04.09.2025
Linke Kritik – Annette Schlemm versucht eine rettende Kritik des Fortschritts

Geht was voran?

Die Linke hat die Zukunft aufgegeben, kritisiert die Physikerin und Philosophin Annette Schlemm. In ihrem Buch »Fortschritt als Fehlschritt?« plädiert sie für einen emanzipatorischen Optimismus. Kann die gute alte Dialektik helfen?

Früher war alles besser – allenfalls mit Ausnahme der Medizin und der Graphik von Videospielen. So weiß es der gesunde Menschenverstand, den Rechte und Reaktionäre bekanntlich für sich gepachtet haben. Linke hingegen verstanden sich ­lange als Vorkämpfer des Fortschritts, wie heute noch die verbreitete Selbstbezeichnung als »progressiv« bezeugt.

Doch das war einmal: Längst gilt es als unerlässlich für jede ernstzunehmende Gesellschaftskritik, den Fortschritt in Grund und Boden zu dekonstruieren (und die ganze Aufklärung am besten gleich mit). Betrieben nicht Kolonialisten und Imperialisten ihre Politik im Namen des Fortschritts, ebenso wie Stalinisten, Maoisten und auch Faschisten? Auf den Fortschritt beruft sich, wer sich sicher ist, auf der richtigen, der Siegerseite der Geschichte zu stehen – und muss dann all jene bekämpfen, die sich diesem Fortschritt entgegenstellen, auch wenn sich dabei leider, leider gewisse menschliche Härten nicht vermeiden lassen.

Mit verständlichem Befremden reagiert Schlemm auf die gegenaufklärerischen und im Grunde reaktionären Tendenzen, die seit den Blütezeiten der Postmoderne in der Linken um sich greifen.

Es ist ein Gemeinplatz, dass die Katastrophen des 20. Jahrhunderts dem Fortschrittsoptimismus ein Ende bereitet haben. Statt Wohlstand und Freiheit für alle oder doch die meisten brachte es eine unvorstellbare Vernichtung von Menschenleben und totalitäre Regime, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Bald darauf machten Umweltzerstörung und die sich abzeichnende Erderwärmung offensichtlich, dass die Steigerung der Produktivkräfte nicht automatisch mehr Probleme löst als erzeugt. Und zuletzt rückte die neuere Kritik an Rassismus, Sexismus und Antisemitismus auch viele einst verehrte Helden des Fortschritts und Verfechter der guten Sache in ein wenig vorteilhaftes Licht.

Linke, die sich weder einem der realsozialistischen Regime noch der Sozialdemokratie, die sich nur noch mit Reformen am Kapitalismus beschied, anschließen wollten, befanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg in einer aussichtslosen Lage. Eine realistische Hoffnung, in absehbarer Zukunft eine bessere Gesellschaft zu erstreiten, bestand nicht mehr – und selbst die unrealistische ging in den Niederlagen der Achtundsechzigerbewegung und ihrer Ausläufer unter.

Linksradikalismus fungiert seither nicht mehr als zumindest potentiell gesellschaftsverändernde Kraft, sondern verschafft nur noch einem dahinschmelzenden minoritären Milieu ein Gefühl von moralischer und intellektueller Überlegenheit, weil es die bestehende »Gesamtscheiße« (Marx) als das erkennt, was sie ist.

Hilflose Besserwisserei

Doch solcher Selbstvergewis­serung, die kaum je in die Verlegenheit kommt, sich praktisch bewähren zu müssen, sind allzu gründliche theoretische Anstrengung oder Selbstkritik nicht zuträglich. Wer ohnehin hilflos ist, kann es sich ebenso gut in hilfloser Besserwisserei bequem machen und nach Herzenslust »dagegen« sein, ohne noch ernsthaft rationale Maßstäbe der Kritik auszuweisen.

Die Erinnerung an den einst gehegten Fortschrittsglauben geriet zur narzisstischen Kränkung. Fast scheint es, als habe die Linke es nicht verschmerzt, sich auf der Verliererseite der Geschichte wiederzufinden, und eine Art geistigen Eifersuchtsmord unternommen: Wenn der Fortschritt nicht mein sein kann, soll auch niemand sonst ihn haben! Jene Linken, die sich nicht (wenn auch nur »in einem Land«) zu Tode triumphieren konnten wie Bolschewisten und ­Befreiungsnationalisten, scheiterten so in einen vielleicht vorläufigen, aber jedenfalls vorläufig unentrinnbaren Untod hinein.

Aber auch für eine derart zombifizierte Linke bleibt die Zeit nicht stehen. Ihre Hilflosigkeit angesichts der globalen Zustände lässt die Widersprüche der Fortschrittsfeindlichkeit immer deutlicher hervortreten: Wie will man politische Wirksamkeit zurückerlangen, zumal zugunsten der Verlierer der bestehenden Ordnung, wenn man in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und eine bessere Gesellschaft nur ein ideologisches Werkzeug sehen kann, das Macht­ansprüche verschleiern soll? Schreibt man hingegen die Hoffnung auf ­politische Wirksamkeit ab, bleibt als Hauptinhalt linksradikaler Debatten nur die Frage, wer am besten erklären kann, warum alles vor die Hunde geht, und daher nach eingetretener Katastrophe am lautesten wird rufen können: »Ich habe es gewusst!«

Eine Gesellschaft ohne Not, Unterdrückung und Gewalt

In dieser deprimierenden Lage gewinnt der Fortschrittsbegriff neue Attraktivität. Wäre eine Gesellschaft ohne Not, Unterdrückung und Gewalt nicht doch in einem prägnanten Sinn ein Fortschritt? Schreiten Wissenschaft und Technik nicht doch stetig voran, wenn auch ihre gesellschaftliche Nutzung unter derzeitigen Verhältnissen vor allem Verwüstung nach sich zieht? Ist die radikalste Kritik am Ende vielleicht gar nicht die, die auch noch den Boden unter den eigenen Füßen eskamotiert, um in Relativismus und Irrationalismus zu versinken, sondern jene, die sich zumutet, an Vernunft und Universalismus festzuhalten?

Nachdem Rahel Jaeggi 2023 ihre Monographie »Fortschritt und ­Regression« veröffentlichte, hat nun Annette Schlemm unter dem Titel »Fortschritt als Fehlschritt?« ihre »rettende ­Kritik« (so der Untertitel) des Fortschrittsbegriffs vorgelegt. Sie erscheint in der Reihe »Theorie.org« des Schmetterling-Verlags, die sich seit über 20 Jahren bemüht, »Zugänge zu linker Theorie und Geschichte ohne allzu große Hürden und Voraussetzungen« zu eröffnen und, da »linke Traditionen abgebrochen sind«, in ihnen »einstmals weit verbreitetes Wissen« vor dem Vergessen bewahren. Da kommt der Band im rechten Moment, denn, wie Schlemm mit Bezug auf die frühe Aufklärung feststellt, »wir stecken wie viele dieser ersten Denker des Fortschritts in düsteren Zeiten und suchen einen Ausweg«.

Die Physikerin und Philosophin Schlemm eröffnet das Buch mit einer kurzen Erinnerung an ihre Kindheit und Jugend in der DDR. Der »wissenschaftliche Sozialismus« meinte noch, den unaufhaltsamen Fortschritt auf seiner Seite zu haben; daran, mit welcher Vorsicht solche Gewissheiten zu genießen sind, muss nun der Kapitalismus erinnert werden.

Sammlung von Lektürenotizen

Mit verständlichem Befremden reagiert Schlemm auf die gegenauf­klärerischen und im Grunde reaktionären Tendenzen, die seit den Blütezeiten der Postmoderne in der Linken um sich greifen. Dagegen greift sie auf die gute, alte Dialektik zurück. Natürlich muss die Linke die Rechtfertigungen widerlegen, die beispielsweise der Kolonialismus im Namen des Fortschritts erfahren hat; wer dabei jedoch den Begriff des Fortschritts selbst verwirft, kann auch die Überwindung des Kolonialismus nicht mehr als Fortschritt ansehen. »Je schlechter die Bilanz, desto mehr sehen wir daran, dass wir uns etwas Besseres vorstellen können und wünschen und deshalb verwirklichen wollen – dies wäre dann das Fortschreiten.«

Allerdings gelingt es Schlemm nur bedingt, die Positionen und Argumente, über die sie einen Überblick geben will, greifbar zu machen. ­Viele Passagen lesen sich eher als eine Sammlung von Lektürenotizen denn als kohärente Einführung, insbesondere in den ersten Kapiteln. Dort klappert sie die großen Namen der abendländischen Geistesgeschichte ab, denen sie aber nur derart knappe Darstellungen widmet, dass man allzu oft die zitierten Quellen konsultieren müsste, um recht zu verstehen, was gemeint ist.

Das bessert sich ein wenig, sobald das Buch in der Neuzeit und insbesondere bei Marx ankommt, doch auch dann beißt sich die strikt themenorientierte Struktur des Texts mit seinem stets auf einzelne Quellen fixierten Inhalt. Selbst die Positionen der am häufigsten auftauchenden Autoren werden kaum zusammenhängend dargestellt, stattdessen dürfen sie verstreut über diverse Abschnitte einzelne Sätzchen zum jeweiligen Thema aufsagen. So gewinnen die diskutierten Denker kaum Profil, und es fehlt meist der gedankliche Kontext, in dem sich die eigentliche Bedeutung der Zitate erst erschlösse.

Bodenständiger Realitätsbezug

Dass Schlemm bei der Auswahl der neuzeitlichen Quellen einen starken Fokus auf die deutschsprachige Tradition legt, ist in einem schmalen Einführungsband eine legitime Entscheidung, doch wäre zumindest eine kurze Reflexion der damit verbundenen Einschränkungen wünschenswert gewesen. Immerhin ist die Kritik am Eurozentrismus für das Thema bedeutend und wird auch diskutiert; das Buch könnte indes als Beleg dafür dienen, wie herausfordernd es ist, auch nur einer germanozentrischen Perspektive gerecht zu werden.

Positiv fällt auf, dass Schlemm nicht dazu neigt, sich in jargonbeladenem Geschwurbel zu verlieren – alles andere als selbstverständlich für linke Theorie, zumal deutschsprachige –, und mit ihrem bodenständigen Realitätsbezug dem aufklärerischen, historisch-materialistischen Denken die Treue hält. Die Irrationalität des Kapitalismus lässt Schlemm klar hervortreten, wenn sie etwa darauf hinweist, dass er uns mit vollem Tempo in eine ökologische Katastrophe planetaren Ausmaßes hineintreibt – während das von ihm generierte Wirtschaftswachstum nicht einmal mehr das Leben der meisten Menschen zu verbessern verspricht.

Auch wird deutlich, auf welche Irrwege die linke Fortschrittsfeindlichkeit geraten ist, die die Geschichte des linken, des kritischen und aufklärerischen Denkens ignoriert: »Wir bekommen die Widersprüchlichkeit des Fortschritts nicht los, indem wir den Fortschritt selbst auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen. (…) Wenn es keine vernünftige, emanzipative Alternative gibt zum schlecht-Gegebenen, wird die Sehnsucht danach aufgesogen durch reaktionäre Kräfte.«


Buchcover

Annette Schlemm: Fortschritt als Fehlschritt? Eine rettende Kritik. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2025, 203 Seiten, 15 Euro