Jungle+ Artikel 11.09.2025
Der Krieg verschärft in der Ukraine soziale und politische Konflikte

Leben am Anschlag

Nach fast vier Jahren Krieg ist die ukrainische Gesellschaft zermürbt, soziale und politische Krisen verschärfen sich. Eine Reise durch ein Land, in dem es unmöglich scheint, an die Zukunft zu denken.

Kiew / Krywyj Rih. Noch heißt es Warten. Einige sitzen mit Snacks auf Bänken vor dem Eingang der Tiefgarage in einem Wohnviertel im Nordwesten von Kiew. Andere haben sich Campingstühle mitgebracht. Kinder, die längst im Bett sein sollten, laufen herum. In den unteren Stockwerken liegen zwischen den Autos schlafende Menschen. Müde aussehende Männer kommen immer wieder nach oben, um zu rauchen. Alle schauen auf ihre Mobiltelefone.

Schlaf oder Bunker

Große Luftangriffe beginnen in der Regel mit Schwärmen von Drohnen, die die Luftabwehr überfordern sollen. In dieser Nacht werden es insgesamt fast 500 Drohnen sein. Telegram-Kanäle informieren in Echtzeit über die Lage im Himmel: Wie viele Drohnen, wie viele Marschflugkörper sind in der Luft, wie weit sind sie entfernt? Ihr Ziel lässt sich nur erraten, oft wechseln sie die Richtung.

Wenn auf dem russischen Militärflughafen Engels an der Grenze zu Kasachstan strategische Bomber aufsteigen, ist das üblicherweise ein Zeichen für einen größeren Angriff. Doch es kann Stunden dauern, bis die Marschflugkörper ankommen – genug Zeit vielleicht sogar, um noch etwas zu schlafen. Auch Drohnen fliegen stundenlang, bevor sie ihr Ziel erreichen. Bei ballistischen Raketen bleiben nur wenige Minuten bis zum Einschlag.

Nach vier Stunden Schlaf zeigt der Blick aufs Handy am nächsten Morgen: Brennende Häuser in Lwiw, eine Fa­brik in den Karpaten liegt in Trümmern. Ein Toter, über ein Dutzend Verletzte.

Geht nachts der Luftalarm, stellt sich die Frage: nach draußen in den Schutzraum oder liegen bleiben? Verschätzt man sich, kann das heißen, mitten in der Nacht von krachenden Explosionen geweckt zu werden und stundenlang im Korridor oder im Badezimmer ausharren zu müssen.

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