04.09.2025
‍Konkurrenz um Rohstoffvorkommen – neue Pläne für Atomreaktoren auf dem Erdtrabanten

Die Weltmächte greifen nach dem Mond

Die USA, China und Russland verfolgen Pläne, auf dem Mond Forschungsstationen zu errichten, die durch Atomreaktoren betrieben werden. Deren Risiken scheinen dabei keine große Rolle zu spielen.

Die Nasa will bis Anfang 2030 einen Atomreaktor auf dem Mond errichten. Zumindest verkündete Sean Duffy, Verkehrsminister und Interimsleiter der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde, diesen Plan Anfang August. Damit sollen Mondstationen, wahrscheinlich dann auch bemannte, zuverlässig mit Strom versorgt werden, vor allem in den zweiwöchigen Mondnächten, in denen Solar­module keinen Strom liefern. Bereits seit einigen Jahren läuft das Projekt Fission Surface Power der Nasa, bei dem ein kleiner ­40-Kilowatt-Reaktor für den Mond entwickelt wird. Die neuen Pläne sehen einen strafferen Zeitplan und mit 100 Kilowatt einen größeren Reaktor vor.

Auch China entwickelt in Kooperation mit Russland die unbemannte Forschungsstation International Lunar Research Station (ILRS) in Modulbauweise mit Atomkraftwerk. Jurij Borissow, der Leiter der russischen Weltraumbehörde Roskosmos, hatte bereits vor einem Jahr derartige Pläne umrissen. Bis 2035 würden die Bauteile auf den Mond geschickt, prophezeite Borissow. Solarmodule, die in der Raumfahrt zum Einsatz kommen, und Batterien könnten angeblich nicht genug Energie produzieren und speichern, um die Mondnächte zu überbrücken.

Der Erdtrabant ist reich an Bodenschätzen. Seine Gesteine enthalten unter anderem Sauerstoff, Seltene Erden und Helium-3.

Was wie Science Fiction klingt, hat einen ökonomischen Hintergrund. Die geplanten Forschungsarbeiten kaschieren nur notdürftig, dass es den drei Weltraummächten langfristig um die Rohstoffvorkommen auf dem Mond geht. Der Erdtrabant ist reich an Bodenschätzen. Seine Gesteine enthalten unter anderem Sauerstoff – was auch als Raketentreibstoff und zur Wassergewinnung gebraucht wird –, Seltene Erden und Helium-3. Das auf der Erde seltene Isotop könnte als Energiequelle der Zukunft interessant sein, und zwar als Brennstoff für neue Fusionsreaktoren, sagte Bernard Foing von der Europäischen Weltraumagentur ESA dem Deutschlandfunk.

Die atomaren Mondpläne rufen eine Debatte der sechziger Jahre ins Gedächtnis. Da ging es nicht um Atomkraftwerke, sondern um die Kehrseite der Atomkraft, den Atommüll: Könnte man den nicht einfach ins Weltall schießen? Robert Gerwin, Wissenschaftsjournalist und Befürworter der Atomkraft, sah früh die Atommüllproblematik als großes Hindernis für die Atomkraftnutzung und rühmte 1963 den Vorschlag eines sowjetischen Atomphysikers, den Atommüll mit Raketen in den Weltraum zu schicken, als den »zweifellos zuverlässigsten Weg«, so Joachim Radkau 1983 in seinem Buch »Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945–1975«. Auch in den USA gab es derartige Überlegungen, den Atommüll in die Sonne zu schießen.

Daraus wurde glücklicherweise nichts, zu groß waren und sind die Risiken. Allein im Jahr 2021 scheiterten elf von 146 Raketenstarts weltweit, im Jahr 2024 waren es nur sechs von 261 geplanten Weltraumstarts, was schon als großer Erfolg gefeiert wurde. Wäre eine Trägerrakete mit hochradioaktivem Atommüll bestückt, dann würde das bei einem Fehlstart der Explosion einer gewaltigen schmutzigen Bombe gleichkommen, bei der radioaktives Material in der Umgebung verteilt wird.

Schon jetzt ist der Erdorbit voller Weltraummüll

Das war einer der Gründe, warum die Sowjetunion 1959 von den durchgeknallten Plänen abrückte, als Machtdemonstration im Kalten Krieg auf dem Mond eine Atombombe zu zünden. Sie hatte erwogen, die R-7-Interkontinentalrakete so zu modifizieren, dass sie über die gigantische Distanz von mehr als 380.000 Kilo­metern eine Atombombe bis zum Mond hätte befördern können, berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk 2020. Das Projekt sei wahrscheinlich aufgegeben worden, da die Sowjetunion doch gemerkt habe, dass selbst die normalen Raketenstarts noch sehr riskant waren. Ohne Atombomben seien viele R-7-Raketen noch auf dem Startplatz explodiert.

Auch nach einem geglückten Start würde einem Transport atomaren Materials Gefahr im erdnahen Weltraum drohen. Nach Angaben der Deutschen Raumfahrtagentur umkreisen bereits jetzt etwa 40.000 katalogisierte Teile die Erde in einer Umlaufbahn. Erfasst wurden Objekte, die einen Durchmesser von mindestens zehn Zentimetern haben. Anhand von Modellen – wie etwa dem in Deutschland entwickelten Master-Modell der ESA – wird geschätzt, dass sich insgesamt etwa eine Millionen Müllteile, die größer als ein Zentimeter, und 130 Millionen Teilchen, die größer als ein Millimeter sind, in der Erdumlaufbahn befinden.

Typische Beispiele für Weltraummüll sind demnach ausgediente Raketenoberstufen und abgeschaltete Satelliten, aber auch das 2008 verlorene Werkzeug der Astronautin Heidemarie Stefanyshyn-Piper. Zahlenmäßig den größten Beitrag machten jedoch Trümmerteile aus, die durch Explosionen, das Auseinanderbrechen von Raumfahrzeugen oder Kollisionen im Orbit entstehen.

Noch ist kaum nukleares Material im Erdorbit registriert worden. Das kann sich allerdings ändern, wenn der Mond als Rohstoffbasis ausgeplündert werden soll.