11.09.2025
Die Ergebnisse des IfS-Gruppenex­periments sollen erstmals komplett veröffentlicht werden

Postnazismus in der BRD – Schuld und Abwehr

Das »Gruppenexperiment« des Instituts für Sozialforschung enthüllte Anfang der fünfziger Jahre das Fortleben der Nazi-Ideologie in den Köpfen der Deutschen. Die Ergebnisse wurden nie vollständig veröffentlicht – das soll nun nachgeholt werden.

» … meine Angehörigen – und darin glaube ich, meine Mutter keiner Lüge zeihen zu müssen – hat (sic!), obgleich sie vielleicht 500 Meter von dem KZ-Lager gewohnt hat, nichts von dem KZ-Lager gewusst.« Diese Aussage wurde im Gruppenexperiment des Instituts für Sozialforschung (IfS) wohl in einem hitzigen Moment getroffen. Adorno beschreibt die Situation so, dass der Versuchsleiter die Frage gestellt hatte, wer von den Anwesenden etwas von der nationalsozialistischen Vernichtung der Juden gewusst habe. Es kam zu Drohungen und Zwischenrufen: »Niemand – niemand – wohl gehört. Wohl gehört von Dachau, aber man hat nie gehört oder geahnt, dass dort Menschen ermordet werden«, überschlägt sich ein Teilnehmer in Beteuerungen des eigenen Unwissens.

Szenen wie diese sind in den Tausenden Seiten der Protokolle des Experiments festgehalten, das Anfang der fünfziger Jahre stattfand. Bislang waren nur Ausschnitte davon zugänglich. Das Projekt »Die postnazistische Gesellschaft« im IfS arbeitet nun daran, die vollständigen Archivbestände zu digitalisieren. Sie sollen »erstmals in Gänze öffentlich gemacht und erforscht werden«, kündigt das IfS an.

Vor 70 Jahren wurden die Ergebnisse des Gruppenexperiments der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Institut war damals gerade neu gegründet worden. Den Studienbericht publizierte Friedrich Pollock im zweiten Band der »Frankfurter Beiträge zur Soziologie«.

»Die Mentalitätsprägungen des Nationalsozialismus sind von generationenübergreifender Dauer.« Stephan Lessenich, Direktor des Instituts für Sozialforschung

Das Gruppenexperiment ist eine der bedeutendsten Studien für die methodische Entwicklung empirischer Sozialforschung. Es handelt sich dabei gewissermaßen um eine Fortsetzung der Arbeit, die mit den Studien zur »Authoritarian Personality« begann. Die Perspektive ist psychoanaly­tischsozial-­psy­chologisch geprägt, die Dialektik von Individuum und Gesellschaft wird in den Fokus der Empirie gerückt. Dadurch zeichnet das Gruppenexperiment ein frühes mentalitätsgeschichtliches Bild der deutschen Nachkriegsgesellschaft, ihrer Ausflüchte, Widersprüche und des Fortlebens der nationalsozialistischen Ideologie.
Stattgefunden hat es im Winter 1950/1951. Insgesamt hielten die For­scher:innen 121 Gruppendiskussionen mit 1.635 Teilnehmer:innen in Hessen, Bayern und Norddeutschland ab. Die Protokolle wurden aufwendig quantitativ und qualitativ ausgewertet. Mehrere Monographien zu Teilaspekten gingen aus dem Datenmaterial hervor, am bekanntesten wohl Theodor W. Ador­nos Kapitel über Schuld und Abwehr im abschließenden Forschungsbericht.

Die Herangehensweise an das Projekt war, wie Alex Demirović in seinem Buch »Der nonkonformistische Intellektuelle« schreibt, von einigen theoretischen Vorüberlegungen zur deutschen Mentalität geprägt. Man ging davon aus, dass die Deutschen dazu tendieren, in Klischees zu denken, die Niederlage und Besatzung als Autonomieverlust zu erleben, das Verhältnis zu den Besatzungsmächten von den eigenen verdrängten Schuldgefühlen bestimmen zu lassen und sich mit irrationaler Vehemenz über den Vorwurf kollektiver Verantwortung zu empören.

Mangelnde Schuldeinsicht, fortwährender Antisemitismus

Im Gruppenexperiment wurde versucht, Prozesse der Meinungsbildung nachzuvollziehen. Den Teilnehmer:in­nen wurde als Grundlage für die Diskussion ein (fingierter) Brief eines US-amerikanischen Besatzungsoffiziers auf Schallplatte vorgespielt. Im Brief werden die Deutschen generell positiv gezeichnet: »Der einzelne Deutsche wirkt eher gutmütig.« Allerdings beklagt der angebliche Autor dann die mangelnde Schuldeinsicht und den fortwährenden Antisemitismus.

Man wählte statt den damals gängigeren Einzelinterviews die Form der Gruppendiskussion. Davon erhoffte man sich, so Adorno, »jenen transsubjektiven Faktoren auf die Spur zu kommen, welche die öffentliche Meinung« charakterisieren. Adorno macht dabei folgende Beobachtung: »Wenn an die Nervenpunkte der Schuld gerührt wird, wird es besonders deutlich, wie viele der Angesprochenen fast mechanisch sich eines bereits fertig vorliegenden Vorrats von Argumenten bedienen, so dass ihr individuelles Urteil nur eine sekundäre Rolle zu spielen scheint: die eines selektiven Faktors im Verhältnis zu jenem Vorrat.«

Autor:innen und Rezipient:innen der Studie bemerken immer wieder eine sonderbare Uniformität der Argumentationsmuster, eine Art ideologisches Repertoire, aus dem die Einzelnen schöpften. In Adornos Studienkapitel über Schuld und Abwehr werden einige dieser wiederkehrenden Motive beschrieben: die Leugnung der Shoah, die Leugnung der eigenen Mitwisser:innen­schaft, die Ablehnung des Schuldvorwurfs, die Eingrenzung der Schuld auf eine kleine Clique, Ambivalenz gegenüber Jüdinnen und Juden bis hin zum unverhohlenen Antisemitismus sowie aggressive Einstellungen zu den Siegermächten, bei gleichzeitigem Wehklagen über die eigene Lage verbunden mit einer Anspruchshaltung gegenüber den Besatzern.

Beitrag zum Beschweigen des NS-Nachlebens

Gleichwohl Pollock darauf beharrte, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ seien und also nicht verallgemeinert werden könnten, ist die Auswertung so erschütternd wie wenig überraschend. Lediglich zehn Prozent der Teilnehmenden zeigen uneingeschränkte Zustimmung zur Demokratie, nur fünf Prozent räumten eine Mitschuld an den nationalsozialistischen Verbrechen ein, 72 Prozent vertraten weiterhin antisemitische Positionen.

Stephan Lessenich, der heutige Direktor des IfS, sagte der Jungle World, dass diese niederschmetternden Befunde ein Grund dafür gewesen sein könnten, warum die Ergebnisse nie vollständig veröffentlicht wurden. Das habe nicht nur die empirischen Materialien, sondern auch die am IfS ausgearbeitete Analysen betroffen. »Die IfS-Leitung, namentlich Adorno, hatte die Befürchtung, dass die Publikation des Befundes, dass die bundesdeutsche Gesellschaft in ihrem Denken und Fühlen zutiefst antidemokratische, antisemitische, rassistische und sozialchauvinistische Prägungen aufweist, dem eigenen wissenschaftlich-politischen Anliegen, die Demokratisierung der Bundesrepublik zu befördern, zuwiderlaufen, ja es konterkarieren könnte«, so Lessenich.

Doch die »Nichtpublikation« habe »auch einen Beitrag zum Beschweigen des NS-Nachlebens in der jungen Bundesrepublik geleistet«, merkt Lessenich kritisch an. Dieses Versäumnis soll nun, rund 70 Jahre später, behoben werden. Am Institut verspreche man sich davon, wissenschaftliche Sekundäranalysen zu ermöglichen. Dies ist nach Lessenich nicht nur von geschichtswissenschaftlicher, sondern auch von tagespolitischer Brisanz: »Die Mentalitätsprägungen des Nationalsozialismus sind von langer, generationenübergreifender Dauer, und die gegenwärtige Gesellschaft ist zwar auf eine andere Weise, aber letztlich ebenso auch eine postnationalsozialistische.«

Motive der Schuldabwehr

Tatsächlich sind die unter anderem von Adorno ausgemachten Motive der Schuldabwehr, des Post-Shoah-Antisemitismus und der Bagatellisierung der deutschen Verbrechen von bedrückender Gegenwärtigkeit. Die Abwehrhaltung erlaubte es den Besiegten psychodynamisch, ihr beschädigtes Selbstbild zu retten. Ende der sechziger Jahre formulierten Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrem Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« die These, dass keine produktive Loslösung von der Ideologie der Volksgemeinschaft stattgefunden habe.

Das war 1959 und 1960 deutlich vor Augen geführt worden. Damals kam es zu einer bundesweiten Welle des Antisemitismus. In Köln wurde an Heiligabend die Synagoge mit Hakenkreuzen sowie dem Spruch »Deutsche Fordern: Juden Raus« beschmiert. Es folgten Hunderte Nachahmungstaten in ganz Deutschland. Peter Schönbach prägte in diesem Zusammenhang den Begriff »sekundärer Antisemitismus«. Gemeint ist damit der Antisemitismus nach Auschwitz. Gerade die Kinder der Täter:innen wollten trotzig ihre Elterngeneration rehabilitieren.

Im Experiment des IfS lassen sich das Unaufgearbeitete, die Kränkungen und die Ressentiments der Deutschen nachvollziehen. Das gelingt gerade anhand ihrer sozialen Interaktion. Die Gruppensituation macht deutlich, dass die antisemitische und antidemokratische Ideologie durch ihre öffentliche Tabuisierung wenig Schaden genommen hat und zutage tritt, wenn man sich »unter sich« wähnte. Ein methodisch angeleiteter Blick in die Archive des Gruppenexperiments kann womöglich dazu beitragen, die Spuren des tradierten Antisemitismus in der Gegenwart auszumachen und diesen somit besser zu verstehen und zu kritisieren.