Der einstige revolütionäre Gehalt
Die Gegenwart, wie sie sich vor 100 Jahren für den Surrealismus darstellte, steht in einer eigentümlichen Distanz zur heutigen Gegenwart des Spätkapitalismus. Die Faszination für das urbane Leben in der Metropole und die zufälligen Begegnungen in ihr, die die surrealistische Literatur bis ins Innerste beseelte, steht im Kontrast zur urbanen Realität der postindustriellen Stadt, in der Effizienz und Kontrolle das Spontane und Ungeplante, aus dem der Surrealismus seine literarische Kraft schöpfte, verdrängt haben.
Das Bild der willkürlichen, blitzhaften und gerade darin erotischen Begegnung in der Großstadt hatte vor den Surrealisten schon Charles Baudelaire 1901 im Gedicht »À une passante« eingefangen, in dem es in der Übersetzung von Stefan George heißt: »O schöne wesenheit / Die mich mit EINEM blicke neu geboren«. Die erotische Aufladung einer solchen Begegnung samt ihrer Überhöhung sollte über zwei Jahrzehnte später bei André Breton, dem Exponenten und wichtigsten Theoretiker der surrealistischen Bewegung, zum surrealistischen Ereignis schlechthin werden. In seinem Roman »Nadja«, 1928 veröffentlicht, kündigt Breton die Begegnung mit der gleichnamigen Romanfigur in Paris an als »das Ereignis, von dem jeder zu Recht die Offenbarung des eigenen Lebenssinns erwarten darf«.
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