Jüdisches Infotainment
Jüdische Athleten spielen und spielten in allen Bereichen des Sports eine bedeutende Rolle. Zu ihnen zählen zahlreiche international renommierte Wettkämpfer wie der US-amerikanische Schwimmer Mark Spitz, der bei den Olympischen Spielen 1972 mit sieben Goldmedaillen einen Rekord aufstellte, oder Angelica Adelstein-Rozeanu, die 17fache Tischtennis-Weltmeisterin aus Rumänien. Über diese Athleten kann man viel Interessantes im »Haus der jüdischen Exzellenz« erfahren, einem Ausstellungshaus im ungarischen Kurort Balatonfüred, der am Plattensee liegt.
Dort steht eine aus dem 13. Jahrhundert stammende Synagoge. Ursprünglich als katholische Kirche errichtet, wurde sie 1855 von der Israelitischen Gemeinde erworben und diente bis zur Verschleppung der jüdischen Einwohner im Jahr 1944 als ihr Bethaus. Niemand überlebte, und so verlor die Synagoge ihre sakrale Funktion. Im Realsozialismus wurde das Gebäude zweckentfremdet: Zuerst diente es als Busgarage, anschließend wurde es in einen Lagerraum umgebaut und schließlich in ein Restaurant umgewandelt.
Vor einigen Jahren überlegten dann Bürgermeister István Bóka und der einzige im Ort wohnende Jude, Ferenc Olti, wie man dem Bau seine alte Würde zurückgegeben könnte. Ihn wieder als Synagoge herzurichten, hätte keinen Sinn gehabt, und Holocaust-Gedenkstätten gebe es schon einige, dachten sie. Sie wollten unbedingt etwas Neuartiges erschaffen. So schlug Olti vor, über jüdische Menschen zu informieren, die auf unser heutiges Leben einen bedeutenden Einfluss haben. »Die meisten Menschen betrachten uns seit der Shoah als eine trübselige Gemeinschaft, die ständig – zweifelsohne zu Recht – um den Holocaust trauert. Es gibt jedoch viel Positives, auf die wir Juden stolz sein können«, argumentierte er.
Einige der Ausstellungsbesucher sind natürlich Juden, die sich freuen, dass es hier nicht um den Holocaust geht oder Judaika ausgestellt sind, sondern Erfolg und Zuversicht im Zentrum stehen. Die Zielgruppe ist allerdings die Mehrheitsgesellschaft. Sie soll erfahren, welchen großen Beitrag Juden zum gesellschaftlichen Fortschritt geleistet haben.
Bald wurde die Idee verwirklicht. Das Haus der jüdischen Exzellenz, das aus dem großzügig renovierten ehemaligen Bethaus und einem daneben errichteten modernen Gebäude besteht, öffnete im Jahr 2018 seine Türen. Zunächst wurde unter dem Titel »Von Einstein bis heute – Juden und Hightech« das Leben und Werk von 132 einheimischen und internationalen jüdischen Wissenschaftlern präsentiert. Der Erfolg war so groß, dass wenig später eine weitere Präsentation konzipiert wurde: Unter dem Titel »Von Chagall über Kertész bis Spielberg« geht es um großartige Künstler und Künstlerinnen jüdischer Herkunft.
Seit kurzem kommen auch Sportbegeisterte auf ihre Kosten, und zwar in der Ausstellung »Von Hajós bis Kasparow – Juden und der Sport« (der Schwimmer Alfréd Hajós war 1896 in Athen der erste ungarische Olympiasieger).
Jährlich empfängt die Institution etwa 3.000 Besucher. Die alte Synagoge dient als Auditorium und ist ein Ort für kulturelle Veranstaltungen, Filmvorführungen und Konzerte. Der Neubau ist der Ort der ständigen Ausstellung. Auch ein virtueller Rundgang ist möglich. Dazu müssen Interessierte das Museum nur formlos anschreiben, um Link und Passwort zu erhalten.
Nicht nur das Konzept ist neuartig, sondern auch die verwendete Technologie. An der Rezeption erhalten die Besucher und Besucherinnen eine Chipkarte, mit der sie an Terminals die Persönlichkeiten aussuchen können, die sie interessieren. Als Sprachen stehen Ungarisch, Englisch und Hebräisch zur Auswahl. »Wir empfehlen, nicht mehr als fünf Leute auszuwählen, da man sonst von der Menge an Informationen überfordert wird«, erklärt ein Mitarbeiter.
Eigenes Kapitel dem Schach gewidmet
Natürlich ist das kein Zwang, man darf so viele Individuen auswählen, wie man nur mag. Und die Versuchung ist groß, denn die Auswahl ist enorm. Im Bereich Sport kann man beispielsweise zwischen insgesamt 118 Olympiasiegern, Weltmeistern, Trainern, Fußballern und vielen anderen faszinierenden Sportcharakteren wählen.
Zu den Letzteren gehören Menschen wie der 89jährige Holocaust-Überlebende und Olympionike aus Israel, Shaul Ladany, der im hohen Alter nach wie vor als Geher aktiv ist. Oder László Polgár, der der Theorie folgt, dass Begabungen nicht angeboren, sondern anerzogen werden. Als Beweis dafür hat er seine drei Töchter Judit, Zsófia und Zsuzsa zu Weltklasse-Schachspielerinnen herangebildet.
Dem Schach wurde überhaupt ein eigenes Kapitel gewidmet, denn in dieser Sportart sind jüdische Menschen in besonders großer Zahl vertreten. Zu ihnen zählt der erste und bislang einzige deutsche Schachweltmeister, Emanuel Lasker: Er floh noch vor der Machtergreifung Hitlers aus der Heimat und lebte in London, den USA, in den Niederlanden und sogar eine Zeitlang in Stalins Sowjetunion. Er war nicht nur Schachspieler, sondern Mathematiker und Philosoph. In allen drei Bereichen hat er bedeutende Fachbücher publiziert. Man erfährt unter anderem, dass Lasker neben Schach auch in anderen Denkspielen wie Go oder Bridge hervorragend war und dass er in Stefan Zweigs »Schachnovelle« eine wichtige Referenzfigur für den Protagonisten ist.
Wenn die Qual der Wahl gemeistert ist, begibt man sich in die Galerie im Obergeschoss. Anstelle von Vitrinen oder Objekten findet man hier übergroße Touchscreens vor. Wenn man die Karte kurz daranhält, beginnt eine spannende und unterhaltsame Reise in die Welt der ausgewählten Personen.
Beispielsweise erfährt man, warum Mark Spitz während seiner Schwimmkarriere nie seinen Schnauzer entfernt hat, was bei Schwimmern ungewöhnlich ist. Die Antwort: Sein Coach hatte von ihm gefordert, den Oberlippenbart vor großen Wettkämpfen abzurasieren, und Spitz wollte dem Trainer beweisen, dass er auch bärtig siegen kann.
Garri Kasparow großer Befürworter von KI
Man kann auch lernen, dass der fünffache Schachweltmeister Garri Kasparow ein großer Befürworter von Künstlicher Intelligenz ist. Unter anderem berät er die Foundation for Responsible Robotics (Stiftung für verantwortungsvolle Robotik). Am Bildschirm kann man außerdem Porträts der ausgewählten Persönlichkeiten als Puzzle zusammensetzen oder sein Gedächtnis mit einem Memory-Spiel testen.
Einige der Gäste sind natürlich Juden, die sich freuen, dass es hier nicht um den Holocaust geht oder Judaika, also jüdische religiöse Gegenstände, ausgestellt sind, sondern Erfolg und Zuversicht im Zentrum stehen. Die Zielgruppe ist allerdings die Mehrheitsgesellschaft. Denn sie soll erfahren, welchen großen Beitrag Juden zum gesellschaftlichen Fortschritt geleistet haben.
Bei vielen Schulen gehört ein Besuch fest zum regelmäßigen Programm. Die vorzustellenden Personen werden vorab mit den Lehrkräften abgestimmt. Weit entfernte Schulen, für die die Anreise zu aufwendig wäre, können sich online anschließen. Das anderthalbstündige Programm basiert auf einer eigens für das Haus der jüdischen Exzellenz erarbeiteten pädagogischen Methodik. Sie soll Kinder aus der siebten und elften Klasse durch eine positive Erfahrung gegen Antisemitismus wappnen. Den Unterricht erleichtert, dass sich diese Altersgruppen mit der angewandten Technologie besonders gut zurechtfinden. Zum Abschluss gibt es ein Quiz, bei dem die Schüler und Schülerinnen Fragen zum Gesehenen beantworten; die Besten erhalten kleine Preise.
»Die meisten Kinder kommen mit den üblichen Stereotypen im Kopf, die sie möglicherweise von zu Hause mitbringen. Und dann stellen sie hier fest, dass diese Juden eigentlich ganz normale Menschen sind.« Ferenc Olti, einziger im Ort wohnender Jude
»Die meisten Kinder kommen mit den üblichen Stereotypen im Kopf, die sie möglicherweise von zu Hause mitbringen. Und dann stellen sie hier fest, dass diese Juden eigentlich ganz normale Menschen sind«, erzählt Ferenc Olti. »Meistens wundern sie sich, wie viele berühmte Sportler jüdische Wurzeln haben. Genau das ist unser Ziel«, fügt er nicht ohne Stolz hinzu. Ein Beispiel dafür ist der israelische Windsurfer Gal Fridman, der 2004 in Athen der erste Olympiasieger seiner Heimat wurde. Sein Vorname sei treffend für seine Tätigkeit, denn »Gal« bedeutet auf Hebräisch »Welle«. Das fänden die Kinder immer cool, sagt Olti.
Das Projekt ist nicht billig. Olti zufolge entstehen für die digitale Vorstellung einer einzelnen Person Kosten in Höhe von etwa 1.000 Euro. Doch zum Glück gebe es genügend Unterstützer, und auch der Staat beteilige sich. Die Reisekosten der Schulen übernimmt der ungarische Ölkonzern MOL.
»Auf keinen Fall!« antwortet Olti auf die Frage, ob die Ausstellung nicht eher als »Haus des jüdischen Übermutes« verstanden werden könnte. Denn sie zeige, wie viel die Welt verloren hätte, wenn die vorgestellten Menschen im Sinne der Nürnberger Gesetze aus der Menschheit ausgelöscht worden wären.