04.09.2025
Mieterparadies Österreich? Die Hauptstadt der Alpenrepublik gilt als Vorreiter bei der Erhaltung erschwinglichen Wohnraums

Wohnen in Wien

Die Hauptstadt Österreichs gilt europaweit als Vorreiter bei der Erhaltung erschwinglichen Wohnraums. Und das tut städte­baulichem Ehrgeiz keinen Abbruch: Sogar Freibäder auf Hochhausdächern haben die Wiener.

Dass Wohnen ein menschliches Grundbedürfnis ist, würde über die Grenzen der politischen Lager hinweg wohl niemand bestreiten, wenngleich sich die Strategien zur Erfüllung desselben deutlich unterscheiden. Die steigenden Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren gehen nicht zuletzt auf die Teuerung der Wohnkosten zurück, die insbesondere in Metropolen ungebrochen voranschreitet. Wie eine Gesellschaft die Bereitstellung von Wohnraum und den Zugang zu ihm organisiert, welche Rolle hierbei dem freien Markt oder eben gemeinnützigen Bauträgern zukommt, sind elementare Fragen, um urbane Räume nach universalistischen Ansprüchen zu gestalten.

Besser als Berlin, London oder Rom gelingt es Wien, Wohnraum für breite Schichten bezahlbar zu machen. Dass dabei auch neue Herausforderungen wie Migration, Alterung und Klimawandel zu berücksichtigen sind, steht außer Frage. Die diesjährige Architektur-Biennale in Venedig unter dem Motto »Intelligens. Natural. Artificial. Collective« etwa sucht nach Antworten, wie eine Stadtplanung der Zukunft aussehen könnte. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Nachhaltigkeit und Bewältigung des Klimawandels.

Die Anfänge des Wiener Wohnungsbaus sind von den Ideen der Emanzipation und Integration geprägt. Mit dem Einküchenhaus etwa sollte die Haushaltsarbeit in Gemeinschaftsräume verlegt und die Isolation von Frauen in der häuslichen Sphäre aufgehoben werden.

Wie das bessere Wohnen auch für ärmere Haushalte erschwinglich bleiben kann, ist eine Frage, mit der sich die Installation »Agency for Better Living« zu Geschichte und Gegenwart der Wiener Wohnungspolitik im österreichischen Pavillon beschäftigt. Das Projekt vergleicht dabei die Wohnungspolitik Wiens mit der Roms, einer Stadt, in der öffent­liche Planung durch politische Kurswechsel, informelle Absprachen und Privatisierung geprägt ist.

Ihre Anfänge hat die besondere Wohnungspolitik der österreichischen Hauptstadt im »Roten Wien« der Zwischenkriegszeit. Die sozialdemokratische Stadtregierung reagierte in den Jahren zwischen 1919 und 1934 mit dem Bau von über 65.000 Wohnungen auf die soziale Not der Lohn­arbeiter:innen, deren teils desolate Lage in einigen am Stadtrand errichteten wilden Siedlungen ihren Ausdruck fand. Gigantische Bau­projekte wie der Karl-Marx-Hof oder der Sandleitenhof mit jeweils über 1.200 Wohnungen gehen auf diese Zeit zurück. Finanziert wurden diese Bauten über neu eingeführte Steuern auf Luxusgüter und über die »Wohnbausteuer«, eine progressive Besteuerung von Immobilieneigentum.

Bemerkenswert ist, dass das Konzept der sogenannten Gemeindebauten nicht nur auf die bloße Bereitstellung von Behausungen für Proletarier abzielte, sondern durch Bibliotheken, Bade- und Waschmöglichkeiten, Grünflächen, Kindergärten und Veranstaltungsräume auch die Lebensqualität der Menschen zu verbessern suchte.

Neue materielle Formen des Zusammenlebens

Die Anfänge dieses Wiener Wohnungsbaus sind von den Ideen der Emanzipation und Integration geprägt. Mit dem Einküchenhaus etwa sollte die Haushaltsarbeit in Gemeinschaftsräume verlegt und die Isolation von Frauen in der häuslichen Sphäre aufgehoben werden. Dieses Reformmodell wurde in der Wohnungsgenossenschaft Heimhof, die explizit alleinstehenden erwerbstätigen Frauen zugedacht war, umgesetzt und 1938 von Nationalsozialisten revidiert. Das Zentralküchenhaus wurde aufgelöst, Juden und bekannte Sozialdemokraten wurden hinausgeworfen, die Wohnungen bekamen kleine Einzelküchen.

Neue materielle Formen des Zusammenlebens waren für die Planer des Roten Wien also von großer Bedeutung. Auch wenn die Entwürfe nicht an den Grundfesten patriarchaler Herrschaftszusammenhänge rüttelten, zeigt sich hier, wie funktionale Architektur die Lebensqualität wenig betuchter Mieter verbessern konnte.

Im heutigen Wien nimmt der Druck auf den Wohnungsmarkt zu. Die Stadt ist dennoch ein Beispiel dafür, welche Interventionsmöglichkeiten staatliche oder städtische Bauträger besitzen, um die Bewohner vor der Finanzialisierung von Wohnraum und seinen Folgen zu schützen. Rund ein Viertel der zwei Millionen Einwohner Wiens lebt in den von der Stadt vermieteten Gemeindebauten und zahlt damit nicht mehr als 7,50 Euro pro Quadratmeter an Kaltmiete. Ein weiteres Viertel wohnt in gefördertem Wohnbau und in Genossenschaften, deren Mieten im Schnitt nur marginal höher ausfallen. Anrecht auf eine Gemeindebauwohnung hat jede Person, die mindestens 18 Jahre alt ist, seit zwei Jahren offiziell in Wien gemeldet ist und weniger als 56.000 Euro Jahresgehalt hat.

»Wien ist oft ein Vorbild für Berlin, gerade im Hinblick auf den Wohnungsbau.« Ulrike Hamann, Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins

Das wiederum dämpft die Nachfrage auf dem freien Wohnungsmarkt. Weil dazu ein ausgeprägter Mieterschutz kommt, profitieren auch jene, die in privaten Mietverhältnissen wohnen, vom öffentlichen Wohnungsbau. Was in anderen Städten unmöglich erscheint, vermag Wien durch einen immensen Rückhalt an Grundstücken, die nicht zum Verkauf stehen. Anders als ­Berlin, das große Teile seines kommunalen Grund- und Wohnungs­besitzes abgestoßen hat, um das in Deutschland geltende Schulden­verbot für Bundesländer einzuhalten, hat Wien seine Immobilien ­immer bewahrt.

»Wien ist oft ein Vorbild für Berlin, gerade im Hinblick auf den Wohnungsbau«, sagte die Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins, Ulrike Hamann, der Deutschen Presse-Agentur im vergangenen Jahr. Wien habe einen »großen Sektor, in dem nicht nach Gewinnorientierung ­gewirtschaftet wird, sondern nach Gemeinwohlorientierung. Das fehlt uns in Berlin.«

Nicht nur das: Erst kürzlich sorgte der Vorschlag der Berliner Links­partei, Schwimmbäder nach dem Vorbild Wiens auf den Hochhausdächern der deutschen Hauptstadt zu errichten, für Furore. Nach kurzer Debatte ist die Idee aber schon wieder vom Tisch. In dem von Harry Glück in den Siebzigern konzipierten Wohnanlage Alterlaa im Süden Wiens ist der Mieter-Pool längst Realität. Für die rund 9.000 Mieter gibt es 14 Schwimmbäder, davon sieben auf Gebäudedächern.

Auch in Wien reicht die Zahl der Wohnungen nicht aus

Aber auch in Wien reicht die Zahl der Wohnungen längst nicht aus, um die wachsende Nachfrage zu bedienen. Statt gigantischer Superblocks sollen, so die Pläne der öffentlichen Hand, überschaubare Quartiere neu gebaut werden, die mit Grünflächen, konsumfreien Zonen und Begegnungsstätten ausgestattet sind.

Überflüssig zu erwähnen, dass das Wiener Wohnungsmodell in der Praxis seine Schwächen hat. Zwar sind im Gemeindebau Wiens die Mieten vergleichsweise niedrig, allerdings haben die Mieter oftmals auch sogenannte Investitionspflichten. Es gilt sich also davor zu hüten, Wien zum Mieterparadies zu verklären oder in die Lobgesänge einzustimmen, die vor allem die Wiener SPÖ singt.

Doch bleibt wahr, dass in Wien durchaus gezeigt wird, wie es möglich ist, durch institutionelle Eingriffe die Mietsteigerung zumindest abzuflachen. Wien gibt ein gutes Beispiel, dass nur demokratisch organisierte Wohnungspolitik ein elementares menschliches Bedürfnis vernünftig zu befriedigen verspricht.