11.09.2025
Verwandte und Freund:innen der Hamas-Geiseln verschärfen ihren Protest gegen die israelische ­Regierung

Der Kampf der Angehörigen

Je weiter die israelische Armee auf Gaza-Stadt vorrückt, desto mehr spitzt sich der Konflikt zwischen der Regierung und den Angehörigen der Geiseln zu. Hoffnung auf eine Atempause gibt ein neuer Vorschlag der US-Regierung für eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas.

Ramle (Israel). Ende August 2024 wurden die vier männlichen Geiseln Hersh Goldberg-Polin (23), Ori Danino (25), Alexander Lobanov (32), Almog Sarusi (27) und die beiden weiblichen Geiseln Eden Yeru­shalmi (24) und Carmel Gat (40) in einem Tunnel in Rafah von ihren Peinigern exekutiert, als sich die israelische Armee ihrem Aufenthaltsort näherte.

Am Tag zuvor hatte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu in einer hitzigen Debatte mit seinem damaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant im Sicherheitskabinett den Verbleib israelischer Truppen entlang der südlichen Grenze des Gaza-Streifens zu Ägypten (dem sogenannten Philadelphi-Korridor) über die Rettung der Geiseln gestellt, zu deren Befreiung ein Teil- beziehungsweise Stufenabkommen, das auch den temporären Rückzug israelischer Truppen beinhaltete, diskutiert worden war.

Goldberg-Polin und Gat standen ganz oben auf der Liste der Geiseln, die im Zuge des Abkommens, dessen Entwurf seit Mitte Mai vorlag, freikommen sollten. Die Hinrichtungen machten klar, dass die Befreiung der Geiseln mit einem totalen Sieg über die Hamas nicht vereinbar ist. Vor die Alternative gestellt, eines der Kriegsziele priorisieren zu müssen, sprach sich die Mehrheit der Israelis für die Befreiung der Geiseln aus.

In der israelischen Bevölkerung spricht sich eine überwältigende Mehrheit von mehr als 70 Prozent für ein Abkommen zur Befreiung der Geiseln und ein Ende des Krieges aus.

Nun, ein Jahr später, wird wieder ein Teil- beziehungsweise Stufenabkommen diskutiert. Dieses hat der US-Sondergesandte Steve Witkoff vorgeschlagen und es sieht die Freilassung von zehn lebenden Geiseln im Gegenzug für die Freilassung von palästinensischen Häftlingen während einer 60tägigen Waffenruhe vor. Die Hamas hat dem Abkommen vor einigen Wochen zugestimmt. Die Angehörigen der Geiseln (mit ganz wenigen Ausnahmen) und Überlebende palästinensischer Geiselhaft fordern von der is­raelischen Regierung, dem Abkommen ebenfalls zuzustimmen.

Die ehemalige sozialdemokratische Knesset-Abgeordnete Emilie Moatti, die sich Tag und Nacht für das Hostages and Missing Persons Families Forum engagiert, hält es für das Wichtigste, alle Geiseln zurückzuholen. In der israelischen Bevölkerung spricht sich eine überwältigende Mehrheit von mehr als 70 Prozent für ein Abkommen zur Befreiung der Geiseln und ein Ende des Kriegs aus. Hunderttausende Israelis gingen dafür in den vergangenen Wochen auf die Straße. Nur ein Viertel der Bevölkerung möchte eine Fortsetzung des Kriegs. Doch die Regierung zeigt sich unbeirrt und drängt auf die Eroberung von Gaza-Stadt, ungeachtet der Gefahr, die dieses Vorgehen für das Leben der Geiseln bedeutet.

Als Reaktion darauf haben sich die Proteste in den vergangenen Wochen radikalisiert und auch politisch verallgemeinert. Die Verknüpfung mit den Protesten der Demokratiebewegung gegen die geplanten Justizreformen gibt den Protesten Schwung, birgt aber die Gefahr, dass sie als links wahrgenommen werden und sich konservative Israelis zurückziehen.

Streik- und Protesttag am 17. August

Jehuda Cohen, der Vater von Nimrod Cohen, einer der 20 mutmaßlich noch lebenden Geiseln, ist sich sicher, dass sein Sohn ohne ein Ende des Kriegs nicht freikommen wird. Nimrod Cohen wurde am 7. Oktober nach Gaza verschleppt, als er versuchte, die israelische Grenze gegen die Übermacht der palästinensischen Terroristen zu verteidigen.

Die Mutter des 25jährigen Matan Zangauker – auch er zählt zu denjenigen Geiseln, die noch am Leben sind – rief bei der zentralen Kundgebung am Abend des Streik- und Protesttags vom 17. August, Tag des Stillstands genannt, den 400.000 Teilnehmenden zu, dass Netanyahu den gerechtesten aller Kriege zu einem falschen Krieg gemacht habe, der einzig für sein politisches Überleben weitergeführt werde. Der Vater der 19jährigen Geisel Ruby Chen wirft dem Ministerpräsidenten vor, dass er die Hamas erst habe stark werden lassen, und fordert ihn auf, seiner moralischen Pflicht nachzukommen und für die Freilassung der Geiseln zu sorgen.

Netanyahu bestreitet den Vorwurf, seine Pflicht vernachlässigt zu haben, und verweist auf die inzwischen 207 Geiseln, die er zurückgebracht habe. Unerwähnt lässt er, dass 42 davon tot zurückgekehrt sind. Hershs Vater, Jonathan Polin, bezeichnete Netanyahus Eigenlob als gefühllos gegenüber seinem Sohn und anderen, die tot zurückgekehrt sind, aber mit einem Abkommen hätten gerettet werden können.

Protestcamp an der Grenze zum Gaza-Streifen

Mitte August errichteten 500 Frauen ein einwöchiges Protestcamp direkt an der Grenze zum Gaza-Streifen, unter ihnen Ayala Metzger, deren Schwiegereltern aus dem Kibbuz Nir Oz entführt worden waren. Ihre Schwiegermutter Tami Metzger kehrte im Rahmen des ersten Abkommens im November 2023 zurück, ihr Schwiegervater Yoram wurde im Februar 2024 in Geiselhaft ermordet.

Ayala Metzger meint, dass die Hamas militärisch geschlagen sei und es keine Rechtfertigung mehr für den Krieg gebe. Die Behauptung, der Krieg werde weitergeführt, um eine Wiederholung des Massakers vom 7. Oktober unmöglich zu machen, weisen Metzger und Merav Swirski, die Schwester des in Geiselhaft ermordeten Itay Swirski und ebenfalls Protestcampteilnehmerin, im Gespräch mit der Jungle World zurück. Mit der Stationierung der Armee entlang der Grenze könne Sicherheit für die Bewohner:innen des Umlands von Gaza garantiert werden, sind beide überzeugt.

Metzger wehrt sich zudem vehement gegen die Instrumentalisierung der Geiseln und ihrer Angehörigen, wie sie sie in politisch konservativen, israelsolidarischen Kreisen in den USA, aber auch in Deutschland wahrnimmt. Mit der Fortdauer der Geiselhaft für den Krieg zu argumentieren, verkehre die Forderung der Angehörigen nach einem Ende des Krieges.

Sieben der Geiseln besitzen auch die deutsche Staatsbürgerschaft

Efrat Machikawa, die Nichte der Überlebenden Margalit und Gadi Moses, die ihr Leben seit dem 7. Oktober dem Kampf der Angehörigen widmet, und die Aktivisten an ihrer Seite trennen scharf zwischen der Solidarität mit der israelischen Regierung und der Solidarität mit der israelischen Bevölkerung. Gleichzeitig fordern sie von Entscheidungsträgern weltweit und auch von der deutschen Bundesregierung, mehr für die Freilassung der Geiseln zu tun.

Machikawa erinnert daran, dass sieben noch in Gaza gefangen gehaltene Geiseln auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Sie hat mit all deren Angehörigen ein Plakat erstellt, um die deutsche Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen und die Verantwortlichen in Deutschland zum Handeln zu bewegen. Konkret fordern die Angehörigen der deutschen Geiseln, die Geldströme des palästinensischen Terrorismus zu blockieren, die über Deutschland fließen, und stärkeren Druck von Seiten der Bundesregierung auf Länder wie die Türkei und Katar, die auf die Hamas Einfluss hätten.

In einer weiteren Verschärfung ihres Kampfs in Israel trugen die Angehörigen ihren Protest Anfang September vor den Amtssitz des Ministerpräsidenten. Dort forderte Viki Cohen, die Mutter des erwähnten Nimrod Cohen, Netanyahu dazu auf, nicht länger die gelbe Schleife, das Solidaritätssymbol für die Geiseln, zu tragen, weil er nicht mehr glaubhaft behaupten könne, an deren Seite zu stehen. Netanyahu meinte in einer Videoansprache, die Protestierenden erinnerten ihn an »faschistische Falangisten«.

Netanyahu sagte in einer Videoansprache, die Protestierenden erinnerten ihn an »faschistische Falangisten«.

Während die Angehörigen in Jerusalem protestierten, die Armee in Gaza-Stadt vorrückte und Trump den Ton gegenüber der Hamas noch einmal verschärfte, gab die Terrororganisation bekannt, für die Freilassung aller Geiseln und ein Ende des Kriegs offen zu sein. Netanyahu wertete das Angebot umgehend als bloße Propaganda, die nichts Neues enthalte, und betonte, dass es ohne eine Entwaffnung der Hamas und den Verbleib israelischer Truppen im Gaza-Streifen kein Ende des Kriegs geben werde.

Die Angehörigen forderten dagegen die Regierung auf, umgehend die Verhandlungen wiederaufzunehmen. Trump konkretisierte Ende vergangener Woche einen Vorschlag für ein Abkommen, der vorsieht, alle Geiseln am ersten Tag der Waffenruhe freizulassen und die Einnahme von Gaza-Stadt abzubrechen. Israel wird vorübergehend weitere Truppenpräsenz im Gaza-Streifen zugestanden; während der Verhandlungen über ein Kriegsende würden die USA eine Waffenruhe garantieren. Am Dienstag griff die israelische Armee Berichten zufolge aus der Luft ein Gebäude in der katarischen Hauptstadt an, in dem sich die Hamas-Führung aufgehalten haben soll, um über ein Waffenstillstandsabkommen zu diskutieren.

Israel erlebt schicksalhafte Tage, in denen das Leben der verbliebenen Geiseln auf dem Spiel steht, deren Familien weiter ihren schlimmsten Alptraum durchleben und heftigste innenpolitische Konflikte bevorstehen, wenn kein Abkommen erreicht werden sollte.