Jungle+ Artikel 28.08.2025
Die Zeitschrift der Surrealisten, »La Révolution surréaliste«, liegt erstmals in deutscher Übersetzung vor

Der einstige revolütionäre Gehalt

Zwischen 1924 und 1929 erschienen zwölf Ausgaben von »La Révolution surréaliste«, der Zeitschrift der Surrealisten. Nun liegt unter dem Titel »Die Sürrealistische Revolution« zum ersten Mal eine komplette deutsche ­Über­setzung der Hefte vor und gibt Anlass, über die Kunstbewegung nachzudenken, die den Verstand ausschalten wollte und dem Traum die größte Bedeutung zuschrieb.

Die Gegenwart, wie sie sich vor 100 Jahren für den Surrealismus darstellte, steht in einer eigentümlichen Distanz zur heutigen Gegenwart des Spät­kapitalismus. Die Faszination für das urbane Leben in der Metropole und die zufälligen Begegnungen in ihr, die die surrealistische Literatur bis ins Innerste beseelte, steht im Kon­trast zur urbanen Realität der postindustriellen Stadt, in der Effizienz und Kontrolle das Spontane und Ungeplante, aus dem der Surrealismus seine literarische Kraft schöpfte, verdrängt haben.

Das Bild der willkürlichen, blitzhaften und gerade darin erotischen Begegnung in der Großstadt hatte vor den Surrealisten schon Charles Baudelaire 1901 im Gedicht »À une passante« eingefangen, in dem es in der Übersetzung von ­Stefan George heißt: »O schöne wesenheit / Die mich mit ­EINEM blicke neu geboren«. Die erotische Aufladung einer solchen Begegnung samt ihrer Überhöhung sollte über zwei Jahrzehnte später bei André Breton, dem Exponenten und wichtigsten Theoretiker der surrealistischen Bewegung, zum surrealistischen Ereignis schlechthin werden. In seinem Roman »Nadja«, 1928 veröffentlicht, kündigt Breton die Begegnung mit der gleichnamigen Romanfigur in Paris an als »das Ereignis, von dem jeder zu Recht die Offenbarung des eigenen Lebenssinns erwarten darf«.

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