut hatten. Zudem habe die Staatsanwaltschaft keinerlei Beanstandungen in Hinblick auf die Qualität der Dienstleistungen und die Flugsicherheit vorgebracht. Domodedowo bildet so einen Präzedenzfall für künftige staatliche Übernahmen.
Verstaatlichung schützt nicht vor Drohnenangriffen
Doch Verstaatlichung schützt nicht vor Drohnenangriffen aus der Ukraine. Bereits im vergangenen Jahr trugen russische Ölraffinerien erhebliche Schäden davon, was 2024 den Export von Erdölprodukten über Seehäfen im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent zurückgehen ließ. Nun spitzt sich die Lage weiter zu. Nach Angriffen auf zwei Ölraffinerien des Konzerns Rosneft Anfang August in der Nähe von Samara beziehungsweise in Rjasan könnte es einen Monat dauern, um die Reparaturen abzuschließen. Bis dahin ist die Produktion eingeschränkt und Rohöl wird vermehrt ins Ausland exportiert, statt es im Inland zu verarbeiten. Nach Schätzungen der Nachrichtenagentur Reuters verlor Russland im August über acht Prozent seiner Raffineriekapazitäten. Seit Jahresbeginn stiegen die Benzinpreise um fast fünf Prozent, was über der offiziellen Inflationsrate von 4,37 Prozent liegt.
Auch die Exporteinnahmen sinken. Vom russischen Finanzministerium veröffentlichte Statistiken verweisen darauf, dass im Vergleich zum Vorjahresmonat im Juli 2025 rund ein Drittel weniger Gewinne aus dem Ölexport in den Haushalt flossen. Gemessen am Jahresbeginn beträgt der Rückgang knapp 20 Prozent. Grund dafür sind relativ geringe in US-Dollar zu zahlende Preise für Rohöl auf dem Weltmarkt, während der Rubel gegenüber dem Dollar stark im Kurs gestiegen ist.
US-Zölle gegen Indien könnten dazu führen, dass sich für das Land der Ölimport aus Russland nicht mehr rechnet und entsprechend schrumpft.
Nachdem US-Präsident Donald Trump bereits Zölle von 25 Prozent auf Importe aus Indien verhängt hatte, kündigte er am 6. August Strafzölle in Höhe von weiteren 25 Prozent gegen indische Waren an, die in 21 Tagen in Kraft treten sollten. Begründung: Indien bezieht große Mengen russischen Öls.
In der Tat stieg Indiens Importmenge aus Russland von 2021 bis 2024 von 0,1 auf 1,9 Millionen Barrel pro Tag. Hatte Indien 2022 das Öl aus Russland mit einem Preisnachlass von 15 bis 20 Dollar pro Barrel auf den Weltmarktpreis gekauft, liegt der Nachlass mittlerweile offenbar bei fünf Dollar; die US-Zölle gegen Indien könnten nun dazu führen, dass sich für das Land der Ölimport aus Russland nicht mehr rechnet und entsprechend schrumpft.
Vergangene Woche sagte Trump, wenn der Weltmarktpreis für einen Barrel Rohöl um weitere zehn US-Dollar sinken, bleibe Putin wirtschaftlich keine andere Wahl, als einzulenken und das »Töten von Menschen zu beenden«. In Russlands Propagandaapparat sieht man das anders. So rechnete das kremlnahe Online-Medium Wsgljad vor, dass Exportüberschüsse und der Import von allem, was das Land zur Kriegführung benötige, aber nicht selbst produzieren könne, zur »erfolgreichen Umsetzung der für Russland grundlegenden ukrainischen Spezialoperation« ausreiche.