Der analoge Mann
Der 25jährige David Hermlin ist das Aushängeschild der Berliner Swing-Szene. Keiner ist so jung, so gutaussehend, so talentiert wie er. Er spielt virtuos Schlagzeug und singt und tanzt und ist überhaupt ein vollkommener Entertainer. Ein Showman! So einen Musiker hat diese Szene lange nicht hervorgebracht.
Mit seinen Bands hat er in den vergangenen Jahren in ganz Europa gespielt. Jetzt aber erlebt David einen schrecklichen Shitstorm. Unter seinem Instagram-Post mit der Überschrift »I Am Being Cancelled« finden sich 1.500 Kommentare, viele negativ bis beleidigend. Aber auch viele solidarische.
David stammt aus einer jüdischen Familie und ist Afrodeutscher
David stammt aus einer jüdischen Familie und ist Afrodeutscher. Sein Großvater wurde im Nationalsozialismus verfolgt. Da er selbst Diskriminierung ausgesetzt ist, sollte man ihm mit Verständnis und Respekt begegnen. Aber die Leute im Internet sind gnadenlos selbstgerecht und stürzen sich auf ihn wie Piranhas.
David Hermlin wird angegriffen, weil er eine gelbe Schleife am Revers seiner Jacke trägt. Die Geschichte begann Ende Juli im schwedischen Herräng beim Herräng Dance Camp, dem größten Swingtanz-Camp der Welt, als eine Gruppe von Teilnehmern, die sich »Jazz for Palestine« nennt, ein Treffen veranstaltete. David und sein Vater stellten Fragen, nämlich an welche Organisation die Spenden weitergegeben werden, die die Gruppe sammelt, und was in dem arabischsprachigen Lied gesungen wird, das die Gruppe in den sozialen Medien posten wollte.
Allein das wurde schon als Provokation empfunden, man fühle sich »unwohl«. Davids gelbes Schleifchen wurde als Unterstützung des »Genozids« interpretiert. Er und sein Vater wurden angeschrien. Am Abend wurde David von einer Jam-Session ausgeladen – später sogar von einem anderen Festival, seine Band ausdrücklich nicht.
Jetzt wehrt er sich. In einem Interview mit Fox News äußert er sich sehr eloquent über die Anwürfe aus der »propalästinensischen« Szene. Auch wenn Fox News als Anlaufstelle nicht sehr glücklich gewählt ist, inhaltlich ist alles richtig dargestellt. Es kann keine Bedingung für die Teilnahme an einem Swingtanz-Camp sein, dass man im Chor »Free Gaza« ruft. Sonst würde das Herräng Dance Camp im nächsten Jahr viel kleiner ausfallen.
Ich glaube, dass die Mehrheit gleichzeitig für Israel und die Palästinenser ist. Außerhalb der Bubble ist man in der Lage, das Leid der Palästinenser und der Israelis gleichermaßen anzuerkennen.
Denn obwohl die Leute, die sich nur noch in ihrer Free-Gaza-Bubble bewegen, das nicht glauben möchten, ist ihre Bewegung nicht besonders groß. Gerade das ist es ja, was sie vor allem für junge Leute interessant macht. Es ist eine kleine und sehr laute Bewegung, aber selbst in Stockholm, Barcelona und London sind ihre Positionen nicht in der Mehrheit.
Mir ist die Mehrheit normalerweise egal, jetzt beruhigt sie mich. Die Mehrheit interessiert sich nämlich nicht für Palästina und auch nicht für Israel. Den Krieg in Gaza findet niemand richtig. Es tut ihnen vielleicht leid, aber nicht genug, um auf eine Demo zu gehen. Und bestimmt sind auch viel mehr Leute, als man zunächst glaubt, antisemitisch.
Aber ich bin irgendwie trotzdem davon überzeugt, dass die Mehrheit sich irgendwo in der Mitte bewegt. Die Mitte gibt es im Internet allerdings nicht mehr, wo Algorithmen regieren und alle in ihrer Bubble festsitzen. Ich glaube, dass die Mehrheit gleichzeitig für Israel und die Palästinenser ist. Außerhalb der Bubble ist man in der Lage, das Leid der Palästinenser und der Israelis gleichermaßen anzuerkennen. Und letztlich ist das auch der vernünftige Weg heraus aus diesem ewigen Dilemma.