28.08.2025
Mehr als zehn Millionen Menschen aus dem Bürgerkriegsland sind auf der Flucht

Sudan: Kein Ausweg

Die UN beschreiben die Lage im Sudan als die »schlimmste humanitäre Krise der Welt«. Über zehn Millionen Menschen sind dort auf der Flucht. Die EU arbeitet seit Jahren intensiv daran, zu verhindern, dass Flüchtlinge aus Ostafrika nach Europa gelangen.

»Gut« sei die Lage, sagte der Armeesprecher Ahmed Hussein Mustafa am Montag dem Sudan Tribune. »Unerschütterlich« trotze die sechste Infanteriedivision der sudanesischen Regierungsarmee den Angriffen auf ihr Hauptquartier in al-Fashir, der Hauptstadt des sudanesischen Bundesstaats Darfur. Seit rund einem Jahr wird die Stadt von den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) belagert, die 2023 der Regierungsarmee den Krieg erklärt haben.

Zuletzt eskalierten die Kämpfe in al-Fashir: 700 bis 1.000 Drohnen und Artielleriegeschosse habe die RSF seit Mitte August täglich auf die Stadt abgefeuert, so der Armeesprecher Mustafa. Dabei gerieten immer stärker auch die rund 190.000 Menschen in Gefahr, die vor den Kämpfen in das Camp Abou Shouk im Norden der Stadt geflüchtet waren. Allein zwischen dem 10. und 20. August wurden dort mindestens 89 Zivilist:innen getötet, so die UN. »Besonders entsetzt sind wir darüber, dass es sich bei den jüngsten Morden an Zivilisten offenbar in 16 Fällen um Massenhinrichtungen handelt«, sagte Jeremy Laurence, der Sprecher des UN-Menschenrechtskommissars. Am Montag seien die RSF ins Camp vorgestoßen und kontrollierten nun etwa die Hälfte Abou Shouks. Die Miliz habe »Bewohner gewaltsam vertrieben, Häuser geplündert und etwa 30 Menschen entführt, darunter Frauen und Kinder«, so der Sudan Tribune.

Es war die EU, die 2016 den Präsidenten des Sudan, den international geächteten Diktator und Kriegsverbrecher Omar al-Bashir, rehabilitierte und ihn als Grenzschutzpartner aufbaute.

Rund vier Millionen Menschen sind dem Krieg in Nachbarländer entflohen, die meisten nach Ägypten (circa 1,5 Millionen), Südsudan (circa 1,2 Millionen) und Tschad (circa 900.000). 7,6 der rund 50 Millionen Sudan­es:in­nen aber wurden innerhalb des Lands vertrieben. Rund 30 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, über die Hälfte der Bevölkerung leidet unter akuter Nahrungsmittelunsicherheit. Um die Lage im Land zu beschreiben, gehen den UN langsam die Superlative aus. Es herrsche die »schlimmste humanitäre Krise des 21. Jahrhunderts«, »nie dagewesener Hunger«, die Lage sei »absolut verheerend«, heißt es. Und als sei das nicht genug, meldeten die UN Anfang August neue Ausbrüche von Cholera, mit Tausenden Fällen sowohl im Land selbst als auch in den Flüchtlingslagern im Nachbarland Tschad. Unbehandelt führt die Infektionskrankheit in rund der Hälfte der Fälle zum Tod.

Nach Angaben des Center for Global Development in Washington, D.C., ­haben die Kürzungen bei der US-Hilfsagentur USAID die Hilfe für Sudan schwer getroffen. »Als die von den USA unterstützten Suppenküchen schließen mussten, hungerten Babys still vor sich hin, berichteten ihre Mütter, während ältere Geschwister beim Betteln um Essen starben«, schrieb die Washington Post Ende Juni. Die UN beziffern den Fehlbetrag für humanitäre Sudan-Hilfe in diesem Jahr auf derzeit 3,1 Milliarden Euro. »Aufgrund der jüngsten Kürzungen finanzieller Mittel hatten viele unserer Partner im Bundesstaat Khartoum und anderen Teilen des Sudan keine andere Wahl, als ihre Hilfsmaßnahmen einzuschränken«, sagte der Unicef-Sprecher Sheldon Yett.

Die gestrichenen Mittel sind dabei nur eines der Probleme. Denn seit Kriegsbeginn wurden mehr als 90 Mit­arbeiter:in­nen von Hilfsorganisationen getötet. »Angriffe auf klar gekennzeichnete Hilfskonvois und Einrichtungen sind inzwischen erschreckend häufig«, so Yett. Im August 2025 habe er ein Unicef-Lager für Hilfsgüter besucht. »Alles, was ich sah, waren zerstörte Akten, zerstörte Vorräte, zerstörte Unicef-Fahrzeuge. Das zeigt nur, wie gewaltsam die Kämpfe hier gewesen sind.«

Der Krieg im Sudan hat viel mit Europa zu tun

Im Mai hat die Regierungsarmee die RSF aus der Hauptstadt Khartoum vertrieben, rund 190.000 Menschen sind im Verlauf dieses Jahres von Ägypten nach Sudan zurückgekehrt. Doch dass die RSF Ende Juli eine »Parallelregierung« ausriefen, lässt keine bal­dige Friedenslösung erwarten.

Der Krieg im Sudan hat viel mehr mit Europa zu tun, als vielen bewusst ist. Nach Jahrzehnten der Diktatur und des Bürgerkriegs war es die EU, die 2016 den Präsidenten des Sudan, den international geächteten Diktator und Kriegsverbrecher Omar al-Bashir, rehabilitierte und ihn als Grenzschutzpartner aufbaute, um die Fluchtroute vom Horn von Afrika zu blockieren. Davon profitierte auch sein Mann fürs Grobe: General Mohammed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, der »Schlächter von Darfur« und Anführer der RSF-Milizen.

Es war die Geburtsstunde des sogenannten Khartoum-Prozesses, eines bis heute existierenden Bündnisses, in dem die Staaten Ost- und Nordafrikas von der EU Geld bekommen, um Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa aufzuhalten. Geburtshelfer war das in Wien ansässige International Centre for ­Migration Policy Development, das die Kooperation bis heute als eine Art ­diplomatischer Dienstleister managt. Die sudanesische Regierung unter dem Kriegsverbrecher al-Bashir wurde Mitglied des Steering Committee, des Leitungsgremiums.

EU-Hauptziel: Flüchtlingsabwehr

Schon früh war klar, wen al-Bashir einsetzen würde, um seine Verpflichtungen aus dem Deal zu erfüllen, der für ihn der Weg zurück zur diploma­tischen Normalität war: jene, die ihm schon zwischen 2003 und 2008 beim Völkermord in Darfur geholfen hatten, die RSF-Milizen. Die wurden seither immer stärker. Bashir stürzte 2019, doch bereits 2023 beteiligten sich die RSF an einem Putsch gegen die zivile Regierung.

Auch das Handeln der EU hat also zur heutigen Misere beigetragen, auch wenn es heutzutage vor allem die Ver­einigten Arabischen Emirate und Russland sind, die mit Militärhilfe für die beiden Konfliktparteien den Krieg weiter anheizen.

Die EU hatte sich von al-Bashir einst vor allem Hilfe bei der Abwehr von Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea gewünscht. Heutzutage flüchten aus keinem Land mehr Menschen als aus dem Sudan selbst. Doch nur sehr we­nige schaffen es in die EU: Gerade einmal 3.400 Sudanes:innen stellten EU-weit von Januar bis Mai einen Asylantrag. Die Aussichten auf Erfolg sind dabei hoch: Rund 75 Prozent erhalten den Schutz.

Am 14. August untersagte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) es der griechischen Regierung vorläufig, acht Flüchtlinge aus dem Sudan abzuschieben, die im Juli auf Kreta angelandet waren.

Kaum etwas fürchtet die EU mehr, als dass ein nennenswerter Teil der Sudan-Flüchtlinge über ihre Grenzen gelangt. Das ist einer der Gründe dafür, dass sie im vergangenen Jahr ein »Partnerschaftsabkommen« mit Ägypten schloss. 7,4 Milliarden Euro stellte sie der dortigen Regierung in Aussicht – mehr als je zuvor ein Land für einen Migrationsdeal erhalten hat. Mit besonderem Argwohn wird deshalb registriert, dass eine steigende Zahl von Sudanes:innen Ägypten nun wegen der Schwierigkeiten bei der ­Erlangung eines Aufenthaltstitels in Richtung Libyen verlässt – und ein Teil von ihnen nach Europa weiterzieht.

Auf keinem Weg kamen in diesem Jahr mehr Geflüchtete nach Griechenland als auf der Route von Ostlibyen nach Kreta. Rund 7.000 der etwa 17.000 bis Juni Angekommenen reisten hier ein; 27 Prozent davon waren Sudanes:innen. In absoluten Zahlen sind das nicht viele, rund 2.400 ins­gesamt. Doch es könnten mehr werden – und das will die griechische Regierung unbedingt verhindern. Entsprechend hart geht sie gegen die Ankommenden vor: Im Juli setzte die ­Regierung die Annahme von Asylanträgen von aus Nordafrika Eingereisten aus.

Am 14. August untersagte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) es der griechischen Regierung vorläufig, acht Flüchtlinge aus dem Sudan abzuschieben, die im Juli auf Kreta angelandet waren. Alle hatten Asylanträge gestellt, die Asylbehörde aber hatte sich geweigert, diese anzunehmen. Die Polizei hatte daraufhin ihre Abschiebung in den Sudan oder das Transitland Libyen angeordnet.