11.09.2025
Johannes ­Radczinski vom Online-Magazin »Untiefen« im Gespräch über eine Petition gegen eine neue Oper in Hamburg

»Kühne und Nagel hat von der ›Arisierung‹ profitiert«

Eine Petition protestiert gegen den geplanten Bau einer neuen Oper in Hamburg. Die »Jungle World« sprach mit Johannes Radczinski vom Online-Magazin »Untiefen«, das den Aufruf mit initiiert hat.

Sie haben mit vielen anderen Bündnispartnern eine Online-Petition ins Leben gerufen, um den Bau einer neuen Oper in Hamburg bereits im Planungsstadium aufzuhalten. Warum möchten Sie kein neues Opernhaus in Hamburg?
Hamburg braucht kein neues Operngebäude. Die Petition richtet sich aber auch gegen die Art, wie die Pläne zustande gekommen sind. Der Multimilliardär Klaus-Michael Kühne hat die Idee einer neuen Oper im Stadtteil Hafencity im Mai 2022 vorgebracht. Der Senat hat dann hinter geschlossenen Türen mit ihm und seiner Stiftung verhandelt und im Februar dieses Jahres stolz das Ergebnis präsentiert – ohne jegliche öffentliche Beteiligung.

Aber wäre das neue Opernhaus nicht ein Geschenk von Kühne?
Sicher, in den Plänen, die der Senat nun der Bürgerschaft vorgelegt hat, liegen die finanziellen Risiken vor allem bei der Kühne-Stiftung. Aber trotzdem sind darin auch erhebliche Kosten für die Stadt enthalten, bisher gut 250 Millionen Euro.

Hamburg hat bereits eine Oper in der Innenstadt. Sie fordern, dass diese weiterbetrieben wird?
Genau, es gibt am jetzigen Standort bereits seit 1827 ein mittlerweile denkmalgeschütztes Opernhaus. Statt ein neues Gebäude zu errichten, sollte die Stadt das bestehende sanieren und als Spielort für die Staatsoper erhalten. Kühnes ursprünglicher Plan war, das Gebäude abzureißen und durch Büros zu ersetzen. Der Hamburger Senat verspricht nun zwar, es für eine kulturelle Nutzung langfristig zu erhalten. Aber wir fragen uns: Welches Publikum soll diese 1.700 Sitzplätze dann füllen? Zu befürchten ist, dass entweder gar keine Nachnutzung gelingt oder nur ein weiterer völlig überflüssiger Musical-Standort entsteht.

»Der jüdische Kaufmann Adolf Maass war Teilhaber von Kühne und Nagel, bis er 1933 ohne Abfindung aus dem Unternehmen gedrängt wurde. Er und seine Frau wurden in Auschwitz ermordet. Es ist für uns eine unerträgliche Vorstellung, dass Kühne in Hamburg ein riesiges Denkmal erhält, während all dessen nicht gedacht wird.«

Klaus-Michael Kühne tritt in Hamburg ja gern als Mäzen auf. Der HSV wäre ohne ihn wahrscheinlich auch nicht wieder in der Bundesliga. Warum finden Sie es schwierig, sein Geld anzunehmen?
Kühne zählt mit einem geschätzten Vermögen von 38 Milliarden US-Dollar zu den 50 reichsten Menschen der Welt. Die Grundlage dieses Vermögens verdankt er seinem Logistikkonzern Kühne und Nagel, der im Nationalsozialismus unter der Leitung seines Vaters und Onkels von »Arisierungen« und vom Transport geraubten jüdischen Eigentums profitierte. Kühne sabotiert die Aufarbeitung dieser Geschichte und hält unliebsame Forschungsergebnisse unter Verschluss. Wenn die Stadt sein »Geschenk« annimmt, legitimiert sie diese Schlussstrichmentalität.

In Ihrer Petition kritisieren Sie auch den geplanten Ort für die Oper, den Baakenhafen in der Hafencity. Warum ist dieser Ort ungeeignet?
Der Baakenhafen war die logistische Drehscheibe für Transporte in die deutschen Kolonien und aus ihnen und ab 1904 Ausgangspunkt für den Völkermord an den Herero und Nama. Im Nationalsozialismus wurde dort außerdem von Kühne und Nagel transportiertes Raubgut zwischengelagert. Und die zentrale Hamburger Deportationsstätte, der Hannoversche Bahnhof, liegt keine 500 Meter Luftlinie von dem geplanten Operngrundstück entfernt. Von dort wurden 1942 auch Käthe und Adolf Maass deportiert. Der jüdische Kaufmann Adolf Maass war Teilhaber von Kühne und Nagel, bis er 1933 ohne Abfindung aus dem Unternehmen gedrängt wurde. Er und seine Frau wurden in Auschwitz ermordet. Es ist für uns eine unerträgliche Vorstellung, dass Kühne in Hamburg ein riesiges Denkmal erhält, während all dessen nicht gedacht wird.

Die neue Oper soll von »Weltrang« sein, so der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Wäre das nicht schön, wenn Hamburg eine solche Oper bekäme?
Eine offene, lebendige und vielbesuchte Oper wünsche ich mir auch. Und ich halte wenig von prinzipieller Kritik an der Oper als vermeintlich elitärer oder weißer Kunstform. Aber die Vorstellung, Hamburg brauche ein Operngebäude von »Weltrang«, um mit Häusern wie der »Met« in New York City konkurrieren zu können, ist völlig kunstfern. Kultur wird so zum Standortfaktor erniedrigt.